Das Klassenzimmer ist still geworden. Im Flur der 33. Grundschule in Dresden-Neustadt hört man nur gedämpftes Stimmengewirr aus den anderen Räumen. Hier, in einem kleinen, mit bunten Bildern geschmückten Besprechungszimmer, sitzen sich zwei Viertklässler gegenüber. Zwischen ihnen auf dem Tisch liegt eine Holzplatte, bemalt wie eine Brücke mit blauen, gelben und grünen Feldern. Es ist die „Friedensbrücke“. Neben den Kindern sitzt Michael Laniado, 74 Jahre alt, mit einer ruhigen, aufmerksamen Haltung. Vor sieben Jahren leitete er noch die Radiologie der Uniklinik Dresden. Heute ist er Senior-Streitschlichter. Sein Werkzeug sind nicht mehr Röntgenbilder, sondern Geduld, Empathie und diese bunte Holzbrücke. Sie hilft den Kindern, Schritt für Schritt aus ihrem Konflikt herauszufinden – vom blauen Feld „Was ist passiert?“ bis zum grünen Feld „Versöhnung und Handschlag“.
Ein ungewöhnlicher Ruhestand: Vom Arzt zum Schulmediator
Michael Laniados Weg in das Ehrenamt begann mit einem Zufallsfund. „Ich hab durch Zufall bei meinen Eltern im Haus ein Magazin gefunden, in dem ein Artikel zu ‚Seniorpartner in School‘ (SiS) drin war“, erinnert er sich. Das war 2019, ein Jahr nach seiner Pensionierung. Der gebürtige Düsseldorfer, der 18 Jahre lang die Radiologie an der Uniklinik geleitet und immer viel mit jungen Assistenzärzten gearbeitet hatte, war neugierig. „Ich habe auch gelehrt und dachte, das Ehrenamt würde mir Freude machen. Ich mag Kinder auch sehr gerne.“ Doch der Einstieg ist nicht einfach. Nicht jeder kann Senior-Schlichter werden. „Man muss vorher Module absolvieren und ein erweitertes Führungszeugnis einreichen“, erklärt Laniado. Die Ausbildung umfasst Gesprächsführung, Konfliktpsychologie bei Kindern und rechtliche Grundlagen.
Seit dreieinhalb Jahren verbringt er nun jeden Mittwoch zwischen 10 und 14 Uhr mit seiner Schlichter-Kollegin an der 33. Grundschule. Die Schule ist eine von sieben Dresdner Partnerschulen des Vereins „Seniorpartner in School Sachsen“, der insgesamt 65 ehrenamtliche Mediatoren an 27 sächsischen Schulen einsetzt. Der Bedarf ist groß. „Das Klima hier ist sehr gut, die Lehrer leisten Großartiges“, betont Laniado. „Doch wie überall tun sich manche Kinder schwer, entweder schulisch oder im Sozialverhalten.“ Genau hier setzt seine Arbeit an.
Die Methode: Zuhören statt belehren
Die Hauptaufgabe der SiS-Ehrenamtlichen sind Mediationen. „Die häufigste Konstellation ist, dass zwei Kinder im Streit miteinander sind“, sagt Laniado. Ein Streit um Stifte, eine ausgeschlossene Teilnahme am Fußballspiel, ein verletzendes Wort – die Auslöser sind so alltäglich wie die Emotionen dahinter für die Kinder tiefgreifend. Die Gespräche sind immer freiwillig. „Die Akzeptanz ist sehr hoch. Vertrauen aufzubauen ist ein wesentlicher Teil, um Kontakt herzustellen, sonst kommen sie gar nicht auf uns zu.“
In den Mediationsgesprächen geht es nicht darum, Richter zu spielen oder Lösungen vorzugeben. Das Wichtigste sei zuzuhören, unparteiisch und nicht belehrend zu sein. „Die Kinder sollen die Lösungen im Gespräch selbst finden“, erklärt Laniado. Die Friedensbrücke dient dabei als visuelle und strukturierende Hilfe. Jedes Feld steht für einen Schritt: Die Kinder schildern den Vorfall, benennen ihre Gefühle, überlegen, was sie selbst hätten anders machen können, und entwickeln schließlich eine gemeinsame Lösung. „Streit gehört zum Miteinander“, findet Laniado, „aber in einer Form, die nicht verletzend ist.“
Oft versuchen die Streitschlichter, Empathie auszulösen, indem sie die Kinder fragen: „Wie würdest du dich fühlen, wenn dir das passiert wäre?“ Dieser Perspektivwechsel ist für viele Kinder ein Schlüsselmoment.
Eine wertvolle Lücke im System
Das Engagement der Seniorpartner füllt eine wichtige Lücke im Schulalltag. Lehrerinnen und Schulsozialarbeiter sind oft stark ausgelastet. Die ehrenamtlichen Schlichter bringen hingegen etwas mit, das in der Hektik des Schulbetriebs manchmal zu kurz kommt: Zeit. Und eine besondere Lebenserfahrung. „Manche umarmen einen auch zur Begrüßung“, freut sich Laniado über die oft unvoreingenommene Herzlichkeit der Kinder. Damit die Ehrenamtlichen auch im Gedächtnis der Schüler bleiben, stellen sie sich zu Beginn jedes Schuljahres in den Klassen erneut vor.
Die Wirkung dieser Arbeit geht oft über den Einzelfall hinaus. Kinder, die positive Erfahrungen mit Konfliktlösung gemacht haben, tragen diese Haltung weiter. Für Michael Laniado ist das Ehrenamt längst zu einem Herzensprojekt geworden. „Ich nehme auch mal was im positiven Sinne mit nach Hause“, gesteht er. „Auch die Zusammenarbeit mit der Schulleiterin und der Schulsozialarbeiterin ist fantastisch.“ Sein beruflicher Hintergrund als Radiologe, der genau hinschauen und komplexe Bilder entschlüsseln musste, hilft ihm auch heute: Jetzt entschlüsselt er Konflikte und hilft Kindern, ein klares Bild von ihrer Situation und ihren Gefühlen zu bekommen.
In einer Zeit, in der gesellschaftliche Gräben und verhärtete Fronten auch in Dresden oft diskutiert werden, wirkt die Arbeit von Michael Laniado und seinen Kollegen wie ein kleines, aber stabiles Gegengewicht. Sie beginnt an der Basis, bei den Jüngsten, und setzt auf die Kraft des Zuhörens und des gemeinsamen Lösens. Wenn die beiden Viertklässler am Ende der Stunde über die grünen Felder der Friedensbrücke gehen und sich zum Handschlag treffen, ist mehr gewonnen als nur ein beigelegter Streit. Es ist ein Stück gelebte, generationenübergreifende Friedensarbeit – mitten in Dresden.
- Die Kinder schildern den Vorfall
- Benennen ihre Gefühle
- Überlegen, was sie selbst hätten anders machen können
- Entwickeln eine gemeinsame Lösung
- Setzen Schritte zur Versöhnung um
- Erleben persönliche Entwicklung durch Konfliktlösung
| Aspekt | Bedeutung |
|---|---|
| Vertrauen aufbauen | Essentiell für erfolgreiche Mediation |
| Perspektivwechsel | Fördert Empathie |
| Freiwilligkeit | Erhöht Akzeptanz |
| Strukturierte Hilfsmittel | Unterstützt den Mediationsprozess |
| Elternarbeit | Stärkt das Teamgefühl |
| Langfristige Wirkung | Positive Auswirkungen auf zukünftige Konflikte |