Die Ermittlungen zum islamistischen Anschlag auf den Berliner CSD haben einen neuen, möglicherweise entscheidenden Aspekt. Wie die „Welt“ unter Berufung auf Sicherheitskreise berichtet, haben die Behörden im Tatfahrzeug des Attentäters Abdul Ballout ein zweites Mobiltelefon sichergestellt. Dieses Gerät war nicht identisch mit dem Handy, das das Berliner Landeskriminalamt (LKA) seit Ballouts Haftentlassung im Mai überwacht hatte. Die Auswertung des nun beim Bundeskriminalamt (BKA) liegenden Handys könnte, so der Bericht, als „Missing Link“ Aufschluss darüber geben, ob Ballout bei der Planung der Tat Kontakt zu weiteren Personen hatte.
Dieser Fund wirft neue, kritische Fragen auf. Vor allem stellt er die bisherigen Überwachungsmaßnahmen in den Wochen vor dem Anschlag erneut auf den Prüfstand. Ballout war als sogenannter Gefährder bekannt. Nachdem er am 12. Mai vom Jugendschöffengericht am Amtsgericht Tiergarten zu einer Jugendstrafe verurteilt worden war, kam er wegen einer zurückgestellten Bewährungsentscheidung auf freien Fuß. Von diesem Zeitpunkt an standen seine bekannten Kommunikationsmittel unter Beobachtung.
Wie die „Bild“-Zeitung detailliert beschreibt, richtete das LKA Berlin für die Observation die Sondergruppe „Seegans“ ein. Über Wochen verhielt sich Ballout nach außen hin unauffällig. Die Ermittler beobachteten ihn unter anderem beim Einkaufen. Oft verließ er seine Wohnung in der Bissingzeile in Charlottenburg tagelang nicht. Die Kommunikation über die überwachte Rufnummer ergab nur belanglose Gespräche und Gebete. Sogar der Einsatz eines sogenannten IMSI-Catchers, der Handys in der Umgebung anlockt und ausliest, brachte keine entscheidenden Erkenntnisse.
Doch dann scheint Ballout misstrauisch geworden zu sein. Dem „Bild“-Bericht zufolge trat er am 2. Juli vor seine Wohnung und trug eine täuschend echt aussehende Spielzeugwaffe im Hosenbund – eine Szene, die von einer Überwachungskamera gegenüber aufgezeichnet wurde. Als die Polizei am nächsten Tag seine Wohnung durchsuchte und die Attrappe fand, könnte Ballout dadurch erkannt haben, dass er beobachtet wurde. Dies wäre ein gezielter Test der Sicherheitsbehörden gewesen.
Die jetzt aufgetauchte zweite SIM-Karte oder das zweite Handy erklärt, wie Ballout möglicherweise unbemerkt kommunizieren konnte. Gleichzeitig zeichnen die Bewegungsdaten des weißen Kleinbusses laut „Welt“ ein Bild, das auf externe Anweisungen hindeutet. Der Attentäter fuhr demnach nicht direkt zum Tatort im Tiergarten, sondern legte einen Zickzackkurs mit mehreren Stopps zurück.
Für die Berliner Bürgerinnen und Bürger, die das Vertrauen in den Schutz durch die Behörden nach solch einer schrecklichen Tat dringend benötigen, sind diese neuen Details verstörend. Sie werfen ein grelles Licht auf die praktischen Grenzen der Gefährder-Überwachung. Ein Mann, der wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat verurteilt worden war, konnte offenbar ein zweites, unbekanntes Kommunikationsmittel nutzen und möglicherweise seine Überwachung austesten. Die zentrale Frage, die nun das BKA beschäftigt, ist:
- Stand er in Kontakt mit anderen?
- War der Anschlag am 25. Juli, bei dem eine Frau starb und 31 Menschen verletzt wurden, doch Teil eines Netzwerks?
- Wie wird das BKA und die Bundesanwaltschaft reagieren?
- Was sind die nächsten Schritte der Ermittlungen?
- Wie kann ein ähnlicher Vorfall in Zukunft verhindert werden?
- Wie wird die Öffentlichkeit über die Fortschritte informiert?
Die Bundesanwaltschaft und das BKA wollten den Bericht über das zweite Handy am Montagabend auf Anfrage des Tagesspiegels weder bestätigen noch dementieren. Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren. Für die Hinterbliebenen und die verletzten Opfer des Anschlags sind die Antworten auf diese Fragen von unermesslicher Bedeutung. Für die Berliner Sicherheitsarchitektur stellen sie eine entscheidende Bewährungsprobe dar. Die Bevölkerung erwartet zu Recht lückenlose Aufklärung und Konsequenzen, damit sich solche tragischen Fehler in der Überwachung hochgefährlicher Personen nicht wiederholen können.
| Aspekte | Details |
|---|---|
| Ermittler | LKA Berlin |
| Überwachungsgruppe | Seegans |
| Datum des Anschlags | 25. Juli |
| Opfer | 1 Tote, 31 Verletzte |
| Handy Fund | Zweites Mobiltelefon |
| Bewegungen des Täters | Zickzackkurs mit Stopps |