Es ist früher Morgen in Essen-Burgaltendorf, und auf dem gepflasterten Platz vor der Kita Sonnenstrahl herrscht konzentrierte Stille. Fünf Vorschulkinder stehen kerzengerade am Bordstein. Ihre Blicke sind ernst, gerichtet auf die kleine Seitenstraße. „Erst links gucken, dann rechts, dann noch mal links“, sagt Meike Tromm von der ADAC Stiftung mit ruhiger Stimme. „Und immer mit den Ohren hören. Könnt ihr ein Auto kommen hören?“ Die Kinder nicken eifrig. Jonte (5) fasst seine kleine Schwester Flora (3) fest an der Hand. In wenigen Wochen wird er eingeschult. Dieser Trainingsvormittag soll ihm und seinen Freunden die Angst vor dem neuen, großen Weg nehmen.
Die Verkehrserziehung in den Kindertagesstätten ist keine nette Zugabe, sondern eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes verunglückten im Jahr 2023 in Deutschland 19.668 Kinder unter 15 Jahren im Straßenverkehr, 48 von ihnen starben. Besonders gefährdet sind die Jüngsten: Kinder im Einschulungsalter können Entfernungen und Geschwindigkeiten von Fahrzeugen noch nicht richtig einschätzen und ihr Sichtfeld ist eingeschränkt. In Essen, einer Stadt mit starkem Durchgangsverkehr und vielen verkehrsberuhigten Zonen in Wohngebieten, ist die Lage besonders ambivalent. Einerseits fördert die Stadt gezielt den Fußverkehr und die Schulwegsicherheit. Andererseits beklagen Elterninitiativen in Stadtteilen wie Altenessen, Kray oder Borbeck seit Jahren gefährliche Situationen an unübersichtlichen Kreuzungen und vor Schulen.
„Wir müssen die Kinder da abholen, wo sie in ihrer Entwicklung stehen“, erklärt Meike Tromm, während sie den Kindern neon-gelbe Sicherheitswesten überreicht. „Ein fünfjähriges Kind denkt nicht in Metern und Sekunden. Es denkt in ‚Auto-da‘ und ‚Auto-weit-weg‘. Unsere Übungen machen Gefahren begreifbar.“ Die ADAC Stiftung führt solche kostenlosen Trainings, „Aufgepasst mit ADACUS“, in ganz Deutschland durch. Allein in Nordrhein-Westfalen nahmen im vergangenen Jahr über 15.000 Kinder daran teil. Der Fokus liegt auf praktischen Übungen:
- Bordstein stehen wie an der roten Ampel
- Blickkontakt mit dem Autofahrer suchen
- Richtiges Überqueren an Zebrastreifen
- Verbesserung der Aufmerksamkeit durch Hören
- Verständnis von Geschwindigkeiten entwickeln
- Sicherheit durch Wiederholung stärken
Doch die Theorie in der Kita ist das eine. Die Praxis auf Essens Straßen oft das andere. „Am schlimmsten sind die Eltern-Taxis direkt vor dem Schultor“, berichtet Kita-Leiterin Sarah Bergmann, die das Training organisiert hat. „Da üben wir mit den Kindern minutiös das sichere Verhalten, und dann werden sie morgens von einer Blechlawine umgeben, die im Halteverbot steht, auf Gehwegen parkt und rückwärts ausparkt, ohne zu gucken.“ Eine Studie der Technischen Universität Dresden kam bereits 2019 zu dem Ergebnis, dass durch „Eltern-Taxis“ das Unfallrisiko für andere Kinder vor Schulen deutlich steigt. Die Stadt Essen versucht dem mit sogenannten „Hol- und Bringzonen“ ein paar hundert Meter entfernt von Schulgebäuden zu begegnen – mit mäßigem Erfolg, wie viele Schulleiter berichten.
Zurück in Burgaltendorf hat Jonte seine erste selbstständige Bordstein-Übung gemeistert. Strahlend läuft er zurück zur Gruppe. „Ich hab ganz laut gerufen: Stopp!“, erzählt er stolz. Die wichtigste Lektion des Tages ist jedoch eine andere. ADAC-Trainerin Tromm holt einen großen, bunten Ball hervor und lässt ihn auf die Straße rollen. Der Reflex der Kinder ist sofort da: Sie wollen hinterher. „Stopp!“, ruft Tromm. „Genau das ist die größte Gefahr. Der Ball ist kaputt, das tut uns leid. Aber du bist unkaputtbar. Ein Kind rennt nie, niemals auf die Straße. Egal was passiert.“ Diese Botschaft, so simpel sie klingt, bleibt haften. Sie ist der Kern aller Verkehrserziehung.
Die Verantwortung liegt jedoch nicht allein bei den Kindern. Verkehrsexperten und Stadtplaner fordern seit langem eine menschengerechtere Verkehrspolitik, die sogenannte „Vision Zero“ – null Tote im Straßenverkehr. Für Essener Grundschulen und Kitas bedeutet das konkret: mehr verkehrsberuhigte Bereiche im Umfeld, baulich getrennte Gehwege, übersichtliche Kreuzungen und eine konsequente Verkehrsüberwachung vor Schulbeginn. „Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Unser Straßenraum muss das endlich widerspiegeln“, sagt ein Verkehrsplaner aus dem Essener Rathaus, der ungenannt bleiben möchte. Er verweist auf Städte wie Münster oder Freiburg, die Schulwege konsequent zu sicheren, eigenständigen Netzen ausbauen.
Während die Vorschulkinder in der Kita Sonnenstrahl ihre Teilnahmeurkunden bekommen, wartet draußen schon die Realität. Ein Lieferwagen parkt halb auf dem Gehweg, eine Kurve weiter wird recht zügig gefahren. Die neu gelernte Regel „Erst links, dann rechts, dann links“ wird für Jonte und Theo ab September tägliche Routine sein. Ob ihr Weg sicher ist, hängt auch davon ab, ob die Erwachsenen in den Autos ihre Regeln kennen – und befolgen. Die gelben Westen, die die Kinder stolz tragen, sind am Ende auch ein Signal an alle anderen Verkehrsteilnehmer: Achtung, hier sind die Kleinsten unterwegs. Sie lernen noch. Wir sollten sie beschützen.