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Frankfurt am Main

Frankfurt: Politiker fordern Absage von umstrittenem Konzert

Julia Becker
Zuletzt aktualisiert: August 26, 2026 8:40 a.m.
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Contents
Historischer Ballast und die Macht der SymboleEine Stadt mit Verantwortung: Der politische Widerstand formiert sichDie schwierige Suche nach HandlungsmöglichkeitenWas bedeutet das für Frankfurt?

Die Jahrhunderthalle in Frankfurt am Main

Die Jahrhunderthalle in Frankfurt am Main ist für ihr breites Programm bekannt – von klassischen Konzerten bis zu großen Messen. Am 13. November soll dort nun ein Künstler auftreten, dessen Name hierzulande nur wenigen etwas sagt, in Teilen der kroatischen Community aber ein Star ist: Marko Perković, besser bekannt unter seinem Künstlernamen „Thompson“. Dieser Name leitet sich vom Modell einer Maschinenpistole ab, die im Jugoslawienkrieg verwendet wurde. Während die Karten für das Konzert weggehen, formiert sich in der Frankfurter Politik heftiger Widerstand. Grüne, Linke und selbst die CDU fordern eine Absage. Der Grund: Thompson steht seit Jahren in der Kritik, nationalistische und faschistische Symbole zu verwenden und damit eine dunkle kroatische Vergangenheit zu verherrlichen, die auch mit der deutschen Geschichte verknüpft ist.

Die Stadt Frankfurt ist mit über 180 Nationalitäten einer der internationalsten Orte Deutschlands. Viele Menschen aus den Nachfolgestaaten Jugoslawiens haben hier eine neue Heimat gefunden. Laut Statistischem Bundesamt leben in Hessen schätzungsweise mehrere Zehntausend Menschen mit Wurzeln in Kroatien, Bosnien und Herzegowina oder Serbien. Die Debatte um das Konzert berührt daher nicht nur abstrakte Fragen der Kunstfreiheit, sondern konkrete, emotionale Erinnerungen in der Mitte unserer Stadtgesellschaft. Für viele Anwohner, deren Familien Krieg, Vertreibung und Verfolgung erlebt haben, sind die umstrittenen Symbole keine bloße Folklore, sondern stehen für reale Gräuel. Die Frankfurter Politik steht nun vor der schwierigen Frage, wie sie mit einer Veranstaltung umgeht, die privatwirtschaftlich organisiert ist, aber erhebliche politische und gesellschaftliche Wellen schlägt.

Historischer Ballast und die Macht der Symbole

Um den aktuellen Streit zu verstehen, muss man einen Blick in die Geschichte werfen. Der umstrittene Gruß „Za dom spremni“ („Bereit für die Heimat“), mit dem Thompsons Hit „Bataillon von Cavoglave“ beginnt, war der offizielle Gruß des sogenannten Unabhängigen Staates Kroatien (NDH). Dieses von 1941 bis 1945 bestehende faschistische Ustascha-Regime war ein Verbündeter Nazi-Deutschlands. Es ist verantwortlich für die systematische Verfolgung und Ermordung Hunderttausender Serben, Juden, Roma und Sinti sowie politischer Gegner in Konzentrationslagern wie Jasenovac, das auch als „Auschwitz der Balkan“ bezeichnet wird.

Diese historische Last macht den Umgang mit den Symbolen so sensibel. „Diese Ideologie steht historisch für Gebietsansprüche gegenüber Bosnien und Herzegowina und ist untrennbar mit einer Politik verbunden, die die bosniakische Bevölkerung verdrängen will und ihre eigenständige politische und nationale Existenz leugnet“, sagt der Stadtverordnete Benjamin Alicic von der Linken. Es geht also nicht um kroatischen Patriotismus an sich, sondern um die spezifische Aufladung durch den Bezug zu einem verbrecherischen Regime.

Rechtlich ist die Lage in Deutschland jedoch anders als beispielsweise in Österreich, wo Ustascha-Symbole verboten sind. „Das, was er sagt und was er tut, ist nach deutschem Recht nicht strafbar“, erklärt der Soziologe Jakob Schergaut vom Projekt „Geschichte statt Mythen“ der Universität Jena. Thompson selbst betreibe seit Jahren ein „kluges taktisches Doppelspiel“. Öffentlich bezieht er sich nicht auf die historischen Ustascha, sondern auf die kroatische HOS-Miliz aus den Jugoslawienkriegen der 1990er Jahre. Diese Miliz stand aber selbst deutlich in der Tradition der faschistischen Ustascha und verwendete deren Symbole. „Das Wissen um den kroatischen Faschismus und dessen Symbole sei in Deutschland bislang nicht weit verbreitet“, bedauert Schergaut. Oft würden solche Bezüge verharmlost: „Da heißt es dann, die Kroaten sind halt etwas patriotischer.“

Eine Stadt mit Verantwortung: Der politische Widerstand formiert sich

Obwohl die Jahrhunderthalle ein privat betriebener Veranstaltungsort ist, sehen die Frankfurter Stadtverordneten eine klare politische Verantwortung. In einem seltenen Schulterschluss fordern Abgeordnete von Grünen, Linken und CDU, dem Konzert keine Bühne zu bieten.

„Diese Symbolik darf in Frankfurt keinen Platz haben. Wir appellieren an die Verantwortlichen der Jahrhunderthalle, faschistischer Symbolik und ethnonationalistischem Hass keine Bühne zu geben“, sagt Daniela Mehler-Würzbach, Fraktionsvorsitzende der Linken. Sie betont, dass sich die Kritik ausdrücklich nicht gegen Kroatien oder Menschen kroatischer Herkunft richte, sondern gegen die Verherrlichung eines verbrecherischen Regimes.

Emre Telyakar, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Grünen, unterstreicht die besondere Verantwortung Frankfurts als internationale Stadt: „In Frankfurt leben Menschen aus allen Nachfolgestaaten Jugoslawiens friedlich zusammen, darunter viele, deren Familien Krieg, Verfolgung und Vertreibung erlebt haben. Sie können von uns erwarten, dass wir der Normalisierung dieser Geschichte, die im engen Zusammenhang mit dem deutschen Nationalsozialismus steht, entschieden entgegentreten.“

Auch die CDU positioniert sich klar. Stadtverordneter Christian Becker erklärt: „Kunstfreiheit ist ein hohes Gut, aber sie darf nicht als Freibrief für die Verherrlichung faschistischer Symbolik verstanden werden – ich erwarte daher eine klare Haltung und alle rechtlich möglichen Schritte gegen diesen Auftritt.“ Diese breite Ablehnung über Parteigrenzen hinweg zeigt, wie ernst das Thema genommen wird.

Die schwierige Suche nach Handlungsmöglichkeiten

Die Betreiber der Jahrhunderthalle sehen derzeit jedoch keinen Grund für eine Absage. Auf eine Anfrage teilten sie mit, man prüfe stets, ob Veranstaltungen im Rahmen des geltenden Rechts stattfinden und keine verfassungsfeindlichen Inhalte oder Gefahren für die öffentliche Ordnung zu erwarten seien. Bislang gebe es dazu keine konkreten Erkenntnisse.

Doch wo endet die privatwirtschaftliche Vertragsfreiheit und wo beginnt die kommunale Verantwortung für das gesellschaftliche Klima? Der Wissenschaftler Jakob Schergaut sieht durchaus Handlungsspielräume für Städte. Ein Beispiel: Die Stadt Essen ließ Thompson 2014 in der städtischen Eissporthalle auftreten, weil ein Vertrag bereits geschlossen war. Man einigte sich jedoch auf massive Vertragsstrafen, sollten auf der Bühne in Deutschland verbotene Symbole oder Texte verwendet werden. In Berlin dagegen wurde ein Konzert nach öffentlichem Druck abgesagt.

Schergaut weist auf einen weiteren kritischen Punkt hin: „In jedem Fall gebe es Möglichkeiten einzuschreiten, wenn Fans – wie bei Konzerten durchaus üblich – den rechten Arm zum faschistischen Gruß nach oben streckten.“ Solche Gesten könnten sehr wohl als Volksverhetzung oder Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole gewertet und unterbunden werden. Es liegt also auch an der Umsicht der Veranstalter und der örtlichen Polizei, solche Vorkommnisse konsequent zu unterbinden.

Was bedeutet das für Frankfurt?

Die Debatte offenbart ein grundsätzliches Spannungsfeld in unserer weltoffenen Stadt. Einerseits gilt die Freiheit der Kunst und das Recht auf private Veranstaltungen. Andererseits trägt die Kommune eine Verantwortung dafür, dass in ihrer Stadt kein Raum für die Verherrlichung von Hass und Gewaltherrschaft geschaffen wird – insbesondere nicht für Symbole, die in direkter Verbindung zum Nationalsozialismus stehen.

Die breite politische Ablehnung des Konzerts ist ein starkes Signal an die Stadtgesellschaft. Sie sagt: Frankfurt stellt sich nicht quer, wenn es um patriotische kroatische Kultur geht. Aber Frankfurt sagt Nein, wenn diese Kultur mit den Symbolen eines faschistischen, mörderischen Regimes vermischt wird, das einst Verbündeter Deutschlands war. Diese klare Haltung ist wichtig für den sozialen Frieden in einer Stadt, in der Opfer und Tätergeschichte oft nah beieinander liegen.

Die kommenden Wochen werden zeigen, ob der öffentliche Druck auf die Veranstalter wirkt. Sicher ist jedoch, dass die Polizei und die Ordnungsbehörden die Veranstaltung genau im Blick behalten müssen. Sollte es zu verfassungsfeindlichen Äußerungen oder Gesten kommen, müssen diese konsequent geahndet werden. Die Stadt hat die Pflicht, alle rechtlichen Möglichkeiten auszuschöpfen, um zu verhindern, dass Frankfurt zur Bühne für geschichtsrevisionistische Verharmlosung wird.

Letztlich geht es um die Frage, welches Frankfurt wir sein wollen. Eine Stadt, die wegschaut, wenn schwierige historische Bezüge im Spiel sind? Oder eine Stadt, die klar Stellung bezieht und zeigt, dass die Würde der Opfer und das friedliche Miteinander aller Nationalitäten nicht verhandelbar sind. Die aktuelle Debatte lässt hoffen, dass sich Frankfurt für Letzteres entscheidet.

  • Breites Programm der Jahrhunderthalle
  • Kritik an Thompson
  • Politischer Widerstand von Grünen, Linken und CDU
  • Verantwortung der Stadt Frankfurt
  • Kunstfreiheit vs. faschistische Symbolik
  • Handlungsmöglichkeiten für Städte
Aspekt Details
Veranstaltungsort Jahrhunderthalle Frankfurt
Künstler Marko Perković („Thompson“)
Datum 13. November
Politische Parteien Grüne, Linke, CDU
Historischer Bezug Ustascha-Regime
Kritik Verherrlichung von Gewalt und Faschismus


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VonJulia Becker
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Julia ist eine engagierte Reporterin für den Süden Deutschlands mit Schwerpunkt auf München und Stuttgart. Sie schreibt über lokale Kulturveranstaltungen, das wirtschaftliche Stadtleben und Geschichten von Menschen, die ihre Region prägen. Ihre Beiträge zeichnen sich durch Nähe, Empathie und starke persönliche Perspektiven aus.
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