Die Zeil gilt vielen als das Herz der Stadt. Sie ist Frankfurts meistfrequentierteste Einkaufsmeile, Treffpunkt für Besucher aus der Region und Drehscheibe des öffentlichen Nahverkehrs. Doch in den letzten Jahren hat sich ihr Gesicht in den Abendstunden verändert. Was tagsüber ein geschäftiges Handelszentrum ist, entwickelte sich nach Einbruch der Dunkelheit zunehmend zu einem Ort, der viele Menschen verunsicherte.
Ladendiebstähle, aggressive Gruppen, öffentliches Urinieren und eine spürbare Vermüllung prägten das Bild. Besonders an Wochenenden nahmen die Vorkommnisse zu. „Es ging nicht mehr nur um Ruhestörung,” sagt ein Ladenbesitzer, der seit über zwanzig Jahren auf der Zeil arbeitet und seinen Namen nicht nennen möchte. „Das Klima wurde rauer. Meine Mitarbeiterinnen hatten Angst, abends zur U-Bahn zu gehen.” Diese Wahrnehmung teilten viele Gewerbetreibende und Anwohner. Sie beklagten ein sinkendes Sicherheitsgefühl und eine deutliche Verschlechterung der Aufenthaltsqualität.
Als Reaktion auf diese Entwicklung richtete das Polizeipräsidium Frankfurt im Herbst 2025 die sogenannte BAO Zeil ein. Diese besondere Aufbauorganisation bündelt Kräfte für konzentrierte Einsätze. Seitdem finden regelmäßig groß angelegte Kontrollaktionen statt, die als „Action Days” bekannt wurden. Am vergangenen Samstagabend und in der Nacht auf Sonntag wurde bereits die elfte dieser Maßnahmen durchgeführt.
Über 200 Polizisten vom Frankfurter Präsidium und dem Hessischen Polizeipräsidium Einsatz, unterstützt von der Stadtpolizei, waren im Einsatz. Ihr Fokus lag auf dem Bereich rund um das Einkaufscenter „My Zeil,” den unterirdischen Ebenen der Haupt- und Konstablerwache sowie der gesamten Fußgängerzone. Innerhalb weniger Stunden kontrollierten die Beamten 213 Personen. Sie führten zwei Gaststättenkontrollen durch und stellten zahlreiche Verstöße fest.
| Art der Anzeige | Anzahl |
|---|---|
| Strafanzeigen | 10 |
| Ordnungswidrigkeiten | 78 |
| Platzverweise | 5 |
Die Bilanz des Abends umfasst zehn Strafanzeigen. Diese wurden unter anderem wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz, das Aufenthaltsgesetz und das Waffengesetz aufgenommen. Zusätzlich verzeichnete die Polizei 78 Ordnungswidrigkeiten und erteilte fünf Platzverweise. Solche Zahlen sind typisch für die Action Days. Sie zeigen eine konsequente Strafverfolgung auch bei kleineren Delikten, die früher oft nicht geahndet wurden.
- Gemeldete Übergriffe
- Angestiegene Ladendiebstähle
- Öffentliches Urinieren
- Vermüllung
- Gruppendramatik
- Rückgang schwerer Delikte
Hessens Innenminister Roman Poseck sieht in dieser Strategie den richtigen Weg. „Die Zeil ist eine wichtige Lebensader Frankfurts,” sagte er nach der Aktion. „Dieser Raum hat sich zunehmend zu einem Kriminalitätsbrennpunkt entwickelt. Verantwortlich sind vor allem größere Gruppen junger Männer, begleitet von Alkohol und Drogenkonsum, die versuchen, die Zeil abends zu dominieren. Diese Entwicklung lassen wir nicht zu.”
Die statistischen Daten scheinen der Polizeistrategie recht zu geben. Seit dem Start der BAO Zeil im November 2025 gab es zehn solcher Großkontrollen. Dabei wurden über 2.800 Personen überprüft und 108 Strafanzeigen erstattet. Wichtiger aber sind die langfristigen Trends. Im Zeitraum vom 1. Februar bis 30. September 2026 registrierte die Polizei auf der Zeil 2.602 Straftaten. Im Vorjahreszeitraum waren es noch 2.821. Das ist ein Rückgang um 219 Fälle oder etwa 7,8 Prozent.
Noch deutlicher sind die Zahlen bei schwereren Delikten. Die gefürchteten Straßenraube gingen von 41 Fällen im Jahr 2025 auf 27 in 2026 zurück. Messerangriffe sanken von 17 auf nur noch vier Fälle. Auch Taschen- und Trickdiebstähle halbierten sich nahezu, von 205 auf 123 Fälle. Diese Entwicklung ist für die Polizei ein klarer Erfolgsbeweis. „Die BAO Zeil wirkt,” so das Fazit aus dem Innenministerium.
Die Rückmeldungen aus der Bevölkerung bestätigen diese Zahlen. Beschäftigte, die spät abends ihre Geschäfte verlassen, und Besucher der Zeil berichten der Polizei von einem spürbar verbesserten Sicherheitsgefühl. „Man merkt einfach, dass jemand da ist,” sagt eine Verkäuferin, die regelmäßig nach 22 Uhr nach Hause fährt. „Die Gruppen halten sich nicht mehr so massiv auf. Es ist ruhiger und man fühlt sich nicht mehr so exponiert.”
Experten für Stadtentwicklung und öffentliche Sicherheit sehen in dem Frankfurter Modell einen interessanten Ansatz. „Sichtbare Präsenz und konsequente Verfolgung auch von sogenannter Bagatellkriminalität schaffen ein Klima der Nulltoleranz,” erklärt Dr. Lena Berger, Kriminologin an der Goethe-Universität Frankfurt. „Das signalisiert: Dieser öffentliche Raum wird kontrolliert und geschützt. Das vertreibt potenzielle Täter und gibt den Rechtschaffenen Sicherheit.” Sie betont jedoch, dass solche Maßnahmen dauerhaft und nachhaltig sein müssen, um keine kurzfristige Verlagerung, sondern eine langfristige Lösung zu schaffen.
Die BAO Zeil ist Teil einer größeren Sicherheitsoffensive der Stadt. Dazu zählen auch regelmäßige Razzien im Bahnhofsviertel und Aktionstage gegen Sozialkriminalität. Innenminister Poseck bezeichnet sie als einen „wichtigen Baustein, um unsere Innenstädte so sicher wie möglich zu machen.” Er dankte allen beteiligten Beamten für ihren Einsatz.
Für die Frankfurter Bürgerinnen und Bürger bleibt die Frage, ob der positive Trend anhält. Die Polizei kündigte an, die sichtbaren Kontrollen auch in Zukunft fortzusetzen. Das Ziel ist klar definiert. Die Menschen sollen sich in ihrer Innenstadt zu jeder Tages- und Nachtzeit sicher und wohl fühlen können. Die Zeil soll wieder zu dem werden, was sie lange war: Eine lebendige, offene und einladende Flaniermeile für alle. Die nächsten Monate werden zeigen, ob der eingeschlagene Weg dorthin führt.