Der größte Lehrstuhl Deutschlands steht vor dem größten Umbau seiner Geschichte. Das Präsidium der Frankfurter Goethe-Universität hat ein umfassendes Reformpapier vorgelegt. Es sieht einen radikalen Einschnitt vor. Aus den aktuell 16 Fachbereichen sollen nur noch sieben werden. Nur die Medizin bleibt eigenständig. Wo heute fünf geisteswissenschaftliche Fachbereiche existieren, sollen künftig nur zwei sein. Etwa 60 von über 600 Professuren sollen gestrichen werden. Kleine Institute mit nur einer oder zwei Professuren wird es nicht mehr geben. Die Vorgabe lautet: Pro Institut sollen acht bis 16 Professorinnen und Professoren arbeiten. Die Hochschule reagiert mit diesem drastischen Plan auf den hessischen Hochschulpakt. Dieser verpflichtet die Goethe-Uni zu jährlichen Einsparungen von durchschnittlich zehn Prozent ihres Budgets.
Dieses Jahr hat die Universität ein Budget von knapp 837 Millionen Euro. Der Hochschulpakt gilt für die Jahre 2026 bis 2031. Für dieses Jahr allein sind Einsparungen von rund 30 Millionen Euro an allen hessischen Hochschulen vorgesehen. Die Universitätsleitung argumentiert, man müsse auf die Kürzungen mit mutigen strukturellen Veränderungen antworten. Das Präsidium verweist auch auf gesellschaftliche Veränderungen. Dazu zählen demografischer Wandel, Künstliche Intelligenz und Digitalisierung. Diese brächten einen Anpassungsdruck für die Wissenschaft mit sich.
Wissenschaftsminister Timon Gremmels von der SPD sieht das anders. Sein Ministerium teilte mit, der Hochschulpakt sei nicht die Ursache für die Strukturüberlegungen. Der Pakt sehe für 2026 nur eine einmalige Kürzung um 1,3 Prozent vor. Bereits 2027 kehre die Finanzierung auf das Niveau von 2025 zurück. Ab 2028 gebe es jährliche Aufwüchse für die Hochschulen. Wie die Universität die Rahmenbedingungen nutze und welche Veränderungen sie für sinnvoll halte, liege in ihrer eigenen Verantwortung.
Die Grünen-Fraktion im Landtag kritisiert diese Aussage scharf. Nina Eisenhardt, hochschulpolitische Sprecherin der Grünen, sagte, es gebe zwar auch Überlegungen zu Strukturreformen. Die geplanten Kürzungen von 60 Professuren hätten aber sehr wohl mit den Kürzungen des Landes zu tun. Das abzustreiten sei unehrlich oder ignorant. Die Linken-Stadtverordnete Heike Leitschuh im Frankfurter Römer wirft Universitätspräsident Enrico Schleiff Heuchelei vor. Er habe sich erst kürzlich für den Exzellenz-Erfolg feiern lassen. Jetzt bedeute seine Politik für die breite Wissenschaft einen kompletten Kahlschlag.
In der Universität selbst wächst der Unmut. Das Reformpapier wurde als Top-Down-Entwurf vorgelegt. Die Betroffenen fühlen sich übergangen. Nikolaus Müller-Schöll ist Professor am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft. Er ist auch Mitglied im Senat, dem zentralen Selbstverwaltungsgremium der Uni. Er sagt, er sei erst sehr kurzfristig informiert worden. Das wahre Ausmaß der Pläne habe er erst durch die Berichterstattung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung verstanden. Über die konkreten Inhalte darf er als Senatsmitglied nicht öffentlich sprechen. Seine Kritik am Verfahren ist deutlich.
- Eine Reform, die eigentlich von unten nach oben wachsen sollte, werde komplett von oben herab geplant.
- Die vorgeschlagene Zusammenlegung von Fachbereichen halte er für nicht sinnvoll.
- Vor allem sei nicht mit den Betroffenen gesprochen worden.
- Die Fachbereiche seien bereits dabei, eigene Lösungsansätze vorzulegen.
- Das Papier des Präsidiums stelle diese Arbeit nun komplett infrage.
- Der Professor hat auch grundsätzliche Bedenken.
Das sei nicht der richtige Zeitpunkt für so eine Reform. Die Universität ächze und stöhne bereits an allen Ecken.
Auch die Studierenden fühlen sich ausgeschlossen. Der Allgemeine Studierendenausschuss, der AStA, erfuhr nach eigener Darstellung erst aus der Presse von dem Papier. Mathilde Henning vom AStA-Vorstand kritisiert das scharf. Das versuchte Durchbringen ohne Einbezug der Studierendenschaft sei ein autoritäres und undemokratisches Vorgehen. Bei der Bildung dürfe nicht gespart werden.
Simone Claar ist stellvertretende Vorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW Hessen. Sie warnt vor den Folgen. Es drohe ein immenser Qualitätsverlust im Studium. Zudem rechne sie mit deutlich mehr Arbeit für die Beschäftigten. Der Druck durch die Kürzungen werde so an die Basis weitergegeben.
Das Präsidium der Goethe-Universität betont, es handele sich bei dem Papier noch um Vorschläge. Man betone den Entwurfscharakter. Präsidium und Senat wollten im kommenden Jahr gemeinsam über die Strukturveränderungen entscheiden. Die Umsetzung ist für das Jahr 2028 vorgesehen.
Der Widerstand gegen den hessischen Hochschulpakt wächst jedoch auch über Frankfurt hinaus. In vielen Universitätsstädten regt sich Protest. Studierende in Gießen veranstalteten am Donnerstag eine Kundgebung. An diesem Tag trafen sich dort auch Wissenschaftsminister Gremmels und Vertreter der hessischen Hochschulen. Die Diskussion über die Zukunft der Bildung in Hessen ist damit voll entbrannt. Sie wird die Goethe-Universität und ihre über 40.000 Studierenden noch lange beschäftigen.
| Aspekt | Details |
|---|---|
| Umbau | Größter Umbau in der Geschichte der Goethe-Uni |
| Fachbereiche | Reduktion von 16 auf 7, Medizin bleibt eigenständig |
| Professoren | Streichung von ca. 60 von über 600 Professuren |
| Budget | 837 Millionen Euro für das Jahr 2023 |
| Einsparungen | 30 Millionen Euro für 2023 an hessischen Hochschulen |
| Umsetzungszeitraum | Geplant für 2028 |