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Nachrichten Lokal > Nachrichten > Hamburg > Hamburg ehrt Esther Bejarano mit Straßennamen in Ottensen
Hamburg

Hamburg ehrt Esther Bejarano mit Straßennamen in Ottensen

Julia Becker
Zuletzt aktualisiert: August 28, 2026 6:58 p.m.
Julia Becker
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In der dynamischen Topografie unserer Stadt sind Straßenschilder mehr als bloße Orientierungshilfen. Sie sind steinerne Zeugen der Geschichte, Würdigungen von Vorbildern und manchmal auch Korrekturen der Vergangenheit. Ein solcher Moment steht Hamburg nun bevor, genauer gesagt dem lebendigen Stadtteil Ottensen. Die bisherige Bergiusstraße, eine schmale, von altem Baumbestand gesäumte Verbindung in der Nähe des legendären Zeise-Kinos, soll bald einen neuen Namen tragen: Esther-Bejarano-Straße. Diese Entscheidung des Bezirks Altona, die in diesen Tagen ihre finale administrative Bestätigung findet, ist weit mehr als eine bürokratische Maßnahme. Es ist eine bewusste und notwendige Neubestimmung unseres öffentlichen Raums, die das Erbe einer bemerkenswerten Hamburgerin sichert und gleichzeitig einen Namen aus der NS-Zeit ersetzt. Der bisherige Namensgeber, der Chemiker und Nobelpreisträger Friedrich Bergius, war Mitglied der NSDAP.

Esther Bejarano, die von den 1960er Jahren bis zu ihrem Tod im Juli 2021 in Hamburg lebte und wirkte, war eine der letzten lautstarken Stimmen der Holocaust-Überlebenden. Als junges Mädchen wurde sie nach Auschwitz deportiert, wo nur ihr Platz im Mädchenorchester des Lagers sie vor der Gaskammer bewahrte. Diese traumatische Erfahrung trieb sie zeitlebens an. Sie wurde zur unermüdlichen Mahnerin gegen Antisemitismus, Rassismus und rechtes Gedankengut. Lange Jahre war sie Vorsitzende des Auschwitz-Komitees in der Bundesrepublik Deutschland und trat bis ins hohe Alter mit der MikrophoneMafia, einer Band aus Rappern und Musikern, auf, um junge Menschen mit ihrer Geschichte und ihrer Musik zu erreichen. Ihr Credo: „Ihr habt keine Schuld an dieser Zeit. Aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts über diese Zeit wissen wollt. Ihr müsst alles wissen, was damals geschah, und warum es geschah.” Ihr Leben war ein lebendiges Bindeglied zwischen dem unfassbaren Grauen der Schoah und der Gegenwart einer Stadt, die sie zu ihrer Heimat machte.

Parallel zu dieser Würdigung in Altona vollzieht sich im Bezirk Hamburg-Nord eine weitere bedeutungsvolle Namensgebung, die zeigt, wie Straßennamen auch aktuelle Kämpfe für Menschenrechte spiegeln können. Die Grünfläche zwischen der Meenkwiese und der Hudtwalckerstraße soll künftig den Namen von Jina Mahsa Amini tragen. Die junge iranische Kurdin starb 2022 in Teheran, nachdem sie von der sogenannten „Sittenpolizei“ aufgrund ihres Kleidungsstils festgenommen und misshandelt worden war. Ihr Tod löste weltweite Proteste unter dem Ruf „Frau, Leben, Freiheit“ aus. Mit dieser Benennung setzt Hamburg-Nord ein starkes Zeichen der Solidarität und hält das Gedenken an den mutigen Kampf für Freiheit im Iran wach. Beide Entscheidungen – für Esther Bejarano und für Jina Mahsa Amini – zeigen, dass unsere Stadtgesellschaft ihre öffentlichen Räume aktiv und reflektiert gestalten will.

Ein Name ersetzt den anderen: Die historische Dimension

Die Umbenennung der Bergiusstraße ist kein Schritt, der aus historischer Ignoranz erfolgt. Im Gegenteil, er ist das Ergebnis einer genaueren Betrachtung. Friedrich Bergius, 1884 in Breslau geboren, war ein bedeutender Chemiker, der 1931 den Nobelpreis für seine Verdienste um die Erfindung und Entwicklung chemischer Hochdruckverfahren erhielt. Seine wissenschaftlichen Leistungen sind unbestritten. Doch 1937 trat er der NSDAP bei. Während des Krieges forschte und produzierte sein Unternehmen für die nationalsozialistische Rüstungsindustrie. Die Frage, die sich bei der Vergabe von Straßennamen stellt, ist immer eine der Vorbildfunktion und der moralischen Integrität. Soll eine Straße in einer Stadt, die sich ihrer historischen Verantwortung aus der NS-Zeit besonders bewusst ist, nach einem Mann benannt bleiben, der das Regime aktiv unterstützte?

Die Antwort des zuständigen Fachausschusses und der Bezirksversammlung Altona war ein klares Nein. Sie folgt einem seit Jahren in Hamburg und anderen deutschen Städten zu beobachtenden Trend einer kritischen Überprüfung von Straßennamen. Es geht nicht darum, Geschichte auszulöschen, sondern darum, sie korrekt einzuordnen und unseren öffentlichen Raum bewusst mit Persönlichkeiten zu gestalten, deren Leben und Wirken unseren heutigen demokratischen Werten entspricht. Mit Esther Bejarano wurde eine Person gewählt, die genau für diese Werte – Humanität, Widerstand gegen Unrecht, Versöhnung ohne Vergessen – bis zuletzt gekämpft hat. „Es ist ein starkes Signal gegen Antisemitismus und für eine lebendige Erinnerungskultur,” kommentierte eine Bezirkspolitikerin die Entscheidung. Der bisherige Straßenname wird nicht sang- und klanglos verschwinden; eine erklärende Tafel soll an der neuen Esther-Bejarano-Straße über beide Persönlichkeiten – den Chemiker Bergius und die Überlebende Bejarano – und die Gründe für die Umbenennung informieren.

Die Stimme, die nie verstummte: Esther Bejaranos Wirken in Hamburg

Für viele Hamburgerinnen und Hamburger war Esther Bejarano keine ferne historische Figur, sondern eine präsente Zeitzeugin und Nachbarin. Nach ihrer Emigration nach Israel kehrte sie mit ihrer Familie 1960 nach Deutschland zurück und ließ sich in Hamburg nieder. Hier begann ihr zweiter, ebenso wichtiger Lebensakt: der Kampf gegen das Vergessen. Sie gründete mit anderen Überlebenden das „Auschwitz-Komitee“ und wurde dessen Vorsitzende. Unzählige Schulklassen, Jugendgruppen und Bürgerinitiativen hat sie besucht, um von ihren Erlebnissen zu berichten. Ihre Art war dabei nie von bloßer Anklage geprägt, sondern immer auch von dem unerschütterlichen Willen, zu erklären und zu mahnen, damit sich Geschichte nicht wiederhole.

Ihr Engagement fand auch musikalisch einen einzigartigen Ausdruck. Gemeinsam mit ihren Kindern und später mit den Rappern der „Microphone Mafia“ mischte sie Lieder aus dem Widerstand, jiddische Melodien und eigene Stücke mit modernen Beats. Auf Konzerten, ob im kleinen Kulturcafé oder auf großen Bühnen wie beim Festival „Wutzrock“, verband sie Generationen. Sie bewies, dass Erinnerung nicht nur traurig und still sein muss, sondern auch kraftvoll, lebendig und verbindend sein kann. „Musik war für mich im Lager Überlebensmittel. Heute ist sie mein Mittel, um zu den Menschen zu sprechen,” sagte sie oft. Ihre Präsenz machte Hamburg zu einem besonderen Ort der Erinnerungskultur – einer, der nicht nur in Museen und Gedenkstätten, sondern auch auf der Straße und im lebendigen Austausch stattfand.

Was bedeutet das für uns? Vom Straßenschild zur gelebten Verantwortung

Die zukünftige „Esther-Bejarano-Straße“ in Ottensen wird mehr sein als ein neues Verkehrsschild. Sie wird ein Ort der Reflexion sein. Jeder, der den Namen liest – ob Anwohner, Besucher des Zeise-Kinos oder Schüler auf dem Weg zur Schule – wird die Möglichkeit haben, nachzufragen: Wer war diese Frau? Ihre Geschichte ist direkt mit dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte verbunden, aber ihr Lebenswerk steht für die lichte Kraft der Aufklärung und der Menschlichkeit, die danach folgen kann.

Diese Namensgebung ist auch ein Aufruf an uns alle. Esther Bejarano hat immer betont, dass Demokratie und Menschenwürde nicht selbstverständlich sind, sondern täglich verteidigt werden müssen. Eine Straße nach ihr zu benennen, ist ein erster Schritt. Der zweite, wichtigere Schritt liegt in unserem eigenen Handeln: Hinschauen, wenn antisemitische oder rassistische Parolen fallen. Engagieren, wenn demokratische Grundwerte angegriffen werden. Und nicht nachlassen im Lernen aus der Geschichte. Die gleichzeitige Benennung der Grünfläche nach Jina Mahsa Amini in Hamburg-Nord unterstreicht, dass dieser Kampf für Menschenrechte und Freiheit kein abgeschlossenes historisches Thema ist, sondern eine fortwährende, globale Aufgabe.

In Zukunft werden Menschen in der „Esther-Bejarano-Straße“ wohnen, einkaufen und ihr Leben leben. Der Name wird zum selbstverständlichen Teil des Stadtteils werden. Doch gerade diese Selbstverständlichkeit ist das Ziel: Das Gedenken an eine großartige Frau und ihre Botschaft soll tief im Alltag unserer Stadt verwurzelt sein. So wird aus einer Umbenennung ein bleibendes Versprechen – das Versprechen Hamburgs, die Erinnerung wachzuhalten und aus ihr die Kraft für eine bessere, menschlichere Zukunft zu schöpfen. Die offizielle Einweihung des neuen Straßenschildes, die für das kommende Jahr geplant ist, wird nicht nur ein feierlicher Akt sein, sondern der Beginn dieses neuen Kapitels für einen kleinen, aber nun bedeutungsvollen Ort in unserer Hansestadt.

Wichtigkeit der Namensgebung Persönlichkeiten
Historische Verantwortung Esther Bejarano
Aktueller Bezug Jina Mahsa Amini
Reflexion des öffentlichen Raums Friedrich Bergius
Symbol der Gedenkkultur Kampf gegen Antisemitismus
Erinnerungskultur Humanität
Aktive Gestaltung Demokratische Werte
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VonJulia Becker
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Julia ist eine engagierte Reporterin für den Süden Deutschlands mit Schwerpunkt auf München und Stuttgart. Sie schreibt über lokale Kulturveranstaltungen, das wirtschaftliche Stadtleben und Geschichten von Menschen, die ihre Region prägen. Ihre Beiträge zeichnen sich durch Nähe, Empathie und starke persönliche Perspektiven aus.
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