Die Diskussion um politisch motivierte Gewalt und religiösen Extremismus hat durch die schrecklichen Ereignisse in Berlin neue Dringlichkeit erhalten. Während sich ganz Deutschland in Trauer und Solidarität mit den Opfern des CSD-Anschlags zeigt, richtet sich der Blick der Öffentlichkeit auch verstärkt auf die Sicherheitslage in den eigenen Städten. In Hamburg, einer weltoffenen Metropole mit großer muslimischer Gemeinde, fragen sich viele Menschen: Wie ist die islamistische Szene hier aufgebaut – und wie gefährlich ist sie wirklich? Aktuelle Zahlen des Hamburger Verfassungsschutzes und der Polizei geben Aufschluss und helfen, die tatsächliche Dimension und Bedrohung einzuordnen.
Die Polizei führt in Hamburg aktuell 19 Personen als sogenannte Gefährder. Das sind Menschen, denen die Sicherheitsbehörden aufgrund konkreter Erkenntnisse zutrauen, schwere Gewalttaten bis hin zu Terroranschlägen zu begehen. Von diesen 19 Gefährdern ordnen die Ermittler 14 dem Bereich des religiösen Extremismus zu. Die verbleibenden fünf verteilen sich auf linksextreme, rechtsextreme und andere ausländische Ideologien. Besonders beunruhigend für viele Bürgerinnen und Bürger ist die Tatsache, dass sich fünf dieser islamistischen Gefährder aktuell auf freiem Fuß befinden.
Wer diese Personen konkret sind, wie intensiv sie überwacht werden und ob die Beobachtung nach dem Berliner Anschlag verschärft wurde, teilt die Polizei aus nachvollziehbaren, taktischen Gründen nicht mit. Auf Anfrage versichert sie lediglich, man habe die Gefährder „im Fokus“. Innensenator Andy Grote (SPD) hat als Reaktion auf Berlin eine Überprüfung der Sicherheitsvorkehrungen für den Hamburger CSD am kommenden Samstag angekündigt, zu dem Hunderttausende erwartet werden. Diese Gefährder-Zahl ist jedoch nur die Spitze des Eisbergs und muss von der Größe der gesamten Szene unterschieden werden.
Der Hamburger Verfassungsschutz erfasst ein viel breiteres Spektrum. Ende 2025 zählte die Behörde 1925 Personen zum islamistischen Milieu in der Hansestadt – ein leichter Anstieg um 25 im Vergleich zum Vorjahr. Von diesen werden 1610 als „gewaltorientiert“ eingestuft. Dieser Begriff ist wichtig zu verstehen: Er umfasst nicht nur Personen, die aktiv Gewalt planen, sondern auch solche, die Gewalt als Mittel befürworten, unterstützen oder sie für ihre politischen Ziele nicht grundsätzlich ausschließen. Um diese Zahl zu relativieren: Hamburg hat rund 1,87 Millionen Einwohner, von denen etwa 13 Prozent, also rund 240.000 Menschen, muslimischen Glaubens sind. Nur etwa 0,8 Prozent der Hamburger Muslime, das sind ungefähr acht von Tausend, werden dem islamistischen Spektrum zugerechnet. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung liegt der Anteil bei verschwindend geringen 0,1 Prozent. Diese statistische Einordnung zeigt: Die überwältigende Mehrheit der muslimischen Gemeinschaft in Hamburg steht dem extremistischen Gedankengut fern. Die Szene ist zahlenmäßig klein, stellt für die Sicherheitsbehörden aufgrund ihrer Ideologie aber eine permanente Herausforderung dar.
Innerhalb dieser Szene spielt der Salafismus eine herausgehobene Rolle. Salafisten folgen einer besonders wortgetreuen und rückwärtsgewandten Auslegung des sunnitischen Islam, die von politischer Missionierung bis hin zur jihadistischen Gewaltideologie reichen kann. Nach Einschätzung des Verfassungsschutzes lehnt diese Szene demokratische Prinzipien kategorisch ab und strebt eine Gesellschaftsordnung an, die ausschließlich auf ihrer Interpretation göttlicher Regeln basiert. In Hamburg zählt der Verfassungsschutz aktuell 450 Salafisten. Davon werden 221 der jihadistischen Strömung zugerechnet, die Gewalt zur Durchsetzung ihrer Ziele offen befürwortet. Die meisten dieser Hamburger Jihadisten sympathisieren nach Behördenangaben mit dem sogenannten Islamischen Staat (IS). Dessen Propaganda erreicht potenzielle neue Anhänger heute vor allem über soziale Medien wie Instagram, TikTok und verschlüsselte Messenger-Dienste wie Telegram, oft in Form von kurzen, emotionalisierenden Videos.
| Gruppe | Personenanzahl | Bemerkungen |
|---|---|---|
| Islamisten insgesamt | 1925 | Leichter Anstieg im Vergleich zum Vorjahr |
| Gewaltorientierte | 1610 | Umfasst aktive Gewalttäter und Unterstützer |
| Salafisten | 450 | 221 der jihadistischen Strömung zugerechnet |
| Hizb ut-Tahrir | 490 | Lehnt offene Gewalt ab, strebt einen Gottesstaat an |
Den größten zahlenmäßigen Zuwachs verzeichnete der Verfassungsschutz im vergangenen Jahr bei der Organisation Hizb ut-Tahrir („Partei der Befreiung“). Ihre Anhängerschaft in Hamburg stieg auf jetzt 490 Personen. Diese Gruppe lehnt zwar nach außen hin offene Gewalt ab, verfolgt aber das erklärte Ziel, einen islamischen Gottesstaat (Kalifat) zu errichten und damit die demokratische Ordnung zu beseitigen. Durch ihre ideologische Arbeit bereitet sie nach Einschätzung von Experten den Boden für radikalere Gewaltaufrufe.
Die Bedrohung durch islamistischen Terror bleibt also real, wie der Anschlag in Berlin schmerzlich demonstriert. Die Sicherheitsbehörden in Hamburg stehen vor der komplexen Aufgabe, eine kleine, aber hochgefährliche Szene im Auge zu behalten, ohne die große, friedliche muslimische Gemeinschaft unter Generalverdacht zu stellen. Der Schlüssel liegt in einer präzisen, nachrichtendienstlich gut aufgestellten Arbeit, die zwischen Ideologie und konkreter Gewaltplanung unterscheiden kann. Für die Hamburger Bürgerinnen und Bürger bedeutet dies: Wachsamkeit ist geboten, aber Panik nicht angebracht. Die statistische Wahrscheinlichkeit, Opfer eines solchen Anschlags zu werden, ist extrem gering. Wichtiger ist es, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken und den extremistischen Narrativen, die auf Spaltung abzielen, entschieden entgegenzutreten. Die Hansestadt hat eine lange Tradition der Toleranz und des Miteinanders – diese Werte gilt es jetzt zu verteidigen.
- 19 Gefährder in Hamburg
- 14 im Bereich religiösen Extremismus
- 5 islamistische Gefährder auf freiem Fuß
- 1925 Personen im islamistischen Milieu
- 450 Salafisten in Hamburg
- 490 Anhänger von Hizb ut-Tahrir