Hamburgs Wasserstoffnetz: Schaltzentrale Bau
Im Herbst 2027 soll das erste klimaneutrale Gas durch die Leitungen unter dem Hamburger Hafen strömen. Dieses ambitionierte Ziel rückt einen bedeutenden Schritt näher, denn seit dem 20. August 2026 sind die Bagger auf dem Gelände des ehemaligen Kohlekraftwerks Moorburg angerollt. Dort entsteht die zentrale Schalt- und Verteilstation für das Hamburger Wasserstoff-Industrie-Netz, kurz HH-WIN. Der sogenannte H2-Connector wird die Drehscheibe, an der alle Energieströme zusammenlaufen: die lokale Produktion aus einem großen Elektrolyseur, die Lieferungen aus dem geplanten nationalen Wasserstoff-Kernnetz und die Verteilung zu den großen Industriebetrieben im Hafen. Damit setzt Hamburg ein klares Zeichen: Während anderswo in Deutschland viele Wasserstoff-Projekte noch in der Schublade stecken oder gestoppt wurden, wird hier geplant, gebaut und investiert. Die Hälfte der ersten 40 Kilometer des Verteilnetzes liegt bereits im Boden. Das ist mehr als nur ein Infrastrukturprojekt. Es ist ein Symbol für den tiefgreifenden Wandel einer ganzen Region, die einst von Kohle geprägt war und jetzt zur grünen Energie-Drehscheibe Norddeutschlands werden will. Für die Hamburger Industrie und die Klimabilanz der Stadt hängt viel davon ab, ob dieses milliardenschwere Netzwerk funktioniert wie geplant.
Vom Kraftwerks-Symbol zur Energie-Zentrale
Kaum ein Ort verkörpert die deutsche Energiewende so deutlich wie das Gelände in Hamburg-Moorburg. Erst 2015 ging hier eines der modernsten Kohlekraftwerke Europas ans Netz, gebaut für eine Laufzeit von Jahrzehnten. Doch nur sechs Jahre später, im Jahr 2021, wurde es aus Klimaschutzgründen bereits wieder stillgelegt. Die riesigen Türme, einst Sinnbild für fossile Energieversorgung, stehen heute still. Doch die Geschichte dieses Ortes ist noch nicht zu Ende. Statt Kohle soll hier bald grüner Wasserstoff fließen, erzeugt mit Windstrom aus Norddeutschland. Der H2-Connector, der jetzt gebaut wird, ist das technische Herzstück dieser neuen Ära. Er verbindet auf einem Gelände, das einst für die Vergangenheit der Energieerzeugung stand, nun die Zukunftspfade der Energiewende.
Die Planungen für HH-WIN begannen 2022, auf dem Höhepunkt des Wasserstoff-Hypes. Damals gab es viele Ankündigungen und Projekt-Skizzen in ganz Deutschland. Vier Jahre später zeigt sich: Während viele dieser Vorhaben versanden oder auf Eis gelegt werden, hat Hamburgs Projekt Fahrt aufgenommen. «Für den Erfolg der Wasserstoffwirtschaft brauchen Abnehmer Wahlmöglichkeiten», sagte Michael Dammann, technischer Geschäftsführer der Hamburger Energienetze, zum Baustart. Genau diese Wahlmöglichkeit soll der H2-Connector schaffen. Die Anlage ermöglicht es, Wasserstoff aus drei verschiedenen Quellen ins Netz einzuspeisen oder abzugeben: aus der lokalen Elektrolyse, aus dem überregionalen Fernleitungsnetz und sogar für Exporte zurück ins nationale Netz. Das ist entscheidend, denn niemand kann heute genau vorhersagen, woher der grüne Wasserstoff in fünf oder zehn Jahren am günstigsten kommen wird – ob aus heimischer Produktion oder per Schiff aus sonnenreichen Ländern.
So funktioniert die Schaltzentrale der Energiewende
Der Name H2-Connector klingt vielleicht nach modernem Marketing, beschreibt die Funktion der Anlage aber sehr genau. Im Kern geht es darum, verschiedene Systeme mit unterschiedlichen Drücken miteinander zu verbinden und so ein flexibles Netz zu schaffen. Das Hamburger Verteilnetz HH-WIN selbst arbeitet mit einem relativ niedrigen Betriebsdruck von bis zu 25 bar, um die Industriekunden im Hafen sicher zu versorgen. Das übergeordnete Fernleitungsnetz «Hyperlink» des Betreibers Gasunie, das Hamburg in Niedersachsen erreicht, ist dagegen für hohe Drücke bis zu 70 bar ausgelegt, um den Wasserstoff über weite Strecken effizient transportieren zu können. Auch der benachbarte Elektrolyseur liefert sein Gas auf einem spezifischen Druckniveau.
Um diese Welten zusammenzubringen, entsteht bis 2027 in Moorburg ein kleiner technischer Park. Drei Hauptkomponenten sind geplant:
- Eine Gasdruckregelanlage, die den Hochdruck-Wasserstoff von bis zu 70 bar auf unter 25 bar drosselt
- Eine Einspeiseanlage, die den lokal produzierten Wasserstoff aus der Elektrolyse aufnimmt
- Eine spätere Verdichterstation, die den Druck erhöht, wenn Hamburg überschüssigen Wasserstoff exportieren will
- Der technische Park wird bis 2027 fertiggestellt
- Er bildet einen wichtigen Brückenkopf in der Wasserstoffwirtschaft
- Die Baukosten für diesen Knotenpunkt betragen rund 22,6 Millionen Euro
Die Dimensionen sind beachtlich: In der ersten Ausbaustufe soll die Anlage stündlich bis zu 360.000 Kubikmeter Wasserstoff nach Hamburg importieren oder bis zu 200.000 Kubikmeter exportieren können. Die Baukosten für diesen Knotenpunkt beziffert der Netzbetreiber auf rund 22,6 Millionen Euro. Ein Großteil davon, etwa 16,3 Millionen Euro, wird durch IPCEI-Fördermittel des Bundes gedeckt. Diese europäische Förderinitiative für wichtige Projekte von gemeinsamem europäischem Interesse ist eine der wesentlichen finanziellen Stützen des gesamten HH-WIN-Projekts.
Die Herausforderung: Bauen im Herzschlag des Hafens
Während in Moorburg die zentrale Schaltstation entsteht, schreitet der Leitungsbau im Hafenbereich bereits mit großen Schritten voran. Mehr als die Hälfte der ersten 40 Kilometer an Leitungs-Trassen sind bereits fertiggestellt. Die übrigen Abschnitte sind im Bau oder werden aktuell vergeben. Doch der Netzbau im dicht genutzten Hamburger Hafen ist eine logistische Meisterleistung, die viel Fingerspitzengefühl erfordert. Ein besonders anschauliches Beispiel dafür lieferte im Frühjahr 2026 ein Bauabschnitt im Hafengebiet Altenwerder.
Hier muss die Wasserstoffleitung von Südosten kommend mehrere Gleise der Hafenbahn-Hauptachse kreuzen. Diese Strecke ist eine der zentralen Güterverkehrsadern im gesamten Hamburger Hafen, auf der rund um die Uhr Containerzüge rollen. Eine konventionelle offene Baugrube, die die Gleise für Wochen oder sogar Monate unterbrochen hätte, war keine Option. Stattdessen griffen die Ingenieurinnen und Ingenieure der Hamburger Energienetze zu einer ausgeklügelten Lösung: dem Mikrotunnelvortrieb.
Dafür wurden zunächst ein Start- und ein Zielschacht aus Betonpfahl-Ringwänden errichtet, die einen Durchmesser von über sieben Metern haben und fast dreizehn Meter in die Tiefe reichen – weit unterhalb der empfindlichen Gleisanlagen. In den Startschacht wurde dann eine spezielle Vortriebsmaschine mit einem Bohrkopf von nur 80 Zentimetern Durchmesser hinabgelassen. Diese arbeitete sich horizontal durch das Erdreich und zog dabei hinter sich Stahlbetonrohre in den entstehenden Kanal. Das Besondere: Der gesamte Bahn- und Straßenverkehr lief während der mehrwöchigen Bohrungen völlig ungestört weiter. «Mit Tunnelvortrieben wie in Altenwerder bauen wir schonend für den im Hafen wichtigen Güterverkehr», erklärte Projektleiter Dammann bereits im März. Durch diesen 106 Meter langen Mikrotunnel werden nicht nur die Wasserstoffleitungen, sondern auch Strom- und Messkabel geführt, die für die digitale Steuerung und Überwachung des gesamten Netzes notwendig sind.
Was Hamburg sich von der Wasserstoff-Zukunft verspricht
HH-WIN ist weit mehr als nur eine neue Pipeline. Es ist ein zentraler Baustein in der Hamburger Klimastrategie. Im Oktober 2025 hatten die Bürgerinnen und Bürger Hamburgs per Volksentscheid das Ziel der Klimaneutralität von 2045 auf 2040 vorgezogen – ein ambitioniertes Vorhaben für eine Industriestadt. Das Wasserstoffnetz soll einen erheblichen Beitrag dazu leisten. In seiner ersten Ausbaustufe wird es rund 40 Kilometer umfassen und große Industriebetriebe südlich der Elbe miteinander verbinden: die 100-MW-Elektrolyseanlage in Moorburg, die Leichtmetall-Produktion in Altenwerder und den Luftfahrt-Standort Airbus in Finkenwerder. Bis 2031 soll das Netz auf 60 Kilometer wachsen.
Die erhofften Klimaeffekte sind beträchtlich. Allein in der ersten Phase sollen jährlich 580.000 Tonnen CO₂ eingespart werden, indem fossile Energieträger in der Industrie ersetzt werden. Im Vollausbau könnte HH-WIN laut Berechnungen der Hamburger Energienetze bis zu 6,4 Terawattstunden Erdgas durch grünen Wasserstoff ersetzen. Das würde einer jährlichen CO₂-Reduktion von 1,4 Millionen Tonnen entsprechen – knapp neun Prozent der gesamten Hamburger Emissionen. Auch die Hafenlogistik soll profitieren: Die Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) testet bereits Brennstoffzellen-Fahrzeuge für schwere Container-Geräte, die später mit dem Wasserstoff aus dem Netz betankt werden könnten.
Doch die Rechnung geht nur auf, wenn die Industrie das neue Angebot auch annimmt. Eingespart wird nur das CO₂, das durch eine tatsächliche Umstellung der Produktionsprozesse vermieden wird. Und dafür muss der grüne Wasserstoff nicht nur verfügbar, sondern auch wettbewerbsfähig im Preis sein. Seit Anfang 2026 wirbt der Netzbetreiber daher aktiv bei potenziellen Kunden. Auf einer eigenen Homepage können Industrieunternehmen Transportkapazitäten im zukünftigen Netz reservieren – nach dem Prinzip «Wer zuerst kommt, mahlt zuerst». Auch Erweiterungen sind bereits in Planung. So sollen perspektivisch weitere Industriegebiete nördlich der Elbe, von Hammerbrook bis Billbrook und von Langenhorn bis Lokstedt, angeschlossen werden.
Ein Puzzleteil mit großer Symbolkraft
Als das Gasnetz Hamburg vor vier Jahren mit der konkreten Planung für HH-WIN begann, war der Wasserstoff-Hype auf seinem Höhepunkt. Heute, im Sommer 2026, ist daraus ein reales Bauprojekt geworden, das im Zeitplan liegt. Das ist in der deutschen Wasserstoff-Landschaft keine Selbstverständlichkeit. Viele große Projekte stocken, weil die Förderpolitik unsicher ist oder die Wirtschaftlichkeitsberechnungen nicht aufgehen. Hamburg zeigt mit HH-WIN, dass der Aufbau einer Wasserstoff-Infrastruktur in einer großen Industrieregion möglich ist – wenn die politischen Rahmenbedingungen stimmen und die lokale Industrie mitzieht.
Der H2-Connector in Moorburg ist dabei mehr als nur ein technisches Bauwerk. Er steht symbolisch für den notwendigen Wandel: Auf dem Gelände, wo einst Kohle verfeuert wurde, entsteht jetzt die Schaltzentrale für eine klimaneutrale Energiezukunft. Ob diese Zukunft wie geplant im Herbst 2027 beginnt, hängt von vielen Faktoren ab – von der Fertigstellung der nationalen Fernleitungen, von den Preisen für grünen Strom und nicht zuletzt von der Bereitschaft der Hamburger Industrie, in neue Technologien zu investieren. Sicher ist: Mit jedem Meter verlegter Leitung und jedem Betonfundament in Moorburg wird die Vision einer dekarbonisierten Industriestadt ein Stück konkreter. Für Hamburg und für ganz Deutschland.