In Berlin-Spandau zeigt eine unscheinbare Stelle am Schifffahrtskanal etwas Besonderes. Dort, am Golda-Meir-Steg, wächst seit dreieinhalb Jahren ein dichtes Schilffeld direkt an einer grauen Stahlspundwand. Was wie ein kleines Experiment aussieht, könnte für die Wasserqualität der gesamten Stadt ein großer Schritt sein. Der Ingenieur Ralf Steeg hat mit seinem Team genau hier ein System entwickelt, um die harten, lebensfeindlichen Ufer der Berliner Wasserstraßen wieder in natürliche Lebensräume zu verwandeln. Die Zahlen machen die Dringlichkeit klar: Ein Großteil der Berliner Gewässer befindet sich nicht mehr in einem naturnahen Zustand. Millionen Quadratmeter Wasserfläche werden von Beton und Stahl gesichert, bieten weder Tieren noch Pflanzen einen Lebensraum. Diese Uferwände heizen sich bei sommerlichen Temperaturen stark auf und geben die Wärme an die Gewässer und die dicht bebauten Stadtgebiete ab. Sie verwandeln Berlin in eine Hitzeinsel.
Der Ansatz von Ralf Steeg ist so einfach wie genial. Anstatt das teure und aufwändige Abreißen der Spundwände zu fordern, hat er einen Weg gefunden, sie zu begrünen. Ein Stahlträger wurde an der Wand befestigt, daran wurden 78 mit Substrat gefüllte Körbe eingehängt. In diese wurden Schilf und Weiden gepflanzt. Insgesamt hängen hier 26 Tonnen Erde und Pflanzen an der Wand – das Gewicht eines voll besetzten Doppeldeckerbusses. „Eine der großen Herausforderungen bei der Entwicklung des Systems“, erklärt Steeg. Die Frage, ob die alte Spundwand dieses Gewicht überhaupt tragen kann, war nur eines von vielen Problemen, die gelöst werden mussten. Andere waren die Langlebigkeit der Materialien, der Schutz vor Wellenschlag und sogar Vogelfraß. Doch die Mühe hat sich gelohnt. Nach nur dreieinhalb Jahren ist das Schilf über drei Meter hoch, die Weiden sind von 1,5 auf fünf Meter gewachsen. Aus der einstigen Betonwand ist ein lebendiges Biotop geworden.
Hintergrund und Kontext: Warum unsere Wasserstraßen krank sind
Die Berliner Gewässer leiden unter einer historischen Doppelbelastung, die bis heute nachwirkt. Jahrzehntelang wurden Flüsse und Kanäle für die Schifffahrt begradigt und mit harten Ufern versehen. Gleichzeitig dienten sie als Abwasserkanäle für die wachsende Stadt. Zwar hat sich die Wasserqualität seit den 1990er Jahren deutlich verbessert, doch die Probleme sind tief verwurzelt. Ein Hauptproblem bleibt die Berliner Mischkanalisation. Bei starkem Regen kann sie die Wassermengen nicht mehr aufnehmen. Dann gelangen jedes Jahr rund drei Millionen Kubikmeter ungeklärter Mischabwässer – eine Mischung aus Regenwasser, Fäkalien, Schwermetallen und Chemikalien – direkt in Spree und Landwehrkanal. Dazu kommen Nährstoffe aus der Landwirtschaft, die flussaufwärts in Berlin ankommen und das Algenwachstum massiv fördern.
Der rechtliche Rahmen für die Renaturierung ist komplex. Für die großen Wasserstraßen wie Spree und Landwehrkanal ist das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt (WSA) des Bundes zuständig. Die Senatsverwaltung für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Klimaschutz ist für die kleineren Gewässer und die gesamte Gewässerökologie in Berlin verantwortlich. Diese Aufteilung macht Projekte oft kompliziert und langwierig. Das Pilotprojekt am Golda-Meir-Steg konnte nur realisiert werden, weil das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) als Forschungspartner dabei war und eng mit dem WSA zusammengearbeitet wurde. Es zeigt einen neuen Weg auf: Statt riesige Umbauten zu planen, können mit modularen Systemen punktuell und schnell Lebensräume geschaffen werden.
Die Wirkung der Schilfinseln: Mehr als nur schöner anzusehen
Die positive Wirkung der begrünten Spundwand geht weit über den optischen Effekt hinaus. Ralf Steeg erklärt sie mit einfachen Bildern: „Schilffelder sind natürliche Klärwerke.“ Die Reinigung übernehmen Mikroorganismen, die an den Wurzeln der Pflanzen leben. Sie filtern Schadstoffe und Nährstoffe aus dem Wasser und reduzieren so die Algenbildung. Dies ist in Berlin besonders wichtig, wo die Algenblüte im Sommer regelmäßig zum Problem wird. Werden die Algen abgebaut, verbrauchen sie Sauerstoff – was im schlimmsten Fall zu Fischsterben führt.
Ein weiterer, für die Stadt lebenswichtiger Effekt ist die Kühlung. „Wir haben mit einer Wärmebildkamera einen Unterschied von 10 Grad zu einer 80 Meter entfernten Vergleichsuferwand ohne Schilf gemessen“, sagt Steeg. Das Schilf schattiert die Stahlwand, die sich so nicht mehr aufheizt. Zudem haben Ufervegetationen die höchste Verdunstungsleistung aller städtischen Flächen. Ein Quadratmeter Schilf verdunstet pro Jahr bis zu 1,5 Kubikmeter Wasser und entzieht der Umgebung dabei Wärme. „Aus einer städtischen Hitzeinsel ist durch das Schilffeld eine Kälteininsel geworden.“ Für eine Stadt wie Berlin, die immer heißere Sommer erlebt, ist diese natürliche Klimaanlage von unschätzbarem Wert.
Die tierischen Bewohner haben das neue Paradies sofort angenommen. Das Leibniz-Institut für Gewässerökologie fand sogar Hinweise auf einen Otter. Libellen, Käfer und Vögel sind ständige Gäste. Für Fische sind die Wurzelvorhänge unter den Modulen ein idealer Schutzraum zum Laichen und für Jungfische. „Das Faszinierende war: Bereits einen Tag nach Baubeginn hing an einem herausgenommenen Modul Fischlaich. Das zeigt, wie dringend solche Strukturen gebraucht werden“, erzählt Steeg mit Begeisterung. Es ist ein deutliches Zeichen, dass die Natur nur auf eine Gelegenheit wartet, sich die Stadt zurückzuerobern.
Lokalpolitische Dimensionen: Zwischen Vision und Haushaltsrealität
Das Projekt steht beispielhaft für eine neue Art, Stadtentwicklung zu denken. Es verbindet Klimaschutz, Artenschutz und Lebensqualität auf direktem Weg. In der Berliner Politik findet dieser Ansatz zunehmend Gehör. Die Senatsverwaltung für Umwelt beschäftigt sich intensiv mit der Renaturierung von Gewässern. An der Panke wurden bereits Maßnahmen umgesetzt, am Wehr am Eierhäuschen entstand eine große Flachwasserzone. Die Stiftung Naturschutz Berlin finanziert Projekte wie die beiden von Steegs Büro umgesetzten Schilfinseln in Spandau.
Doch zwischen den Plänen und der Umsetzung liegen oft die harten Realitäten des Berliner Haushalts und komplizierte Zuständigkeiten. Großprojekte wie der Rückbau von Kanalufern sind teuer und brauchen Jahre der Planung. Modulare Systeme wie das am Golda-Meir-Steg bieten hier einen Vorteil: Sie sind relativ preiswert, schnell umsetzbar und müssen nicht die gesamte Infrastruktur der Schifffahrt infrage stellen. Die Schifffahrt selbst sieht Steeg weniger kritisch als die Abwasserproblematik. Allerdings können Wellen von zu schnellen Sportbooten die sensiblen Schilfpflanzen beschädigen. Hier ist gegenseitige Rücksichtnahme gefragt.
Der Ingenieur bleibt trotz aller Herausforderungen optimistisch. „Wenn es in den nächsten zwei bis drei Jahren nochmal einen richtigen Schub für die Berliner Gewässer gibt, bleibe ich guter Dinge.“ Er verweist auf die anstehenden Projekte: In einem Monat sollen sechs neue Schilfinseln im Landwehrkanal gebaut werden, ein weiterer großer Schritt. Sein Traum ist es, dass die Ufer in Berlin überall so aussehen wie am Golda-Meir-Steg. Doch er weiß auch: „Die Realität ist leider eine andere.”
Was Bürger tun können und warum es jeden Berliner angeht
Die Renaturierung der Gewässer ist keine Aufgabe, die nur Behörden und Ingenieure betrifft. Sie geht jeden Berliner an, der an der Spree spazieren geht, im Müggelsee badet oder einfach in dieser Stadt lebt. Bessere Wasserqualität und kühlere Ufer kommen allen zugute. Bürger können sich auf verschiedene Weise einbringen. Sie können sich bei ihrem Bezirk oder bei der Senatsverwaltung nach geplanten Renaturierungsprojekten in ihrer Nähe erkundigen und Unterstützung signalisieren. Sie können bei Bürgerbeteiligungsverfahren zu Stadtentwicklungs- und Klimaplänen ihre Stimme für grüne, lebendige Ufer erheben. Und sie können selbst achtsamer mit den Gewässern umgehen: Kein Abwasser über Gullys entsorgen, keine Chemikalien in den Ausguss schütten und im Boot Rücksicht auf die Ufervegetation nehmen.
Die Informationen über solche Projekte sind oft auf den Webseiten der Senatsverwaltung für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Klimaschutz und der Stiftung Naturschutz Berlin zu finden. Die Termine für öffentliche Sitzungen der bezirklichen Umweltausschüsse sind eine gute Gelegenheit, etwas über lokale Pläne zu erfahren und Fragen zu stellen. Jede Stimme, die sich für mehr Natur in der Stadt einsetzt, macht einen Unterschied.
Die kleine grüne Insel in Spandau ist mehr als ein Experiment. Sie ist ein lebendiger Beweis, dass selbst in der dicht besiedelten Großstadt Raum für Natur ist. Sie zeigt, dass technische Lösungen im Einklang mit der Natur stehen können, statt gegen sie. Und sie erinnert uns daran, dass die Spree und ihre Kanäle das Herzstück Berlins sind – sie verdienen es, nicht nur als Transportweg, sondern als lebendiges Ökosystem behandelt zu werden. Die Entscheidungen, die wir heute über ihre Ufer treffen, werden bestimmen, ob Berlin in Zukunft eine kühlere, artenreichere und lebenswertere Stadt sein wird. Der erste Schritt ist getan. Jetzt geht es darum, aus der kleinen Insel eine große Bewegung werden zu lassen.
- Sicherung der Wasserqualität
- Schutz der Artenvielfalt
- Erhöhung der Lebensqualität
- Reduzierung der Hitzeinseln
- Förderung naturnaher Lebensräume
- Nachhaltige Stadtentwicklung
| Aspect | Details |
|---|---|
| Ort | Golda-Meir-Steg, Berlin-Spandau |
| Dauer des Projekts | 3,5 Jahre |
| Gewicht der Pflanzen | 26 Tonnen |
| Höhe des Schilfs | Über 3 Meter |
| Höhe der Weiden | 5 Meter |
| Beneficiaries | Tiere, Pflanzen und Bürger |