Als ich am Mittwoch mit einem jungen Vater aus Wilhelmsburg sprach, der seine Kinder in einen städtischen Sportverein bringen wollte, brachte er fast beiläufig eine Frage auf, die vielen Hamburgerinnen und Hamburgern unter den Nägeln brennt: „Sind wir hier eigentlich sicher? Ich meine, mit all dem, was man so hört…“ Seine Sorge ist verständlich. In einer Stadt, die für ihre Weltoffenheit und ihren hanseatischen Pragmatismus bekannt ist, wirken Berichte über islamistische Bestrebungen wie ein Störfrequenz. Die jüngsten Zahlen des Hamburger Verfassungsschutzes für das Jahr 2025 zeichnen ein differenziertes Bild: Während die überwiegende Mehrheit der rund 240.000 in Hamburg lebenden Muslime friedlich ihren Glauben praktiziert, werden etwa 1.925 Personen dem islamistischen Spektrum zugerechnet. Das entspricht etwa 0,8 Prozent der muslimischen Gemeinschaft. Von diesen gelten 1.610 als „gewaltorientiert“. Die Szene ist also zahlenmäßig klein, bleibt für die Sicherheitsbehörden aber hochrelevant, weil ihre Anhänger die freiheitlich-demokratische Grundordnung ablehnen und nach eigenen Angaben verändern wollen.
Die Steigerung um 25 Personen im Vergleich zum Vorjahr ist marginal, doch sie zeigt eine Kontinuität. „Die Bedrohung durch islamistischen Terrorismus ist und bleibt real“, betont Verfassungsschutzchef Torsten Voß in dem Bericht. Entscheidend ist hier die begriffliche Differenzierung: „Gewaltorientiert“ bedeutet laut Behörde nicht zwangsläufig, dass diese Personen aktuell Anschläge planen. Der Begriff umfasst auch solche, die Gewalt als Mittel zur Durchsetzung ihrer Ziele befürworten, finanziell oder ideologisch unterstützen oder schlichtweg nicht ausschließen. Die deutlich kleinere Gruppe sind die polizeilichen „Gefährder“ – Personen, denen die Beamten aufgrund konkreter Hinweise schwere Straftaten bis hin zu Terroranschlägen zutrauen.
Hinter den nüchternen Zahlen verbirgt sich ein komplexes Geflecht aus unterschiedlichen Strömungen und Organisationen, die sich in ihrer Ideologie und Methodik teilweise stark unterscheiden.
| Organisation | Anzahl der Anhänger | Ziele |
|---|---|---|
| Hizb ut-Tahrir | 490 | Abschaffung von Nationalstaaten und Errichtung eines Kalifats |
| Salafistische Szene | 450 | Wahrung islamischer Werte, potenziell gewaltorientiert |
| Dawah Hamburg | Nicht spezifiziert | Missionsnetzwerk |
| Furkan-Bewegung | 265 | Berufung auf islamische Prinzipien, Kinderbetreuung |
| Hizb Allah | 60 | Stärkung der schiitischen Identität |
| Muslimbruderschaft | 60 | Einfluss auf Gesellschaft durch Bildung und Sozialarbeit |
Die größer langfristige Herausforderung für die Stadtgesellschaft liegt jedoch woanders: im Wettbewerb um die Köpfe und Herzen vor allem junger Menschen. Islamistische Gruppierungen bieten:
- simplistische Weltbilder
- klare Feindbilder
- ein starkes Gemeinschaftsgefühl
- Attraktivität in einer komplexen Welt
- direkte Konkurrenz zu sozialen Angeboten
- Einfluss auf junge Menschen
Hier zeigt sich eine Schwachstelle, die über reine Sicherheitspolitik hinausgeht. Prävention gelingt nur dort, wo junge Menschen starke, positive Alternativen und echte Teilhabe erfahren. Das betrifft Stadtteile wie Billstedt oder Veddel genauso wie Schulen in Harvestehude. Es geht um bezahlbaren Wohnraum, um Chancen auf dem Ausbildungsmarkt, um Anerkennung und den Schutz vor alltäglichem Rassismus. Eine Islamismusprävention, die nur auf Überwachung und Verbote setzt, kommt zu spät.
Die Hamburger Politik steht hier in der Pflicht, die bestehenden Programme zur Demokratieförderung und Radikalisierungsprävention nicht nur fortzuführen, sondern deutlich auszubauen und besser zu vernetzen. Die Zusammenarbeit mit den vertrauensvollen, demokratischen Vertretern der muslimischen Gemeinden muss intensiviert werden. Sie sind die wichtigsten Verbündeten im Kampf gegen extremistische Narrative.
Der Vater aus Wilhelmsburg wird am Wochenende wohl trotzdem zum Kinderturnen gehen. Seine latente Sorge aber bleibt ein Stimmungsbild. Sie erinnert uns daran, dass Sicherheit mehr ist als die Abwesenheit von Anschlägen. Sicherheit ist auch das Gefühl, in einer gefestigten, wehrhaften und inklusiven Gemeinschaft zu leben, die ihre demokratischen Werte nicht nur verteidigt, sondern tagtäglich mit Leben füllt. Die Zahlen des Verfassungsschutzes sind ein wichtiger Fingerzeig. Die Antwort darauf muss die ganze Stadt geben.