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Nachrichten Lokal > Nachrichten > Dortmund > Kinder gestalten „Mini Dortmund“: Ein Ferienprojekt
Dortmund

Kinder gestalten „Mini Dortmund“: Ein Ferienprojekt

Julia Becker
Zuletzt aktualisiert: Juli 30, 2026 3:02 a.m.
Julia Becker
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In der Erlebniswelt am Fredenbaum, zwischen dem vertrauten Rauschen der Ems und dem großen Big Tipi, herrscht in diesen Sommerferientagen eine besondere Art von Betriebsamkeit. Hier, wo sonst Familien wandern und Kinder auf Abenteuerspielplätzen toben, regieren seit einer Woche die Jüngsten. 80 Mädchen und Jungen zwischen acht und zwölf Jahren bauen ihre eigene Stadt auf – mit allem, was dazugehört. „Mini Dortmund“ ist mehr als nur ein Ferienspaß. Es ist ein lebendiges Experiment in Demokratie, Verantwortung und Gemeinschaft, das tiefe Einblicke gibt, wie Kinder ihre Stadt sehen und was sie sich für die Zukunft wünschen.

Die Oberbürgermeisterin von „Mini Dortmund“, Lia, drückt im Ratssaal, einem großen Pavillon, selbstbewusst den Knopf des Mikrofons. Es leuchtet rot auf. „Man muss selbstbewusst sein“, rät das Mädchen mit den langen braunen Haaren lächelnd. Ihr Gegenüber ist kein Geringerer als Alexander Kalouti (CDU), der amtierende Oberbürgermeister des „großen“ Dortmund. Lia ist bereits in ihrer zweiten Amtszeit – allerdings für 80 Einwohner in der Zeltstadt am Fredenbaum nicht für 600.000 in der Westfalenmetropole.

Hinter diesem einzigartigen Planspiel steckt ein Gemeinschaftsprojekt der Stadt Dortmund. Das Jugendamt, die Erlebniswelt Fredenbaum, die städtische Servicestelle Partizipation und der Jugendring Dortmund haben fünf Tage lang eine komplette Miniaturgesellschaft organisiert. „Dass sie sich selber so viel einbringen, das war unser Wunsch“, sagt Sarah Grisko, eine der leitenden Pädagoginnen. „Und das dann jetzt zu sehen, dass das klappt, ist für mich als Pädagogin das Allerschönste.“ Zusammen mit ihrem Kollegen Fabian Reckel leitet sie die Freizeit, in der die Kinder die volle Kontrolle über ihr Gemeinwesen haben – innerhalb eines klar abgesteckten Rahmens.

Das Konzept ist simpel und doch genial: Die Kinder übernehmen alle Rollen einer Stadtverwaltung. Sie wählen ihre Oberbürgermeisterin und drei Bezirksbürgermeister, bilden einen Rat, stellen Anträge und treffen Entscheidungen, die verbindlich sind. Auch für die Betreuer. „Es ist für die Kinder echt und für uns auch“, betont Grisko. Ein früher Beschluss des Kinderrates beweist das: Die Verpflegung wurde um Müsli zum Frühstück erweitert. Beschlossen, getan. Nur bei Anträgen auf „später schlafen gehen“ und „mehr Handyzeit“ behielten die Erwachsenen ihr Veto-Recht.

Wie ernsthaft die jungen Bürger ihre Demokratie leben, zeigt ein bemerkenswerter Schritt gleich zu Beginn. „Eigentlich sollten nur die Ratsmitglieder wählen dürfen“, erzählt OB Lia. „Aber das fanden wir doof. Alle sollten wählen können.“ Also kippten sie kurzerhand das ursprüngliche Wahlrecht und führten basisdemokratische Abstimmungen für alle Stadtbewohner ein.

Neben Lia im „Ratssaal“ sitzen die Bezirksbürgermeister Emilia, Lennox und Chayenne. Professionell meistern die vier eine Pressekonferenz für Reporter. Chayenne erklärt die Stadtstruktur: „Mini Dortmund“ ist in vier Bezirke aufgeteilt – „Ladies In Red“, „Green City“, „New DO“ und „Schlumpfhausen“. Jeder Bezirk bewohnt ein Gruppen-Zelt, die sich um den zentralen Pavillon scharen.

Jeder Tag hat dabei eine klare Struktur und bietet den Kindern echte Gestaltungsmacht. Gemeinsam legen sie fest, welche von mindestens sechs Workshops am Tag stattfinden:

  • Nachhaltigkeit
  • Kultur
  • Öffentlichkeitsarbeit
  • Handwerk
  • Beteiligung
  • Freizeit

Hier wird nicht nur theoretisch diskutiert, sondern praktisch gearbeitet. Kinder sägen und hämmern unter Aufsicht mit echtem Werkzeug. Eine Redaktion bringt die Zeitung „Mini Dortmund“ heraus. Und natürlich kommt der Spaß nicht zu kurz. Beim traditionellen Tanz um den Maibaum, bei dem alle in weiß gekleidet sind, drehen, klatschen und lachen sie ausgelassen. Jeder Abend endet gemütlich am gemeinsamen Feuer.

Die Motivation der jungen Politiker ist erstaunlich reflektiert. „Weil die Betreuer uns gezeigt haben, wie wir richtig mit Geld umgehen“, antwortet Chayenne auf die Frage, warum sie mitmacht. Vor ihr steht ein fruchtiger Durstlöscher mit Strohhalm. Lennox, Bezirksbürgermeister von „Green City“, hat persönlichere Beweggründe: „Mein Freund wurde doll beleidigt. Ich wollte Bürgermeister werden, damit ich etwas dagegen tun kann.“ Für Emilia, Chefin von „New DO“, war klar: „Ich wollte gerne mehr Verantwortung übernehmen.“ Viele der Kinder, darunter alle Bürgermeister, sind bereits zum zweiten Mal dabei – ein klares Zeichen für die Anziehungskraft und den nachhaltigen Eindruck des Projekts.

Doch „Mini Dortmund“ ist kein abgeschottetes Idyll. Die Kinder bringen ihre Sorgen und Wünsche aus dem echten Dortmund mit. Ihre politischen Forderungen sind konkret und berührend: Sie wünschen sich weniger Müll auf den Straßen ihrer Stadtteile und günstigere Babynahrung, die für alle Familien bezahlbar ist. „Die Kinder brauchen eine Stimme“, sagt Pädagogin Grisko mit Nachdruck. „Häufig würden sie nämlich nicht gehört.“

Forderungen der Kinder Beschreibung
Weniger Müll Wunsch nach saubereren Straßen in den Stadtteilen.
Günstigere Babynahrung Erreichbarkeit von Nahrung für alle Familien.
Mehr Freizeitmöglichkeiten Erweiterung der Angebote in der Stadt.
Teilhaben an Entscheidungsprozessen Einbindung in kommunale Entscheidungen.
Umweltbildung Schulungen und Workshops zu Nachhaltigkeit.
Verbesserte Spielplätze Renovierung und Ausstattung von Spielplätzen.

Das Projekt ist auch eine Brücke zwischen der kleinen und der großen Welt. Ein Höhepunkt der Woche war der Ausflug der gesamten „Stadt“ ins echte Dortmunder Rathaus. Dort konnten sie sehen, wo und wie die „große“ Politik gemacht wird. Ein weiterer gemeinsamer Ausflug führte sie als geschlossene Gemeinschaft an den Hengsteysee – der Urlaub der Stadtrepublik.

Am Ende der fünf Tage steht keine einfache Abreise, sondern eine ernsthafte Evaluation. „Wir nehmen die Kinder hier sehr ernst“, so Grisko. „Deswegen wird es auch am Ende eine Evaluation geben.“ Die Organisatoren wollen konkret wissen, was den Kindern gefallen hat und was besser werden kann. Ihr Feedback fließt direkt in die Planung für das nächste Jahr ein.

„Mini Dortmund“ zeigt auf beeindruckende Weise, dass Kinder nicht nur die Zukunft sind, sondern sehr konkrete Vorstellungen von einem guten Zusammenleben in der Gegenwart haben. Sie verstehen Prinzipien von Fairness, wollen Teilhabe und übernehmen bereitwillig Verantwortung, wenn man sie ihnen überträgt. Das Projekt ist ein Leuchtturm der partizipativen Kinder- und Jugendarbeit in Dortmund und könnte Vorbild für andere Kommunen sein.

Vielleicht, so die Hoffnung der Betreuer, tragen einige der jungen Bürgermeister ihre Erfahrungen und ihren Gestaltungswillen irgendwann in die reale Kommunalpolitik. Die Forderungen nach sauberen Straßen und sozialer Gerechtigkeit werden dort jedenfalls dringend gebraucht. Bis dahin haben Lia, Chayenne, Lennox und Emilia in ihrem „Mini Dortmund“ bewiesen, dass Demokratie von unten funktioniert – wenn man sie nur ernst nimmt und Kindern den Raum gibt, sie zu leben.

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VonJulia Becker
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Julia ist eine engagierte Reporterin für den Süden Deutschlands mit Schwerpunkt auf München und Stuttgart. Sie schreibt über lokale Kulturveranstaltungen, das wirtschaftliche Stadtleben und Geschichten von Menschen, die ihre Region prägen. Ihre Beiträge zeichnen sich durch Nähe, Empathie und starke persönliche Perspektiven aus.
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