Die Luft im Hamburger Osten ist seit Monaten erfüllt vom Lärm der Baustellenfahrzeuge. Seit August letzten Jahres wird die Rodigallee, die lebenswichtige Verkehrsschlagader zwischen Wandsbek und Farmsen-Berne, komplett umgekrempelt. Was für viele Anwohner zunächst nach einer lang ersehnten Verkehrsberuhigung und Aufwertung ihres Stadtteils klang, entwickelt sich nun zu einem der umstrittensten und teuersten Straßenbauprojekte der letzten Jahre in Hamburg. Eine aktuelle Anfrage der CDU-Bürgerschaftsfraktion hat jetzt offengelegt: Die Kosten für das Prestigeprojekt des rot-grünen Senats sind nicht mehr zu halten. Aus den ursprünglich geplanten 18,8 Millionen Euro werden voraussichtlich über 26 Millionen Euro – ein Preissprung von fast vierzig Prozent, der die Diskussion um Sinn und Zweck der gesamten Maßnahme neu entfacht.
Der Umbau der Rodigallee ist ein Herzstück des Hamburger Verkehrsentwicklungsplans und soll einen Spagat vollführen: Die Straße soll sicherer und attraktiver werden für Fußgänger und Radfahrer, gleichzeitig aber auch den fließenden Autoverkehr zwischen den dicht besiedelten Stadtteilen aufnehmen. Konkret bedeutet das:
- Neue, breitere Gehwege
- Ein durchgängiger, baulich getrennter Radweg auf beiden Seiten
- Mehr Grünflächen
- Verbesserte Aufenthaltsqualität
- Reduzierung der Fahrspuren für den Autoverkehr von vier auf zwei
- Zusätzliche Abbiegespur
Besonders umstritten ist dabei die geplante Reduzierung der Fahrspuren für den Autoverkehr von bisher vier auf zwei, ergänzt durch eine zusätzliche Abbiegespur. Kritiker, insbesondere aus den Reihen der CDU und der FDP, warnen seit Projektbeginn vor einem Verkehrskollaps im schon heute stark belasteten Osten Hamburgs. Die jetzt bekannt gewordene massive Kostenexplosion wirft die Frage auf, ob der eingeschlagene Weg überhaupt noch der richtige ist.
Hintergrund: Ein lang gehegter Wunsch mit komplizierter Ausgangslage
Die Rodigallee ist mehr als nur eine Straße. Sie ist die historische Hauptverbindung durch den Bezirk Wandsbek, gesäumt von einer Mischung aus Wohnhäusern aus den 1950er und 60er Jahren, kleineren Läden, Schulen und Gewerbebetrieben. Jahrzehntelang dominierte hier der Autoverkehr. Die schmalen Gehwege, die fehlenden sicheren Radwege und die lärmende, abgasbelastete Atmosphäre waren für viele Bewohner des Viertels ein steter Quell der Unzufriedenheit. „Man fühlte sich hier nicht wohl, wenn man zu Fuß unterwegs war“, erzählt mir eine langjährige Anwohnerin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, bei einem Spaziergang entlang der Baustelle. „Vor allem für Familien mit Kindern oder ältere Menschen war die Überquerung der Straße ein Risiko.“
Die Forderung nach einer Neugestaltung war also alt. Doch die Umsetzung gestaltet sich außerordentlich komplex. Unter der Rodigallee verläuft ein Gewirr aus Versorgungsleitungen, teilweise noch aus der Nachkriegszeit. „Bei solchen Projekten in dicht besiedelten Gebieten stoßen wir regelmäßig auf unvorhergesehene Herausforderungen“, erklärt ein Sprecher der Behörde für Verkehr und Mobilitätswende (BVM) auf Nachfrage. „Alte Leitungen müssen erneuert werden, der Untergrund ist oft nicht so stabil wie in den Plänen vermerkt, und die Abstimmung mit den vielen Versorgungsunternehmen ist ein logistischer Kraftakt.“ Diese sogenannten „unterirdischen Hindernisse“ sind laut Senatsantwort auf die CDU-Anfrage einer der Hauptgründe für die Kostentreiber. Hinzu kommen gestiegene Preise für Baumaterialien und die allgemeine Inflation.
Die Analyse: Zwischen Vision und harter Realität
Die Kostennachforderungen lesen sich für den Laien wie eine trockene Liste, für den Steuerzahler sind sie ein Ärgernis. Rund 7,2 Millionen Euro zusätzlich werden benötigt. Die Begründungen der Verwaltung sind vielfältig:
| Begründung | Kosten |
|---|---|
| Erneuerung der Fernwärmeleitung | 1,5 Millionen Euro |
| Anpassung der Entwässerung an neue gesetzliche Vorgaben | 1,2 Millionen Euro |
| Vertiefte Gründungen für neue Laternenmasten und Bäume | Mehrere Hunderttausend Euro |
Verkehrssenator Anjes Tjarks (Grüne) verteidigt das Projekt trotz der Kostenexplosion. „Wir investieren hier in die Zukunft unseres Stadtteils“, sagte er in der vergangenen Bürgerschaftssitzung. „Eine sichere und moderne Infrastruktur für alle Verkehrsteilnehmer hat ihren Preis. Die Rodigallee wird nach dem Umbau ein Ort sein, an dem man gerne lebt, einkauft und sich bewegt – und das ist uns diese Investition wert.“ Für ihn steht die verkehrspolitische Wende im Vordergrund, die weg vom Auto und hin zu Fuß, Rad und ÖPNV führen soll.
Doch diese Vision stößt bei vielen direkt Betroffenen auf Skepsis. „Die Idee ist schön, keine Frage“, sagt Michael Berger, der seit 20 Jahren ein Fahrradgeschäft in der Nähe der Rodigallee betreibt. „Aber ich fürchte, dass durch die Fahrspur-Reduzierung der Verkehr einfach in die umliegenden Wohnstraßen ausweicht. Das verschiebt das Problem nur. Und ob meine Kunden dann noch durch den Stau zu mir finden, wenn sie mit dem Auto kommen müssen, ist ungewiss.“ Diese Sorge teilen zahlreiche Gewerbetreibende, die um ihre Erreichbarkeit fürchten.
Andere sehen die Entwicklung positiver. Die örtliche Initiative „Lebenswerte Rodigallee“, ein Bündnis von Anwohnern, hatte jahrelang für genau solche Veränderungen gekämpft. „Die hohen Kosten sind bedauerlich, aber sie dürfen nicht als Argument gegen eine lebenswerte Stadt dienen“, so Sprecherin Claudia Möller. „Jahrzehntelang wurde nur in Autobahnen und Parkplätze investiert. Dass jetzt einmal Geld in die Hand genommen wird, um den öffentlichen Raum für Menschen zurückzugewinnen, ist überfällig. Die gestiegenen Kosten zeigen vor allem, wie vernachlässigt unsere städtische Infrastruktur ist.“
Gemeinschaftsauswirkungen: Wer profitiert, wer zahlt die Zeche?
Die Auswirkungen des teuren Projekts sind im Stadtteil bereits jetzt spürbar und höchst unterschiedlich. Für Familien mit Kindern und Seniorinnen und Senioren verspricht der breitere, barrierefreie Gehweg und die sicheren Querungsmöglichkeiten einen enormen Gewinn an Lebensqualität und Selbstständigkeit. Die geplanten Bäume und Sitzbänke sollen Aufenthaltsorte schaffen, wo vorher nur asphaltierte Randbereiche waren.
Die große Unbekannte bleibt der Autoverkehr. Wenn sich die Befürchtungen der Kritiker bewahrheiten und es zu erheblichen Staus kommt, trifft dies vor allem Pendler, die auf das Auto angewiesen sind, sowie Lieferdienste und Handwerksbetriebe. Die soziale Frage stellt sich hier indirekt: Wer kann es sich leisten, flexibel zu arbeiten oder auf alternative Verkehrsmittel umzusteigen und wer ist auf eine verlässliche, schnelle Autoverbindung angewiesen? Zudem lastet die finanzielle Bürde der Mehrkosten auf dem städtischen Haushalt, der auch für Schulen, Kitas und soziale Projekte zuständig ist. Die CDU-Fraktion fordert daher vehement eine sofortige Kostenüberprüfung und einen Baustopp bis zur Klärung. „Das ist ein gefährlicher Präzedenzfall“, warnt Verkehrsexperte der CDU, Dennis Thering. „Wenn wir bei jedem Projekt solche Kostensteigerungen hinnehmen, geht uns irgendwann das Geld für die wirklich wichtigen Dinge aus.“
Lokalpolitische Dimensionen: Ein Prestigeduell im Wahljahr
Die Rodigallee ist längst mehr als eine Baustelle. Sie ist zum Symbol geworden für den grundsätzlichen Streit über Hamburgs Verkehrspolitik. Für die regierenden Grünen ist sie ein Musterbeispiel für die praktische Umsetzung ihrer Politik der „Mobilitätswende“. Für die oppositionelle CDU ist sie ein Exempel für Planungsversagen und ideologiegetriebene Verschwendung. In einem Jahr, in dem in Hamburg eine neue Bürgerschaft gewählt wird, bekommt diese Debatte eine besondere Schärfe. Jede Verzögerung, jeder weitere Kostenposten wird zum politischen Munitionsdepot.
Interessant ist die Haltung der SPD, die als Koalitionspartner der Grünen im Senat sitzt. Sie zeigt sich deutlich verhaltener. Während man den Zielen des Projekts grundsätzlich zustimmt, gibt es aus den Reihen der SPD-Wandsbek durchaus kritische Stimmen zur praktischen Umsetzung. Man möchte die Wählerinnen und Wähler im eher autoaffinen Osten der Stadt nicht vergrätzen. Diese innere Zerrissenheit spiegelt die gespaltene öffentliche Meinung im Stadtteil perfekt wider.
Bürgerbeteiligung und Handlungsmöglichkeiten: Nicht nur zuschauen
Für die betroffenen Anwohner und Gewerbetreibende ist die Phase der großen Grundsatzentscheidungen zwar vorbei, doch es bleiben Möglichkeiten der Mitwirkung. Die Bezirksversammlung Wandsbek befasst sich regelmäßig mit dem Fortschritt der Baumaßnahme. In ihren öffentlichen Sitzungen können Bürgerinnen und Bürger Fragen stellen und Anregungen vorbringen. Zudem plant die Verkehrsbehörde, nach Abschluss der Bauarbeiten eine Evaluation der Verkehrsflüsse durchzuführen. Hier können Erfahrungsberichte und konkrete Beobachtungen aus dem Alltag einfließen. Wer sich organisieren möchte, kann sich an die örtlichen Bürgervereine oder die Initiative „Lebenswerte Rodigallee“ wenden. Die nächste Sitzung des zuständigen Fachausschusses für Verkehr in der Bezirksversammlung Wandsbek findet am 15. September statt und ist öffentlich.
Fazit: Eine teure Wette auf die Zukunft
Der Umbau der Rodigallee ist eine teure Wette. Der Senat wettet darauf, dass die Menschen ihre Mobilitätsgewohnheiten ändern und die Aufwertung des öffentlichen Raums den Stadtteil nachhaltig beleben wird. Die Kritiker wetten darauf, dass die verkehrliche Engführung zu Chaos führt und die enormen Mehrkosten in keinem Verhältnis zum Nutzen stehen. Sicher ist nur: Die Rechnung, die jetzt präsentiert wird, zahlt am Ende die Hamburger Stadtkasse – und damit alle Bürgerinnen und Bürger. Ob die neue Rodigallee ihr Geld wert sein wird, wird sich erst zeigen, wenn der letzte Bauzaun entfernt ist und der Alltag in den neu gestalteten Raum einzieht. Bis dahin bleibt die wichtigste Verkehrsader im Hamburger Osten eine riesige Baustelle, nicht nur aus Beton und Asphalt, sondern auch aus Hoffnungen, Ängsten und politischen Grundsatzfragen. Die Diskussion darüber, wie wir in unserer Stadt leben und uns bewegen wollen, wird auf der Rodigallee gerade sehr konkret und sehr kostspielig ausgefochten.