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Nachrichten Lokal > Nachrichten > Berlin > Lehrermangel in Berlin: 500 Stellen unbesetzt zum Schulstart
Berlin

Lehrermangel in Berlin: 500 Stellen unbesetzt zum Schulstart

Julia Becker
Zuletzt aktualisiert: August 26, 2026 1:21 p.m.
Julia Becker
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In Berlin gehen heute die Schulen wieder los. Für viele Kinder und Jugendliche beginnt ein neues, aufregendes Kapitel. In den Klassenzimmern hängen vielleicht schon die neuen Stundenpläne. Doch in diesem Jahr hängen an vielen Türen auch Zettel, die niemand gerne sieht: „Vertretung gesucht“ oder „Stunde fällt aus“. Der Grund ist ein altbekanntes, aber immer drängenderes Problem: Es fehlen rund 500 Lehrerinnen und Lehrer zum Schulstart. Das sind etwa so viele Lehrkräfte, wie an zehn durchschnittlichen Berliner Grundschulen zusammen unterrichten.

Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) zeigt sich im RBB-Inforadio zwar zuversichtlich, dass die Schulen die Lücke füllen werden – so wie in den Vorjahren auch. „Sie werden entweder Studenten einstellen oder Vertretungslehrkräfte, teilweise auch andere Professionen“, sagte sie. Doch diese Notlösungen sind kein Zustand, mit dem sich Eltern, Schüler oder die Politik zufriedengeben können. „Das sei alles nicht das, was sich die Senatorin wünsche“, räumte sie selbst ein. Ein Blick in die Zahlen zeigt das ganze Ausmaß der Dauerbaustelle: Vor drei Jahren fehlten zum Schulstart noch 1.500 Lehrkräfte. Zwar ist die Lücke kleiner geworden, aber 500 unbesetzte Stellen bedeuten konkret: Tausende Schülerinnen und Schüler werden in den kommenden Wochen und Monaten keinen regulären, fest angestellten Fachunterricht erhalten. Besonders betroffen sind oft schon jetzt Schulen in sozialen Brennpunkten, wie in Teilen von Neukölln, Wedding oder Marzahn-Hellersdorf, wo die Herausforderungen ohnehin groß sind.

Hintergrund: Ein strukturelles Problem mit Berliner Wurzeln

Der Lehrermangel in Berlin ist kein plötzliches Unwetter, sondern ein langjähriger Sturm, der sich angekündigt hat. Seine Wurzeln reichen weit zurück. Verantwortlich ist ein Mix aus versäumten Planungen in der Vergangenheit, der boomenden Metropole Berlin und bundesweiten Trends. In den 2000er Jahren wurden aus Kostengründen viele Lehramtsstudienplätze gekürzt und Referendare nicht übernommen. Gleichzeitig stieg die Geburtenrate in der Hauptstadt seit 2005 kontinuierlich an – Berlin wurde zur jüngsten und kinderreichsten Großstadt Deutschlands. Heute besuchen über 370.000 Schülerinnen und Schüler die allgemeinbildenden Schulen in Berlin. Dazu kommen die beruflichen Schulen. Dieser Anstieg traf auf eine ausgedünnte Generation von Lehrkräften, von denen viele jetzt in den Ruhestand gehen. Pro Jahr scheiden in Berlin etwa 1.500 Lehrerinnen und Lehrer altersbedingt aus. Der Nachwuchs aus den Universitäten kann diese Lücke bei weitem nicht schließen. Zudem ist Berlin im bundesweiten Wettbewerb um qualifizierte Lehrkräfte oft das Schlusslicht. Das liegt am vergleichsweise hohen Arbeitsumfang, den schwierigen Rahmenbedingungen an vielen Schulen und bis vor kurzem auch an niedrigeren Gehältern.

Die Politik hat in den letzten Jahren gegengesteuert. Es wurden Quer- und Seiteneinsteigerprogramme massiv ausgebaut. Mittlerweile stammt fast jede dritte neu eingestellte Lehrkraft in Berlin nicht aus dem klassischen Lehramtsstudium. Das Gehalt wurde an das der anderen Bundesländer angeglichen. Und doch reichen diese Maßnahmen nicht aus. Das System läuft permanent im Notfallmodus. Die Folgen trägt die Gemeinschaft in den Klassenzimmern: größere Klassen, häufigerer Unterrichtsausfall, überlastete Kollegien und eine pädagogische Kontinuität, die für viele Kinder, besonders für die mit Förderbedarf, immer brüchiger wird.

Analyse: Notlösungen als Dauerzustand und eine neue Idee

Die Aussage der Senatorin, die Schulen würden die Lücken füllen „wie in den letzten Jahren“, offenbart das Kernproblem. Die Notmaßnahmen sind zum Dauerzustand geworden. Schulen sind zu kleinen Personalbüros verkommen, die sich verzweifelt um Vertretungskräfte bemühen. Schulleiter verbringen einen Großteil ihrer Zeit nicht mit pädagogischer Führung, sondern mit der Akquise von irgendjemandem, der vor eine Klasse treten kann. „Das zermürbt die Kollegien unheimlich“, berichtet eine Schulleiterin einer Integrierten Sekundarschule in Kreuzberg, die anonym bleiben möchte. „Man hat nie Ruhe, nie die Gewissheit, dass das Team bis zum Jahresende zusammenbleibt. Und jedes Mal, wenn eine Vertretung geht, reißen die aufgebauten Beziehungen zu den Schülern wieder ab.”

Die Senatorin setzt nun auf ein neues Instrument: den sogenannten „Flexmaster“. Ab dem nächsten Wintersemester sollen Lehramtsstudierende einen Arbeitsvertrag an einer Schule mit einem gestreckten Praxissemester in derselben Einrichtung kombinieren können. Die Idee dahinter ist einleuchtend: Studierende gewinnen früher und intensiver Praxiserfahrung, verdienen eigenes Geld und bauen eine Bindung an eine Schule auf. Die Schule erhält planbare Unterstützung und vielleicht eine zukünftige feste Lehrkraft. Bildungsexperten sehen den Ansatz grundsätzlich positiv. „Es ist ein Schritt in die richtige Richtung, um Theorie und Praxis zu verzahnen und den Beruf attraktiver zu machen“, sagt Professorin Mandy Schiefner, die an der Freien Universität Berlin zur Lehrkräftebildung forscht. „Allerdings darf daraus keine Ausbeutung von prekär beschäftigten Studierenden werden. Die Betreuung und Entlastung muss dabei stimmen.”

Kritisch bleibt jedoch, dass solche Modelle das Grundproblem nicht lösen: Es gibt zu wenige Menschen, die überhaupt Lehrer oder Lehrerin werden wollen. Die Ausbildungskapazitäten an den Berliner Universitäten sind begrenzt. Und der Wettbewerb mit anderen Bundesländern und Berufsfeldern ist hart. Die Senatorin macht deutlich, dass Berlin nicht auf einen demografischen Wandel wartet, der die Schülerzahlen vielleicht irgendwann senken könnte. „Nein, auf gar keinen Fall warten wir jetzt die nächsten Jahre ab“, betonte sie. Diese Haltung ist richtig, denn die aktuellen Prognosen des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg zeigen: Die Zahl der Schulkinder wird in den nächsten Jahren auf hohem Niveau verharren.

Gemeinschaftsauswirkungen: Wenn Bildung zur Glückssache wird

Der Lehrermangel trifft nicht alle gleich. Seine Auswirkungen verstärken soziale Ungleichheit, die in Berlin besonders sichtbar ist. An Schulen in wohlhabenderen Bezirken wie Charlottenburg-Wilmersdorf oder Steglitz-Zehlendorf können engagierte Elternvereine oft privat finanzierten Zusatzunterricht organisieren oder bei personellen Engpässen Druck auf die Schulverwaltung ausüben. In sozialen Brennpunkten fehlt diese Ressource häufig. Hier hängt die Bildungsqualität noch mehr vom Zufall und der Überzeugungskraft der einzelnen Schulleitung ab. Kinder, die zuhause wenig Unterstützung erhalten, sind besonders auf verlässliche, kontinuierliche und gut ausgebildete Lehrkräfte angewiesen. Gerade ihnen fällt der Unterricht aber am häufigsten aus oder wird fachfremd vertreten.

Die Belastung für die verbleibenden Stammlehrkräfte ist immens. Sie müssen Vertretungsstunden übernehmen, fachfremd unterrichten und zusätzlich noch die Einarbeitung von neuen Seiteneinsteigern begleiten. „Die Gefahr ist ein Teufelskreis“, warnt der Berliner Lehrer und Personalrat Markus Hanisch. „Überlastung führt zu mehr Krankheiten, was zu noch mehr Ausfällen führt, was die verbliebenen Kollegen noch mehr belastet. Am Ende verlieren wir auch noch die engagierten Lehrer, die es gibt, weil sie komplett ausgebrannt sind.” Für die Schüler bedeutet das instabile Lernbeziehungen. Besonders in der sensiblen Phase des Schuleintritts oder beim Wechsel auf die weiterführende Schule ist eine konstante Bezugsperson von unschätzbarem Wert.

Lokalpolitische Dimensionen: Bildung als Dauerstreitthema

Der Lehrermangel ist im Berliner Abgeordnetenhaus eines der am heftigsten umkämpften Themen. Die regierende CDU-SPD-Koalition unter Bürgermeister Kai Wegner (CDU) verweist auf die eingeleiteten Maßnahmen und die Verbesserung gegenüber den Vorjahren. Die Opposition aus Grünen, Linken und FDP kritisiert, dass die Schritte bei weitem nicht ausreichten und zu spät kämen. Linke und Grüne fordern eine Offensive für bezahlbaren Wohnraum für Lehrkräfte, um den Zuzug attraktiver zu machen, und eine spürbare Entlastung der Kollegien durch mehr Verwaltungspersonal. Die FDP pocht auf mehr Flexibilität und die Abschaffung des sogenannten Berliner „Richtrahmens“, der die Stundenzuweisung an Schulen regelt, um Schulleitern mehr Entscheidungsspielraum zu geben.

Bildungssenatorin Günther-Wünsch steht als CDU-Politikerin in einer besonders heiklen Position. Sie führt eine Senatsverwaltung, die traditionell oft von der SPD geführt wurde und in der viele Beschäftigte dieser politischen Richtung nahestehen. Ihr Erfolg oder Scheitern in der Lehrkräftefrage wird nicht nur über die Qualität der Berliner Schulen entscheiden, sondern auch über das Schicksal der Koalition und ihren eigenen politischen Kurs. Der Druck ist hoch, denn Eltern, Schüler und Lehrer erwarten zu Recht schnelle und spürbare Verbesserungen.

Vergleich und Kontext: Berlin im bundesweiten Wettrennen

Berlin steht mit seinem Problem nicht alleine da. Bundesweit fehlen zehntausende Lehrkräfte. Doch die Hauptstadt hat aufgrund ihrer speziellen Geschichte und Dynamik besonders große Schwierigkeiten. Anders als in Bayern oder Baden-Württemberg, die auf ein stabiles, eigenes Ausbildungssystem zurückgreifen können, muss Berlin fast komplett auf Zuzug setzen. Städte wie Hamburg oder Bremen kämpfen mit ähnlichen urbanen Herausforderungen, haben aber oft eine langfristigere Personalplanung betrieben. Ein Vergleich zeigt: Berlins Weg der massenhaften Einstellung von Seiteneinsteigern ist einmalig in seinem Ausmaß. Während dies kurzfristig Löcher stopft, birgt es langfristig Risiken für die pädagogische Qualität, wenn die Aus- und Weiterbildung dieser Kräfte nicht intensiv genug begleitet wird.

Bürgerbeteiligung und Handlungsmöglichkeiten

Was können Berlinerinnen und Berliner tun, die die Situation nicht einfach hinnehmen wollen? Zunächst ist Information wichtig. Die genaue Personalsituation an der eigenen Schule erfahren Eltern in der Gesamtelternvertretung (GEV) oder direkt von der Schulleitung. Wer sich engagieren möchte, kann sich in der Schulkonferenz, dem höchsten Gremium der Schule mit Eltern-, Lehrer- und Schülervertretern, einbringen. Hier werden die grundlegenden Fragen der Schule besprochen, auch der Einsatz von Vertretungskräften.

  • Eltern können ihren Unmut direkt an die Politik herantragen.
  • Kontaktdaten der zuständigen Stadträtinnen und Stadträte für Bildung in den zwölf Bezirken sind auf den Websites der Bezirksämter zu finden.
  • Auf Landesebene sind die bildungspolitischen Sprecher der Fraktionen im Abgeordnetenhaus wichtige Ansprechpartner.
  • Teilnahme an Anhörungen oder Stellungnahme zu bildungspolitischen Vorhaben des Senats, die oft öffentlich ausgeschrieben werden, ist ebenfalls möglich.
  • Initiativen wie „Berlin braucht Lehrer!“ bündeln den Protest und machen auf das Problem aufmerksam.
  • Druck aus der Gemeinschaft muss kommen und deutlich machen: Bildung ist keine verwaltbare Restgröße.

Schlussfolgerung: Eine Zukunftsaufgabe für die gesamte Stadt

500 fehlende Lehrkräfte sind mehr als eine Zahl. Sie sind 500 unbesetzte Rollen als Vorbilder, Wissensvermittler und manchmal auch als wichtige Bezugspersonen. Die Zuversicht der Senatorin, dass die Lücken schon irgendwie gestopft werden, darf nicht in Resignation umschlagen. Der neue „Flexmaster“ ist ein interessanter Ansatz, aber er muss von einer grundlegenden Offensive begleitet werden: Wie kann der Lehrerberuf in Berlin dauerhaft attraktiver werden? Dazu gehören nicht nur Gehalt, sondern auch Arbeitsbedingungen, gesellschaftliche Wertschätzung und die Aussicht auf bezahlbaren Wohnraum.

Die nächsten Monate werden zeigen, wie sich die Lage an den Schulen entwickelt. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, über den akuten Krisenmodus hinauszukommen und eine nachhaltige Personalstrategie zu entwickeln. Berlin als wachsende, lebendige Metropole darf nicht an der Bildung ihrer jüngsten Generation sparen. Die Qualität des Unterrichts heute bestimmt das Gesicht der Stadt von morgen. Es geht nicht nur darum, Stellen zu besetzen, sondern darum, ein Umfeld zu schaffen, in dem gute Lehrerinnen und Lehrer lange und gerne bleiben. Das ist eine Aufgabe für den gesamten Senat, nicht nur für die Bildungsverwaltung. Denn wenn die Schulen stottern, stolpert am Ende die ganze Stadt.

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VonJulia Becker
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Julia ist eine engagierte Reporterin für den Süden Deutschlands mit Schwerpunkt auf München und Stuttgart. Sie schreibt über lokale Kulturveranstaltungen, das wirtschaftliche Stadtleben und Geschichten von Menschen, die ihre Region prägen. Ihre Beiträge zeichnen sich durch Nähe, Empathie und starke persönliche Perspektiven aus.
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