Es ist ein Tag voller Energie vor dem Münchner Rathaus. Über 63.000 Unterschriften liegen verpackt in durchsichtigen Kisten. Sie sind das Ergebnis monatelanger Arbeit. Eine Gruppe junger Menschen, angeführt von Stefanie Günther und Joseph Coenen, hat sie gesammelt. Ihr Ziel ist klar. Sie wollen, dass München bis zum Jahr 2040 insgesamt 12.000 neue Straßenbäume innerhalb des Mittleren Rings pflanzt. Das entspricht einer Zahl, die größer ist als die Einwohnerzahl mancher bayerischer Gemeinden.
Ihre Forderung ist konkret. Sie soll die Kronen der Bäume so platzieren, dass sie 30 Prozent der Straßenflächen in den dichten Innenstadtquartieren beschatten. Diese Viertel heizen sich im Sommer besonders stark auf. Mehr Schatten bedeutet mehr Kühlung für die Menschen, die dort leben, einkaufen und arbeiten. Die Initiatoren nennen es die „Mission: Schatten spenden“.
Am 25. November wird der Münchner Stadtrat darüber beraten. Er muss die formale Gültigkeit des Bürgerbegehrens feststellen. Das ist eine reine Formalie. Die eigentliche Frage lautet: Wie reagiert die Stadtpolitik? Drei Wege sind nun möglich.
- Der Stadtrat könnte die Forderung einfach übernehmen.
- Er könnte sie aber auch komplett ablehnen.
- Dann müsste ein Bürgerentscheid folgen.
- Die dritte Variante ist ein Kompromiss.
- Bei einem Bürgerentscheid wären alle wahlberechtigten Münchner aufgerufen.
- Der Kompromiss wird bereits hinter den Kulissen verhandelt.
Die Gründe für einen Kompromiss liegen auf der Hand. Ein Bürgerentscheid würde die Stadt etwa fünf Millionen Euro kosten. Diese Summe könnte stattdessen in die ersten hundert Bäume fließen. Für die regierenden Grünen wäre eine Abstimmung auch politisch heikel. Es wäre ein schlechtes Zeichen, wenn die eigene Wählerschaft die Stadt zu mehr Klimaschutz zwingen müsste.
Die größte Hürde sind jedoch die Kosten und der Platz. Die Stadtverwaltung hat den Initiatoren einen Durchschnittspreis von 45.000 Euro für die Pflanzung eines einzelnen innerstädtischen Straßenbaums genannt. Hochgerechnet auf 12.000 Bäume ergibt das eine Summe von über einer halben Milliarde Euro. Dieses Geld müsste über die nächsten sechzehn Jahre im Haushalt bereitstehen.
Hinzu kommt der beengte Raum unter der Erde. Unter den Münchner Gehwegen und Straßenrändern verlaufen unzählige Leitungen. Dort finden sich Kabel für Strom und Internet, Rohre für Wasser und Abwasser, sowie Heizungs- und Gasleitungen. Jeder neue Baum benötigt einen ausreichend großen Wurzelraum. Oft kollidiert dieser Raum mit der vorhandenen Infrastruktur. Das kann das Pflanzen unmöglich machen oder extrem teure Verlegungen notwendig werden lassen.
Auch oberirdisch gibt es Konflikte. Für viele neue Bäume müssten Parkplätze weichen. In einer Stadt mit angespanntem Parkraum ist das ein politisches Minenfeld. Anwohner und Gewerbetreibende fürchten um ihre Stellplätze.
Joseph Coenen, einer der Initiatoren, kontert diese Bedenken mit einer größeren Rechnung. Er verweist auf die wirtschaftlichen Schäden durch Hitzesommer. Diese gehen in Deutschland bereits jetzt in die Milliarden. Europaweit starben im Sommer 2022 Schätzungen zufolge über 60.000 Menschen an den Folgen extremer Hitze. „Die Kosten des Nichthandelns sind viel höher“, sagt Coenen.
Die Resonanz aus der Politik ist zunächst positiv. Bei der Übergabe der Unterschriften erschienen Stadträte fast aller Fraktionen auf dem Marienplatz. Bürgermeisterin Mona Fuchs von den Grünen, zuständig für Klima, lobte das Engagement. „Heute ist ein guter Tag für München“, sagte sie. Sie verwies auf bestehende Programme, wie die Pflanzung von 3.500 Bäumen in allen Stadtbezirken. Gleichzeitig zeigte sie Verständnis für den Druck von der Straße. „Ich verstehe, wenn es den Bürgern noch nicht schnell genug geht“.
Die Vergangenheit zeigt jedoch, dass gute Absichten nicht immer zu schnellen Ergebnissen führen. Der Münchner Radentscheid von 2019 ist ein warnendes Beispiel. Der Stadtrat übernahm damals die Forderungen der Aktivisten für ein sicheres Radnetz. Bis heute ist dieses Netz nur ein Flickenteppich. Die Umsetzung scheitert oft an Detailfragen, Geldstreitigkeiten und langwierigen Planungsverfahren.
Ein ähnlicher zäher Prozess droht beim Baumentscheid. Selbst wenn der Stadtrat einen Kompromiss beschließt, beginnt die eigentliche Arbeit erst. Für jeden einzelnen Baum müssen Standorte geprüft, Leitungen verlegt und Finanzierungen gesichert werden.
Die Initiatoren sind sich dieser Herausforderungen bewusst. Sie betonen, dass es ihnen um das beste Ergebnis für den Klimaschutz geht. „Wir orientieren uns daran, wie das Meiste für Klima und Hitzeschutz zu erreichen ist“, sagt Stefanie Günther. Sie signalisieren Gesprächsbereitschaft, behalten sich aber den Bürgerentscheid als Druckmittel vor.
Die nächsten Wochen werden zeigen, ob München einen neuen Weg in der Stadtbegrünung findet. Es geht um mehr als nur Bäume. Es geht darum, wie eine wachsende Stadt mit den Folgen der Klimakrise umgeht. Und es geht darum, wie sehr die Stimme der Bürger in konkrete Politik übersetzt wird. Die über 63.000 Unterschriften sind ein deutliches Signal. Die Stadt muss jetzt antworten.
| Aspekt | Details |
|---|---|
| Unterschriftenanzahl | 63.000 |
| Zieljahr | 2040 |
| Neue Straßenbäume | 12.000 |
| Kosten pro Baum | 45.000 Euro |
| Gesamtkosten | Über 500 Millionen Euro |
| Kosten für Bürgerentscheid | 5 Millionen Euro |