Die grünen Wiesen und Ackerflächen, die sich wie ein schützender Gürtel um München legen, sind mehr als nur Idylle. Sie sind die wichtigste Lebensader der wachsenden Metropole: ihre natürlichen Grundwasserfilter. Doch dieser Schatz steht unter Druck. Der Regionale Planungsverband München (RPV) hat nun die entscheidende Weichenstellung für die kommenden zwanzig Jahre vorgelegt. Mit dem neuen Regionalplan, der bis 2044 gelten soll, werden die Wasserschutz- und Nutzungszonen rund um die bayerische Landeshauptstadt neu justiert. Hinter dieser technisch klingenden Maßnahme verbirgt sich eine der existenziellsten Fragen für die Region: Wie können wir auch in Zukunft sauberes Trinkwasser für alle garantieren, wenn gleichzeitig immer mehr Menschen hier leben wollen und der Klimawandel die natürlichen Reserven strapaziert?
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Heute versorgt die Stadt München rund 1,6 Millionen Menschen in der Stadt und vielen Umlandgemeinden mit Trinkwasser – ausschließlich aus Grundwasser. Bis 2041, so die aktuelle Prognose des Planungsverbands, wird die Bevölkerung in der Planungsregion München, die die Stadt und acht umliegende Landkreise umfasst, von 2,9 auf etwa 3,16 Millionen Menschen anwachsen. Das sind rund 260.000 Menschen mehr, die täglich duschen, kochen und trinken. „Unser Ziel ist es, die Wasserversorgung der Region auch für die nächsten Generationen zu sichern“, betont ein Sprecher des RPV. „Dafür müssen wir die Flächen, in denen unser Grundwasser gebildet und geschützt wird, klar definieren und vor konkurrierenden Nutzungen bewahren.“
Das Wachstum verläuft dabei ungleichmäßig. Während die Stadt München und Gemeinden im äußeren Speckgürtel weiter Zuzug verzeichnen, stagniert die Einwohnerzahl im bereits dicht besiedelten inneren Ring um München oder geht sogar zurück. Kommunen wie Garching oder Gröbenzell stehen vor der Herausforderung einer alternden Bevölkerung und weniger Neubaugebiete. Diese demografische Verschiebung bedeutet auch, dass der Druck auf die verbliebenen Freiflächen für Wohnungsbau besonders in den wachsenden äußeren Gemeinden enorm ist – genau dort, wo oft auch wichtige Grundwasservorkommen liegen. Der neue Regionalplan soll hier Klarheit schaffen, indem er sogenannte Vorranggebiete für die Wassergewinnung verbindlich festlegt. In diesen Zonen hat der Schutz des Trinkwassers absoluten Vorrang vor anderen Bauvorhaben.
Ein Netz aus Schutz und Nutzung
Das Wasserschutz-Konzept des RPV baut auf einem dreistufigen System auf, das bereits seit Jahrzehnten existiert, nun aber flächengenau aktualisiert wird. In den strengsten Schutzzonen (Zone I) rund um die Brunnen ist jegliche Bebauung und Landwirtschaft verboten. In Zone II, dem engeren Schutzgebiet, gelten strenge Auflagen, um zu verhindern, dass Schadstoffe ins Grundwasser gelangen. Die weitläufigste Zone III dient als Einzugsgebiet für das Grundwasser. Hier wird der Schutz mit anderen Nutzungen, etwa der Landwirtschaft, abgestimmt. „Die große Neuerung ist die detaillierte kartografische Darstellung und rechtliche Absicherung dieser Gebiete“, erklärt eine Regionalplanerin. „Das gibt den Gemeinden und Investoren Planungssicherheit und verhindert langwierige Konflikte im Einzelfall.“
Die Dringlichkeit dieser Planung wird durch die Klimakrise verschärft. Längere Trockenphasen und heißere Sommer belasten die Grundwasserneubildung. Gleichzeitig steigt in Hitzeperioden der Wasserverbrauch sprunghaft an. Der RPV setzt daher nicht nur auf Schutz, sondern auch auf einen sparsameren Umgang mit der Ressource. Im Plan verankert sind auch Ziele zur Verringerung des täglichen Pro-Kopf-Verbrauchs und zur verstärkten Nutzung von Brauchwasser, etwa für die Toilettenspülung oder die Gartenbewässerung in Neubaugebieten.
Gemeinden zwischen Wachstum und Schutz
Die geplanten Vorranggebiete für die Wassergewinnung sind in einigen Kommunen auf Kritik gestoßen. Bürgermeister aus Gemeinden im Landkreis München oder Ebersberg befürchten, dass große Flächen für die künftige Siedlungsentwicklung blockiert werden. „Wir verstehen den Schutzgedanken, aber wir brauchen auch bezahlbaren Wohnraum für unsere Familien und jungen Berufstätigen“, argumentiert ein Gemeinderat aus einer betroffenen Gemeinde. „Hier wird eine Zielkonflikte auf dem Rücken der Kommunen ausgetragen.“ Der RPV entgegnet, dass der Plan genug Spielraum lasse. „Nicht jede Fläche im Wassereinzugsgebiet wird zum Vorranggebiet erklärt“, so der Planungsverband. „Wir konzentrieren uns auf die absolut sensiblen und ergiebigen Bereiche. In anderen Teilen ist eine angepasste Bebauung unter strengen Auflagen durchaus möglich.“
Umweltverbände wie der Bund Naturschutz begrüßen die Pläne grundsätzlich, fordern aber noch mehr Konsequenz. „Die Landwirtschaft in den Schutzzonen muss endlich flächendeckend auf ökologischen Landbau umstellen“, sagt eine Aktivistin aus der Region. „Nitrat aus Gülle und synthetische Pestizide sind eine der größten Gefahren für unser Grundwasser. Ein Plan, der das nicht ambitioniert adressiert, greift zu kurz.“ Der RPV verweist auf Kooperationsmodelle mit Landwirten und fördert freiwillige Maßnahmen, eine verpflichtende Öko-Umstellung liegt jedoch in der Kompetenz der Landespolitik.
Was bedeutet das für die Bürger Münchens?
Für die alltägliche Trinkwasserversorgung in der Stadt ändert sich kurzfristig nichts. Das Wasser aus dem Hahn bleibt sauber, sicher und reichlich vorhanden. Die langfristige Sicherheit dieser Versorgung hängt jedoch direkt von den Entscheidungen ab, die jetzt in den Regionalplan einfließen. Der Plan ist ein vorausschauendes Instrument, um Konflikte zwischen Wohnungsbau, Gewerbegebieten und der lebenswichtigen Ressource Wasser zu vermeiden. Er ist auch eine Einladung an jeden Einzelnen, über den eigenen Wasserverbrauch nachzudenken.
Bürger können den Prozess noch aktiv mitgestalten. Nach der aktuellen politischen Abstimmung im Verband folgt das sogenannte Beteiligungsverfahren. Dabei wird der Entwurf des Regionalplans für mehrere Wochen öffentlich ausgelegt. Jeder kann ihn einsehen und schriftlich Stellung nehmen. Diese Einwände werden geprüft und müssen in der endgültigen Fassung berücksichtigt werden. Termine und Orte der Auslegung werden frühzeitig auf der Website des Regionalen Planungsverbands München und in den Amtsblättern der Landkreise bekannt gegeben.
Die Aktualisierung des Regionalplans ist mehr als eine Verwaltungsroutine. Sie ist ein demokratischer Aushandlungsprozess darüber, wie wir in dieser dynamischen Region künftig leben wollen. Sollen wir jedes mögliche Bauland ausweisen, oder sichern wir zuerst die natürlichen Grundlagen unseres Lebens? Der Plan für den Grundwasserschutz bis 2044 gibt eine klare Antwort: Ohne intakte Quellen gibt es keine lebenswerte Zukunft für München und sein Umland. Die grünen Wiesen um die Stadt sind keine Baulücke, sondern die Basis für unser aller Leben. Ihr Schutz heute ist die Investition in den Durst von morgen.
- Wasserschutz- und Nutzungszonen neu justiert
- Prognose der Bevölkerung von 2,9 auf 3,16 Millionen bis 2041
- Vorranggebiete für Wassergewinnung festgelegt
- Strengste Schutzzonen um die Brunnen
- Wasserverbrauch in Hitzeperioden steigt
- Kooperationsmodelle mit Landwirten gefördert
| Zone | Schutzlevel | Auflagen |
|---|---|---|
| Zone I | Strengster Schutz | Keine Bebauung oder Landwirtschaft |
| Zone II | Engerer Schutz | Strenge Auflagen gegen Schadstoffe |
| Zone III | Einzugsgebiet | Abgestimmte Landwirtschaftsnutzung |