Die Nacht war dunkel und still in München. Bis auf die Geräusche aus den Spraydosen auf der Bahnbrücke über die A 8 in Unterföhring. Gegen halb drei Uhr morgens am vergangenen Freitag schien die Aktion von fünf jungen Männern fast abgeschlossen. Ihr großflächiges Graffiti, ganz im Zeichen des TSV 1860 München, war fast fertig. Dann kam das Blaulicht. Eine aufmerksame Passantin hatte die Polizei alarmiert. Die Beamten trafen auf fünf Tatverdächtige im Alter zwischen 15 und 25 Jahren und eine „Vielzahl von Spraydosen“, wie die Polizei später berichtete. Für die jungen Löwen-Fans wurde es ein verlängertes Wochenende mit einem unerfreulichen Nachspiel.
Die Identität der Gruppe ist typisch für die Münchner Region. Sie stammen aus der Landeshauptstadt selbst, aus dem Landkreis München und dem Landkreis Ebersberg. Bei der Festnahme kam es zu einem Zwischenfall. Ein 20-Jähriger wehrte sich gegen die Maßnahme der Polizei. Bei dem Gerangel wurden zwei Polizeibeamte leicht verletzt, einer an der Schulter, der andere zog sich Schürfwunden zu. Beide blieben jedoch im Dienst. Nach der Aufnahme der Personalien und einer Anzeige wegen Sachbeschädigung durften alle fünf jungen Männer wieder nach Hause gehen. Der Schaden an der Bahnbrücke bleibt und muss von der Deutschen Bahn aufwendig und teuer beseitigt werden. Solche Reinigungskosten belasten die öffentliche Infrastruktur und damit am Ende alle Steuerzahler.
Graffiti in Verbindung mit Fußball-Fankultur ist in München keine Seltenheit. Es ist ein Dauerkonflikt zwischen jugendlichem Ausdruckswillen, teils illegaler Verehrung des eigenen Clubs und den berechtigten Interessen der Allgemeinheit an sauberen öffentlichen Flächen. Die Deutsche Bahn meldet jährlich Schäden in Millionenhöhe durch Vandalismus. Jedes unerlaubte Graffiti ist zunächst einmal eine Straftat nach Paragraf 303 des Strafgesetzbuches – Sachbeschädigung. Neben der reinen Reinigung können auch Sicherheitsüberprüfungen der Bauwerke nötig werden, was zu weiteren Kosten und Unannehmlichkeiten führt.
Für die erwischten Sprayer war das Wochenende jedoch noch nicht zu Ende. Am darauffolgenden Samstag mussten sie und alle anderen Löwen-Fans eine weitere sportliche Niederlage einstecken. Ihr Verein unterlag im DFB-Pokal vor heimischer Kulisse in der Grünwalder Straße mit 0:2 dem Zweitligisten Holstein Kiel. Das Gefühl, doppelt verloren zu haben, dürfte bei den fünf jungen Männern stark gewesen sein. Erst das juristische Nachspiel ihrer Nachtaktion und dann die Enttäuschung auf dem Platz.
Die Reaktionen aus der Politik und der Stadtgesellschaft auf solche Vorfälle sind meist vorhersehbar. Es wird auf die Rechtslage hingewiesen und die Null-Toleranz-Strategie der Polizei gelobt. Stadtrat und Verwaltung stehen vor der Herausforderung, illegale Schmierereien einzudämmen, aber gleichzeitig legale Flächen für Jugendkultur zu schaffen. In einigen Stadtteilen gibt es solche legalen Wände, die von der Stadtverwaltung oder privaten Eigentümern bereitgestellt werden. Doch für viele junge Menschen fehlt der Reiz des Verbotenen und die Sichtbarkeit an exponierten Stellen wie Bahnstrecken.
Aus sozialer Perspektive wirft der Vorfall Fragen auf. Was treibt junge Menschen zwischen 15 und 25 Jahren mitten in der Nacht zu solchen Aktionen? Oft ist es nicht reine Zerstörungswut, sondern der Wunsch nach Zugehörigkeit zur Fangemeinschaft, nach Anerkennung in der Peergroup oder einfach nach einem Adrenalinkick. Die Verbindung zur eigenen Stadt und ihrem Verein wird dabei auf eine illegale und schädliche Weise ausgelebt. Die Präventionsarbeit von Vereinen, Fanprojekten und der Stadt wird hier besonders wichtig. Der TSV 1860 München arbeitet beispielsweise mit dem Fanprojekt München zusammen, um Gewalt und Vandalismus vorzubeugen und junge Fans aufzuklären.
| Maßnahmen | Beschreibung |
|---|---|
| Aufklärung | Präventionsarbeit zu Gewalt und Vandalismus |
| Sozialstunden | Gemeinnützige Arbeit für Straftäter |
| Anti-Aggressionstrainings | Psycho-soziale Maßnahmen zur Verhaltensänderung |
| Legale Flächen | Bereitstellung von Wänden für Graffiti |
| Dialog | Gespräche mit Jugendlichen und Fangruppen |
| Rechtsdurchsetzung | Konsequente Verfolgung von Straftaten |
Für die betroffenen jungen Männer beginnt nun das staatsanwaltliche Verfahren. Bei Sachbeschädigung drohen Geldstrafen oder, je nach Schwere und Vorstrafen, auch Freiheitsstrafen bis zu zwei Jahren. Im Jugendstrafrecht, das für die unter 21-Jährigen gilt, stehen erzieherische Maßnahmen im Vordergrund. Das können Sozialstunden, etwa bei der Beseitigung von Graffiti-Schäden, oder Anti-Aggressionstrainings sein. Der 20-Jährige, der Widerstand leistete, muss sich zusätzlich wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte verantworten. Dies kann die Strafe deutlich verschärfen.
Der Vorfall auf der Bahnbrücke ist ein kleines, aber vielsagendes Puzzleteil im Stadtbild Münchens. Er zeigt die Spannung zwischen reglementierter öffentlicher Ordnung und dem jugendlichen Drang nach Raum und Sichtbarkeit. Während die einen in den Graffitis nur Schmiererei und Kosten sehen, erkennen andere darin – wenn auch in illegale Form gegossen – ein Statement und ein Stück Identität. Die Aufgabe für die Kommune liegt darin, diese Energien in legale Bahnen zu lenken. Mehr legale Flächen, mehr Dialog mit Jugendlichen und Fangruppen, und eine konsequente, aber faire Verfolgung von Straftaten sind der schmale Grad, auf dem die Stadt wandern muss.
Für die fünf jungen Männer aus München und Umland wird die Erinnerung an dieses Wochenende wohl noch lange bleiben. Die nächtliche Aktion unter der Brücke, die Festnahme, und die sportliche Enttäuschung am nächsten Tag. Vielleicht wird es eine Lehre sein. Vielleicht suchen sie sich beim nächsten Mal eine legale Wand, um ihre Leidenschaft für den TSV 1860 auszudrücken. Die Stadt München sollte ihnen diesen Weg anbieten. Denn die Alternative sind weiterhin beschmutzte Brücken, verärgerte Anwohner, verletzte Polizisten und junge Menschen, die mit einem Strafverfahren in ihre Zukunft starten. Das dient letztlich niemandem – weder der Gemeinschaft, noch den Fans, noch dem Verein, den sie so leidenschaftlich unterstützen wollen.