Seit Oktober 1981 ist sie eine feste Größe im Sendlinger Stadtteilleben: die Stadtbibliothek am Harras. Generationen von Schüler:innen haben hier ihre Referatsbücher gefunden, Eltern mit ihren Kindern die Bilderbuchzeit besucht und Anwohnende einfach nur in Ruhe geschmökert. Mit durchschnittlich 800 Besucher:innen täglich ist sie eine der meistfrequentierten Stadtteilbibliotheken Münchens. Doch dieses pulsierende Zentrum für Bildung und Begegnung steht vor einer langen Durststrecke. Wie die Münchner Stadtverwaltung nun bestätigt, wird die Bibliothek Ende August 2027 für eine rund vierjährige Generalsanierung geschlossen. Ein vollwertiger Ersatz während dieser Zeit ist nicht in Sicht – stattdessen soll ein Container vor die ehemalige Post am Harras gestellt werden. Eine Lösung, die bei vielen Sendlinger:innen auf Unverständnis stößt und die grundsätzliche Frage aufwirft, wie sehr die Stadt ihre dezentralen Bildungsangebote wirklich wertschätzt.
Ein Sanierungsmarathon mit unklarem Zwischenhalt
Das Gebäude am Harras, das neben der Bibliothek auch 15 Unterrichtsräume der Volkshochschule (VHS) beherbergt, hat nach 46 Jahren intensive Nutzung eine Grundsanierung dringend nötig. Geplant ist nicht nur eine Modernisierung, sondern eine komplette Entkernung und Aufstockung um mehr Platz für beide Einrichtungen zu schaffen. Ein ambitioniertes und notwendiges Projekt für die Zukunft. Das Problem liegt in der langen Übergangsphase. Weil, so die offizielle Begründung der Stadt, keine finanziellen Mittel für ein Interimsgebäude zur Verfügung stünden, müssen sowohl Bibliothek als auch VHS ihren Betrieb für Jahre einstellen oder verlegen.
- Bibliothek hat 46 Jahre Nutzung hinter sich
- Geplante Grundsanierung mit kompletter Entkernung
- Übergangsphase ohne Interimsgebäude
- Bibliothek und VHS müssen Betrieb einstellen
- Kurse sollen in Altstoffsammelstellen und Schulen verlegt werden
- Raumangebot in Sendling ist begrenzt
Die Stadtbibliothek trifft es noch härter. Während der gesamten Sanierungsdauer von voraussichtlich vier Jahren soll es am Harras keine Möglichkeit geben in Regalen zu stöbern, sich in Leseecken niederzulassen oder an Veranstaltungen teilzunehmen. Das ist ein schwerer Schlag für den Stadtteil. «Die Bibliothek ist mehr als eine Ausleihstation. Sie ist ein sozialer Treffpunkt, ein Ort der Begegnung und des unkomplizierten Zugangs zu Wissen für alle Altersgruppen», sagt eine langjährige Nutzerin die sich regelmäßig mit ihrer Enkelin dort aufhält. Diese wichtige soziale Funktion fällt für Jahre komplett weg.
Der Container-Ersatz: Ein schwacher Trost
Als Ersatzangebot plant die Stadt einen Container vor dem ehemaligen Postgebäude am Harras aufzustellen. Hier können Medien bestellt und abgeholt werden die aus dem Magazin der Zentralbibliothek im Gasteig HP8 angeliefert werden. Ein reiner Abholservice also. Das umfangreiche Angebot an vor Ort verfügbaren Büchern, Zeitschriften, CDs und DVDs das derzeit über 11.000 aktive Nutzer:innen schätzen entfällt. Auch beliebte Services wie Arbeitsplätze, kostenloses WLAN, Zeitungslektüre oder die spontane Beratung durch das Bibliothekspersonal wird es nicht geben. Veranstaltungen wie Lesungen, Bastelnachmittage oder Sprachcafés die das Gemeinschaftsleben im Stadtteil bereichern sind im Containerlogistik nicht vorgesehen.
Die Zentralbibliothek im Gasteig HP8 wird als Ausweichmöglichkeit genannt, doch für viele Sendlinger:innen insbesondere Ältere, Familien mit kleinen Kindern oder Menschen ohne einfachen Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln ist dieser Weg eine große Hürde. «Der Harras ist unser Zentrum. Alles ist zu Fuß erreichbar. Den Gasteig erreiche ich nur mit der U-Bahn, das ist für mich mit meinem Rollator ein erheblicher Mehraufwand», erklärt ein Senior aus der Nachbarschaft. Der Container-Ersatz wird dem Bedarf und der Bedeutung der Einrichtung bei weitem nicht gerecht.
Eine vertane Chance für kreative Lösungen?
Die Situation offenbart ein strukturelles Problem in der Münchner Stadtplanung. Immer wieder stehen notwendige Sanierungen von wichtigen sozialen Infrastruktureinrichtungen wie Bibliotheken, Jugendzentren oder Schwimmbädern an. Doch für eine angemessene Übergangslösung die den Betrieb aufrechterhält scheinen weder die finanziellen Mittel noch der politische Wille in ausreichendem Maße vorhanden zu sein. Man verlässt sich auf Minimal-Lösungen und nimmt in Kauf dass der Kontakt zu den Nutzer:innen über Jahre abreißt und gewachsene Strukturen zerfallen.
Dabei gäbe es durchaus kreative Ansätze. Andere Städte haben bei ähnlichen Sanierungsprojekten mit modularen Interimsbauten aus Holz oder mit der temporären Unterbringung in leerstehenden Ladenlokalen gute Erfahrungen gemacht. «Es kann nicht sein dass ein Stadtteil von der Größe Sendlings vier Jahre lang auf sein wichtigstes öffentliches Kultur- und Bildungsangebot verzichten muss», kritisiert ein Mitglied des Bezirksausschusses Sendling der sich in der Vergangenheit bereits erfolgreich für den Erhalt der Bibliothek eingesetzt hat. Der Ausschuss hatte vor einigen Jahren Pläne der Stadt die Bibliothek ganz zu schließen durch massive Bürgerproteste abgewendet. «Jetzt wird sie uns durch die Hintertür doch für Jahre genommen.»
Der Bezirksausschuss fordert die Stadtverwaltung und den Stadtrat nun auf noch einmal alle Möglichkeiten zu prüfen um einen würdigen Interimsstandort zu finanzieren und zu realisieren. Es gehe so der Tenor um die Bildungsgerechtigkeit. Eine Bibliothek in fußläufiger Entfernung sei für viele Menschen essentiell – ein Container mit Abholservice sei da nur ein schwacher Abklatsch.
Was jetzt tun? Informationen und Bürgerbeteiligung
Für die Bürger:innen Sendlings ist es jetzt wichtig den Blick nicht nur auf das Ende August 2027 zu richten sondern den Druck auf die Politik hochzuhalten. Die Planungen für die Sanierung selbst sollten öffentlich und transparent diskutiert werden. Welche neuen Räume entstehen? Wird es mehr barrierefreie Zugänge geben? Wie wird die Bibliothek der Zukunft am Harras aussehen?
Betroffene können sich direkt an ihren Bezirksausschuss Sendling wenden oder ihre Stadträt:innen anschreiben um ihren Unmut über die unzureichende Interimslösung kundzutun. Die nächsten Sitzungen des zuständigen Stadtratsausschusses für Kultur und Bildung sind öffentlich und bieten eine Gelegenheit das Thema anzusprechen. Es zeigt sich einmal mehr: Öffentliche Infrastruktur muss erkämpft und verteidigt werden. Die Schließung der Stadtbibliothek am Harras für vier Jahre ist kein unabwendbares Schicksal sondern eine politische Prioritätenentscheidung. Sendling hat bewiesen dass es für seine Bibliothek kämpfen kann. Dieser Kampf ist nun wieder nötiger denn je.