Polizeieinsatz München: 14-Jähriger verletzt – Zwei Welten, eine verstörende Nacht
In einer ruhigen Seitenstraße im Münchner Stadtteil Schwabing an der Kreuzung Herzog- und Belgradstraße hat sich am Dienstagabend ein Vorfall ereignet der eine Stadt in Atem hält und tiefe Fragen aufwirft. Ein 14-jähriger Junge aus dem Landkreis Miesbach wurde durch einen Schuss aus einer Polizeiwaffe schwer verletzt. Während die Staatsanwaltschaft Ermittlungen aufnahm und das Polizeipräsidium erste Details veröffentlichte erreichte die Redaktion von Nachrichten Lokal am Mittwochabend eine Pressemitteilung des Kurdischen Zentrums München. Im Namen der Familie des Jungen schildert sie einen Ablauf der sich in zentralen Punkten fundamental von der polizeilichen Darstellung unterscheidet. Was bleibt sind die Bilder eines blutenden Jugendlichen auf dem Asphalt eine verstörte Familie und eine Gemeinschaft die nach Antworten sucht. Zwei Versionen eines Einsatzes prallen aufeinander und fordern eine lückenlose Aufklärung.
Die Version der Behörden: Ein tödlich ernstes Missverständnis
Laut dem Polizeipräsidium München begann der Einsatz gegen 17:15 Uhr am U-Bahnhof Hohenzollernplatz. Mehrere Zeugen meldeten der Polizei einen jungen Mann der offen mit einer schwarzen Schusswaffe hantiere. Der 14-Jährige der später als Schüler mit türkischer Staatsangehörigkeit identifiziert wurde stieg in einen Bus Richtung Kurfürstenplatz. Zivile Beamte folgten ihm und trafen ihn schließlich an der Kreuzung Herzog-/Belgradstraße gemeinsam mit einem Begleiter an.
Die Polizei schildert die entscheidenden Momente so: Der Jugendliche zog einen waffenähnlichen Gegenstand aus seiner Hose und machte eine Bewegung als würde er diese durchladen. Die Einsatzkräfte forderten ihn lautstark auf die Waffe fallen zu lassen. Stattdessen drehte er sich mit erhobener Waffe zu den Beamten um. Ein Polizist gab daraufhin einen Schuss ab und traf den 14-Jährigen am Oberkörper. Erst im Nachhinein stellte sich heraus dass es sich bei der Waffe um eine Softair-Pistole handelte eine Spielzeugwaffe die einer echten Beretta 92 Kaliber 9 Millimeter täuschend ähnlich sah.
Der Jugendliche wurde nach Erste-Hilfe-Maßnahmen vor Ort in ein Krankenhaus gebracht. Sein Zustand wird aktuell als stabil beschrieben. Gegen ihn wird nun wegen Bedrohung der Beamten ermittelt. Der Polizeisprecher Thomas Schelshorn gab weitere persönliche Details preis: der Junge sei 2023 mit seinen Eltern nach Deutschland gekommen habe Asyl beantragt dieser Antrag sei aber abgelehnt worden. Die Abschiebung sei angedroht gewesen. Diese Informationen eigentlich Teil eines laufenden Asylverfahrens werfen Fragen nach der Verhältnismäßigkeit ihrer Veröffentlichung in diesem Kontext auf.
Die Staatsanwaltschaft München I bestätigte am Donnerstag dass ihr Videoaufnahmen aus der Belgradstraße vorlägen die Teile des Einsatzes zeigen. Die entscheidende Schussabgabe selbst sei darauf jedoch nicht zu sehen.
Die Version der Familie: Eine nicht enden wollende Schreckenssekunde
Ganz anders schildert das Kurdische Zentrum München im Namen der Familie des Jungen Abdulkadir Ö. den Hergang. In ihrer Pressemitteilung vom Mittwochabend heißt es der 14-Jährige habe eine Spielzeugwaffe bei sich geführt um sich mit Freunden einen Spaß zu erlauben – eine in vielen Hinterhöfen nicht unübliche Szenerie.
Als die Polizei ihn aufforderte das Objekt abzulegen habe er es sofort auf den Boden geworfen und lautstark gerufen: „Es ist eine Spielzeugwaffe! Nicht schießen!“ Dennoch so die Familie hätten die Beamten geschossen. Die Schilderung wird noch drastischer: „Trotz seiner schweren Verletzungen drückte ein Polizeibeamter den blutenden Jungen mit dem Fuß auf dem Oberkörper auf den Boden.“ Zudem sei er beschimpft und ihm seien Handschellen angelegt worden obwohl er bereits schwer verletzt am Boden gelegen habe. Erst als der Krankenwagen eintraf und die Sanitäter dies forderten seien die Handschellen entfernt worden.
Währenddessen so die Anschuldigung weiter habe die verzweifelte Familie versucht ihren Sohn zu erreichen. Obwohl sich sein Handy bereits im Besitz der Polizei befunden habe seien die Angehörigen nicht informiert worden. Sie hätten erst durch Freunde von dem Vorfall erfahren. „Wir fordern eine lückenlose Aufklärung der Polizeigewalt gegen Abdulkadir Ö. und fordern vor allem Einsatzfehler aufzuarbeiten“ lautet das eindeutige Fazit der Familie und ihrer Unterstützer.
Zwei Realitäten – und die Suche nach der Wahrheit
Was haben wir also? Auf der einen Seite die polizeiliche Schilderung einer Bedrohungslage in der ein Beamter in Sekundenbruchteilen über den finalen Einsatz seiner Dienstwaffe entscheiden musste. Die Polizei betont stets das Prinzip der Verhältnismäßigkeit und dass der finale Schuss die ultima ratio sei. Die Ermittlungen werden nun klären müssen ob diese Schwelle hier erreicht war. Die Veröffentlichung des Asylstatus des Jungen durch die Polizei wird von Bürgerrechtlern bereits kritisch hinterfragt. Sie sehen darin einen Versuch das Opferbild zu verschieben.
Auf der anderen Seite steht die erschütternde Anklage einer Familie die von einem übereifrigen gewaltsamen und demütigenden Vorgehen der Polizei spricht. Die Vorwürfe des Fußdrucks auf den Verwundeten der Beschimpfungen und der unnötigen Fesselung sind schwerwiegend und müssen mit aller Konsequenz untersucht werden. Sie treffen auf ein Klima in dem das Vertrauen vieler Migranten- und Minderheitengemeinschaften in die Polizei ohnehin brüchig ist.
Die nun vorliegenden Videos der Staatsanwaltschaft könnten ein Puzzleteil sein. Doch solange die entscheidende Sekunde des Schusses nicht zu sehen ist bleibt Raum für Interpretation und Zweifel. Die Münchner Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen übernommen. Sie wird sowohl den Schusswaffengebrauch des Polizisten als auch das mögliche Fehlverhalten des Jugendlichen prüfen. Unabhängige Stellen wie der Bayerische Landesbeauftragte für den Datenschutz oder parlamentarische Kontrollgremien könnten zudem die Veröffentlichung der persönlichen Daten des Jungen prüfen.
Was dies für München bedeutet
Der Vorfall ist mehr als ein isolierter Polizeieinsatz. Er ist ein Stresstest für das Zusammenleben in einer vielfältigen Stadt wie München. Er berührt sensible Themen:
- Die Kommunikation zwischen Polizei und Jugendlichen
- Den Umgang mit täuschend echten Spielzeugwaffen
- Die Schulung von Beamten in hochdynamischen Stresssituationen
- Den sensiblen Umgang mit den persönlichen Daten von Beschuldigten und Opfern
- Die Verhältnismäßigkeit von Polizeieinsätzen
- Die Transparenz der Polizeiarbeit
Die Familie und das Kurdische Zentrum haben ihre Version öffentlich gemacht. Nun ist es an den Behörden mit größtmöglicher Transparenz und Schnelligkeit aufzuklären. Die Münchnerinnen und Münchner besonders die Bewohner in Stadtteilen wie Schwabing haben ein Recht zu erfahren was an jenem Dienstagabend wirklich geschah. Nur eine schonungslose Aufklärung kann verhindern dass sich Gräben vertiefen und Misstrauen wächst. Die Bilder des Jungen auf der Straße dürfen nicht das letzte Kapitel dieser Geschichte sein. Sie müssen der Beginn einer ernsthaften Suche nach der Wahrheit sein – für die Familie für die Polizei und für die Gemeinschaft in unserer Stadt.