Mehrere hundert Menschen, darunter viele Studierende und Unterstützer von auswärts, haben am Mittwoch auf dem Campus der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (HHU) gegen eine geplante Gastvorlesung protestiert. Aus ihrer Sicht steht der Vortrag einer britischen Wissenschaftlerin für transfeindliche Positionen. Die Stimmung während der Demonstration war teils aufgeheizt, die Polizei war mit einem größeren Aufgebot vor Ort, um die Sicherheit zu gewährleisten. Die Universität selbst verteidigte die Veranstaltung als Ausdruck der akademischen Freiheit. Der Vorfall wirft grundsätzliche Fragen nach dem Spannungsfeld zwischen Diskussionsfreiheit, dem Schutz von Minderheiten und der Verantwortung von Bildungsinstitutionen in unserer Stadt auf.
Konkret ging es um einen Vortrag der Evolutionsbiologin Prof. Dr. Emma R. im Rahmen einer Ringvorlesung des Philosophischen Instituts. Die Wissenschaftlerin vertritt in ihren Publikationen die Ansicht, dass das biologische Geschlecht nicht veränderbar sei und gesellschaftliche Debatten um Transgender-Rechte fundamentale wissenschaftliche Tatsachen ignorierten. Diese Position wird von vielen LGBTQ+-Organisationen und Wissenschaftlern aus den Sozial- und Geisteswissenschaften als transfeindlich und veraltet kritisiert. Die Veranstaltung unter dem Titel „Wissenschaft und Geschlecht: Eine evolutionsbiologische Perspektive“ war bereits im Vorfeld auf heftige Kritik gestoßen. Initiativen wie der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) der HHU und der Verein „Queer Düsseldorf“ hatten zu der Protestaktion aufgerufen.
Die Protestierenden versammelten sich am frühen Nachmittag vor dem Hörsaalzentrum. Viele hielten Plakate mit Aufschriften wie „Trans Rights are Human Rights“, „Kein Platz für Transphobie an unserer Uni“ oder „Wissenschaft ≠ Ausgrenzung“. Aus der Menge wurden Sprechchöre wie „My body, my choice“ und „Say it loud, say it clear, trans people are welcome here“ gerufen. Die Stimmung war laut Polizeiangaben zunächst friedlich, wurde jedoch zunehmend angespannter, als eine kleinere Gegenkundgebung von Personen stattfand, die die Meinungsfreiheit der Rednerin verteidigten. Es kam zu verbalen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Lagern. Die Polizei bildete eine Kette, um die Gruppen zu trennen und einen reibungslosen Zugang zum Hörsaal für angemeldete Zuhörer zu ermöglichen. Letztlich konnte der Vortrag unter strengen Sicherheitsvorkehrungen stattfinden.
Die Universität reagierte bereits Tage vor der Veranstaltung auf die kontroverse Debatte. In einer Stellungnahme betonte die Hochschulleitung: „Die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf bekennt sich uneingeschränkt zu einer offenen, diskriminierungsfreien und vielfältigen Gemeinschaft. Gleichzeitig ist die Freiheit von Forschung und Lehre ein im Grundgesetz verankertes, unverzichtbares Gut unserer Universität. Dies umfasst auch die Auseinandersetzung mit kontroversen und unbequemen Positionen im wissenschaftlichen Diskurs.“ Man habe sich jedoch entschieden, die Veranstaltung nicht abzusagen, sondern als „Lernmoment“ zu nutzen und begleitend eine Podiumsdiskussion zu den ethischen Dimensionen der Thematik anzubieten.
Diese Haltung stieß bei den Protestierenden auf Unverständnis. Lena K., eine Psychologie-Studentin und Mitglied der Queer-Hochschulgruppe, äußerte sich vor Ort: „Es geht hier nicht um akademische Debatte, sondern um Menschenwürde. Die Thesen der Rednerin werden dazu benutzt, trans Personen ihre Identität abzusprechen und gesellschaftliche Ausgrenzung zu legitimieren. Dafür bietet unsere Uni eine Bühne. Das ist für viele von uns, die hier studieren und arbeiten, zutiefst verletzend und schafft ein unsicheres Klima.“ Sie fordert klare Richtlinien der Universität, welche Grenzen die Meinungsfreiheit habe, wenn sie in diskriminierende und potenziell schädliche Rhetorik umschlage.
Aus kommunalpolitischer Perspektive ist der Vorfall auch für die Stadt Düsseldorf relevant. Die Landeshauptstadt positioniert sich in ihrem „Aktionsplan für Vielfalt und Akzeptanz“ klar gegen Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität. Sozialdezernent und Bürgermeister Klaus M. (SPD) betonte auf Nachfrage unserer Redaktion: „Düsseldorf ist eine bunte, weltoffene Stadt, in der jeder Mensch ohne Angst verschieden sein kann. Wir unterstützen die Arbeit unserer queeren Community und Beratungsstellen. Die Universität ist eine eigenständige Körperschaft, aber wir erwarten von allen Institutionen in unserer Stadt, dass sie zu einem respektvollen Miteinander beitragen.“ Der lokale Verein „Queer Düsseldorf“ kritisierte, die HHU setze mit der Durchführung der Vorlesung ein fatales Signal, das den städtischen Bemühungen um Inklusion widerspreche.
Die Debatte berührt eine zentrale Frage unserer Zeit: Wie gehen wir als Gesellschaft und speziell als urbane Gemeinschaft mit wissenschaftlichen und politischen Positionen um, die von einem Teil der Bevölkerung als fundamental verletzend empfunden werden? Sollte eine Universität jede Position diskutieren dürfen, oder trägt sie eine besondere Verantwortung, marginalisierte Gruppen zu schützen und ein sicheres Umfeld zu gewährleisten? Der Philosophie-Professor Dr. Thomas S., der die Ringvorlesung organisiert hatte, verteidigte seine Entscheidung im Gespräch mit Nachrichten Lokal: „Die Universität ist kein Safe Space im Sinne eines Ortes, der vor konfrontativen Ideen schützt. Sie ist der Ort für den konflikthaften, aber rationalen Diskurs. Wir müssen auch Argumente aushalten, die uns widerstreben, sonst degeneriert Wissenschaft zur Dogmatik.“
Diese Position wird nicht von allen geteilt. Der Soziologie-Professor Dr. Miriam L. von derselben Universität widerspricht: „Wissenschaftliche Freiheit endet dort, wo sie zur Delegitimierung der Existenz bestimmter Menschengruppen führt. Es gibt einen Unterschied zwischen kontroverser Forschung und der Verbreitung von Ideologien, die nachweislich psychischen Schaden verursachen. Die Universität muss hier ihre Fürsorgepflicht gegenüber ihren Studierenden und Mitarbeitenden ernst nehmen.“ Dieser Dissens spiegelt sich auch in der Studierendenschaft wider. Während viele die Proteste unterstützten, gab es auch Stimmen, die eine Zensur befürchteten. Ein Mathematik-Student, der namentlich nicht genannt werden wollte, sagte: „Ich finde die Position der Rednerin problematisch, aber wenn wir anfangen, Veranstaltungen nach ihrem vermeintlichen Schadenspotenzial zu verbieten, verlieren wir das Wesen einer freien Universität.“
Für die Stadtgesellschaft zeigt der Tag, dass Themen der sexuellen und geschlechtlichen Identität auch in Düsseldorf emotional hoch aufgeladen und konfliktreich sind. Die Proteste waren eine der größten queerpolitischen Mobilisierungen der letzten Jahre auf einem Düsseldorfer Campus. Sie markieren einen Moment, in dem eine jüngere Generation lautstark einfordert, dass Institutionen nicht neutral agieren können, wenn es um Grundfragen der Menschenwürde geht. Gleichzeitig stehen dem Bedürfnis nach Schutz vor Verletzung die traditionellen Werte der Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit gegenüber – ein Spagat, den auch kommunale Einrichtungen immer häufiger bewältigen müssen.
Was folgt aus dem Vorfall? Die Universität kündigte an, die begleitende Podiumsdiskussion zeitnah nachzuholen und dabei explizit trans Perspektiven und Kritiker der evolutionsbiologischen Position einzuladen. Der AStA plant, eine Arbeitsgruppe zur Erarbeitung von Leitlinien für einen diskriminierungssensiblen Umgang mit kontroversen Gastvorträgen zu initiieren. Für die Düsseldorfer Stadtgesellschaft bleibt die Erkenntnis, dass das Ziel einer wirklich inklusiven Stadt nicht nur von der Politik verfolgt werden kann, sondern im Alltag aller Institutionen – von der Volkshochschule über die Stadtbücherei bis hin zur Universität – gelebt und immer wieder neu ausgehandelt werden muss. Die lauten Proteste auf dem Campus sind dabei ein deutliches Signal, dass eine junge, engagierte Generation diese Aushandlung nicht mehr stillschweigend anderen überlassen will.