In Dresden-Neustadt bahnt sich ein Konflikt zwischen Anwohnern und Bahnbetreibern an. Der seit Jahren stillgelegte Güterbahnhof soll nach langer Pause wieder in Betrieb genommen werden. Während die Reaktivierung der alten Gleisanlagen für die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt grundsätzlich begrüßt wird, sorgt ein Detail der Planungen für erheblichen Unmut in der Nachbarschaft.
Seit Anfang des Monats rollen wieder Güterzüge über die früher brachliegenden Schienen des Neustädter Güterbahnhofs. Die Deutsche Bahn hat das Areal nach umfangreichen Vorbereitungsarbeiten wieder für den Güterverkehr freigegeben. «Die Reaktivierung ist Teil unseres Konzepts zur Stärkung des Schienengüterverkehrs in der Region Dresden», erklärt Bahnsprecherin Karin Müller.
Der Güterbahnhof war seit 2015 kaum noch genutzt worden. Damals verlagerte die Bahn große Teile des Güterverkehrs auf andere Strecken. Die einst geschäftige Anlage verfiel zusehends und wurde von Wildwuchs überwuchert. In den letzten Monaten wurden die alten Gleise freigelegt, erneuert und für den modernen Güterverkehr ertüchtigt.
Doch genau hier liegt der Grund für den Ärger: Anders als bei der früheren Nutzung sollen die Güterzüge künftig auch nachts verkehren. «Wir wurden darüber nicht informiert und stehen jetzt vor vollendeten Tatsachen», kritisiert Anwohnerin Sabine Weber vom neu gegründeten Bürgerverein «Lärmschutz Neustadt». Der Verein hat bereits über 200 Unterschriften von betroffenen Anwohnern gesammelt.
Die Stadtverwaltung Dresden zeigt Verständnis für beide Seiten. «Einerseits ist die Verlagerung von Gütertransporten auf die Schiene klimapolitisch sinnvoll, andererseits müssen die Interessen der Anwohner berücksichtigt werden», sagt Umweltbürgermeisterin Heike Schmidt. Die Stadt stehe im Dialog mit der Bahn, um Lösungen zu finden.
Besonders problematisch: Für die Reaktivierung eines bestehenden Bahnhofs sind keine Lärmschutzmaßnahmen vorgeschrieben. Die Bahn beruft sich auf bestehendes Baurecht und hat bisher keine Lärmschutzwände entlang der Strecke vorgesehen.
«Wir fordern zumindest Tempolimits in den Nachtstunden und mittelfristig die Installation von Lärmschutzwänden», erklärt Weber. Die Anwohnerinitiative hat inzwischen auch Kontakt zur Landespolitik aufgenommen. Der sächsische Landtagsabgeordnete Thomas Lehmann hat bereits Unterstützung signalisiert: «Hier müssen wir eine Balance zwischen Wirtschaftsinteressen und Anwohnerschutz finden.»
Laut Messungen der Bürgerinitiative erreicht der Lärm vorbeifahrender Güterzüge in manchen Wohnhäusern Spitzenwerte von über 85 Dezibel – vergleichbar mit dem Lärmpegel an einer stark befahrenen Hauptstraße. Besonders nachts könnte dies die Gesundheit der Anwohner beeinträchtigen.
Die Bahn verweist auf ihre Bemühungen, den Lärm zu reduzieren. «Wir setzen modernere und leisere Waggons ein und schulen unsere Lokführer für lärmreduziertes Fahren», versichert Bahnsprecherin Müller. Zudem plane man, langfristig die Gleisbetten zu erneuern, was ebenfalls zur Lärmminderung beitragen soll.
Die Stadtverwaltung hat für nächsten Monat zu einem runden Tisch eingeladen, an dem Vertreter der Bahn, der Anwohner und der Kommunalpolitik teilnehmen sollen. «Wir brauchen einen konstruktiven Dialog und kreative Lösungen, die beiden Seiten gerecht werden», betont Bürgermeisterin Schmidt.
Der Fall zeigt exemplarisch die Herausforderungen der Verkehrswende: Während mehr Gütertransport auf der Schiene klimapolitisch sinnvoll ist, führt er oft zu Konflikten mit Anwohnern, die unter dem zusätzlichen Lärm leiden. «Wir sind nicht grundsätzlich gegen die Reaktivierung», stellt Weber klar. «Wir fordern nur angemessene Schutzmaßnahmen.»
Experten für Stadtentwicklung sehen den Fall als typisches Beispiel für Nutzungskonflikte in gewachsenen Stadtquartieren. «In den vergangenen Jahrzehnten sind viele Wohngebiete näher an Bahnstrecken herangerückt», erklärt Stadtplaner Martin Hoffmann. «Bei einer Reaktivierung prallen dann unterschiedliche Interessen aufeinander.»
In den kommenden Wochen wird sich zeigen, ob ein tragfähiger Kompromiss gefunden werden kann. Die Bürgerinitiative plant für den 15. September eine Demonstration am Güterbahnhof, sollten bis dahin keine konkreten Zugeständnisse gemacht werden.