Die Zahl der Gewalttaten bleibt erschreckend hoch, obwohl der Blick der Stadt oft auf andere Dinge gerichtet ist. Düsseldorf zählt auch im Jahr 2025 zu den Brennpunkten rechter Gewalt in Nordrhein-Westfalen. Das belegt die aktuelle Jahresbilanz der spezialisierten Anlaufstellen „Opferberatung Rheinland“ und „Betroffenenberatung Backup“. Sie dokumentierten für die Landeshauptstadt 35 politisch rechts motivierte Gewalttaten. Im Vorjahr waren es 37. Damit liegt Düsseldorf, neben Köln mit 90 und Essen mit 35 Taten, an der Spitze der betroffenen Städte im Bundesland. Diese Zahlen sind keine abstrakte Statistik. Sie erzählen von konkreten Angriffen auf Menschen in unserer Stadt, von verletzten Körpern und erschütterten Seelen. Sie zeigen ein bedrohliches Kontinuum der Gewalt, das das Gemeinschaftsleben in Düsseldorf nachhaltig vergiftet.
Was sich hinter diesen 35 registrierten Fällen verbirgt, ist eine besorgniserregende Verschiebung der Gewaltmuster. Besonders auffällig ist der deutliche Anstieg rassistischer Übergriffe von 13 auf 21 Fälle. Diese Angriffe richten sich gegen Menschen, die aufgrund ihrer tatsächlichen oder zugeschriebenen Herkunft, ihres Aussehens oder ihres Glaubens als „anders“ markiert werden. Betroffen sind:
- Schwarze
- muslimische
- slawische
- asiatische Menschen
- Geflüchtete
- Angehörige der Sinti und Roma
Ein besonders drastischer Fall ereignete sich im Herbst an der Heinrich-Heine-Universität. Nach rassistischen Parolen kam es an der U-Bahn-Haltestelle zum tätlichen Angriff auf einen Studenten, der anonym bleiben möchte. Er musste im Krankenhaus behandelt werden. „Viele Betroffene berichten von einem erschütterten Sicherheitsgefühl“ schildert ein Berater von Backup die psychischen Folgen. „Besonders belastend ist, dass solche Erfahrungen für viele Menschen kein Einzelfall bleiben.“ Dieser Satz trifft den Kern: Die Gewalt schafft ein Klima permanenter Bedrohung für ganze Bevölkerungsgruppen in unserer Mitte.
Die Gewalt schlägt sich aber nicht nur in rassistischen Attacken nieder. Die Beratungsstellen registrierten im vergangenen Jahr je drei antisemitische und queerfeindliche Gewalttaten sowie einen brutalen Angriff auf einen Wohnungslosen. Dieser Überfall geschah im Februar in der Altstadt. Ein Trio – zwei 14-Jährige und ein 24-Jähriger – attackierte einen 35-jährigen Obdachlosen grundlos, trat und schlug ihn, teils mit einer Metallkette. Solche Taten zeigen die enthemmte Brutalität, die längst nicht mehr im versteckten Untergrund, sondern mitten in der belebtesten Gegend der Stadt zuschlägt. Zugleich ist die Gewalt gegen politische Gegner angestiegen, von fünf auf sieben Fälle. Die Kommunalwahlen im September 2025 fungierten hier als Katalysator. In Düsseldorf tauchten AfD-Aufkleber mit hinterlegten Rasierklingen an Laternen und Schildern auf – eine perfide Falle für Menschen, die diese Sticker entfernen wollten. Laut dem Bündnis „Düsseldorf stellt sich quer“ verletzte sich dabei tatsächlich eine Person. Die Polizei ermittelt bislang ergebnislos. Dieser Fall ist mehr als Sachbeschädigung. Er ist eine gezielte Einschüchterungstaktik, die das demokratische Engagement im öffentlichen Raum vergällen soll.
Ein weiteres prägendes Merkmal für Düsseldorf ist der hohe Anteil von Gewalt bei Versammlungen und politischen Veranstaltungen. Als Landeshauptstadt und Zentrum politischer Debatten finden hier regelmäßig Demonstrationen statt. Fünf der 35 Gewalttaten ereigneten sich in diesem Kontext. Hier richtet sich rechte Gewalt gezielt gegen Menschen, die sich öffentlich für Demokratie, Menschenrechte und gegen Rassismus einsetzen. „Diese Gewalt zielt darauf ab, Engagement einzuschüchtern, demokratische Räume zu verengen und gesellschaftliche Teilhabe zurückzudrängen“ analysiert ein Berater. Das ist die strategische Dimension: Es geht nicht nur um den Einzelangriff, sondern darum, den öffentlichen Raum für bestimmte Meinungen und Menschen zu erobern und andere zu vertreiben. Auch antisemitische Vorfälle auf Demonstrationen sind keine Seltenheit. Obwohl die Zahl der Gewaltdelikte gegen Jüdinnen und Juden von 16 auf drei sank, warnt die Opferberatung vor einer isolierten Betrachtung. Der notwendige, alltägliche Schutz der Synagoge an der Zietenstraße durch Polizeikräfte spricht eine deutliche Sprache über die andauernde Bedrohungslage.
| Art der Gewalttat | Anzahl |
|---|---|
| Gesamtzahl der Gewalttaten | 35 |
| Rassistische Angriffe | 21 |
| Antisemitische Angriffe | 3 |
| Queerfeindliche Angriffe | 3 |
| Gewalt bei politischen Veranstaltungen | 5 |
| Körperverletzung | 23 (8 gefährliche, 15 einfache) |
Die Gewaltbereitschaft der Täter bleibt auf einem hohen Niveau. Die Bilanz listet acht gefährliche und 15 einfache Körperverletzungen sowie zwölf Bedrohungen und Nötigungen auf. „Die Jahresbilanz 2025 zeigt, dass rechte Gewalt in Nordrhein-Westfalen weiter zunimmt und zugleich enthemmter auftritt“ fasst Fabian Reeker, Projektleiter der Opferberatung Rheinland, zusammen. „Für die Betroffenen bedeutet dies nicht nur ein erhöhtes Risiko, selbst Ziel eines Angriffs zu werden, sondern auch langfristige Folgen für Sicherheit, Gesundheit und gesellschaftliche Teilhabe.“ Diese Worte sollten uns alle alarmieren. Denn die Folgen dieser Gewalt trägt nicht nur das einzelne Opfer. Sie trägt die gesamte Stadtgemeinschaft. Sie untergräbt das Fundament eines Zusammenlebens, das auf Respekt, Sicherheit und der Freiheit basiert, sich ohne Angst im öffentlichen Raum bewegen zu können.
Was bedeutet das für Düsseldorf? Die Stadt steht vor der Herausforderung, nicht nur reagierende Strafverfolgung zu betreiben, sondern eine präventive, wehrhafte Demokratie zu stärken. Die dokumentierten Fälle sind nur die Spitze des Eisbergs, da viele Betroffene aus Angst oder Misstrauen keine Anzeige erstatten. Die Arbeit der Opferberatungsstellen ist daher unverzichtbar. Doch die Stadtpolitik ist gefordert, Räume für zivilgesellschaftliches Engagement zu schützen und zu fördern. Die präzise Erfassung und öffentliche Benennung dieser Gewalt durch die Beratungsstellen ist ein erster, entscheidender Schritt. Nun muss die Stadtgesellschaft als Ganzes zeigen, dass sie diese Angriffe auf ihre Grundwerte nicht toleriert. Es geht um die Frage, welches Klima wir in unseren Straßen, an unseren Universitäten und auf unseren Plätzen dulden wollen. Die Bilanz für 2025 ist ein deutliches Warnsignal: Die Bedrohung ist real, sie ist in Düsseldorf zu Hause, und sie wächst. Die Antwort darauf kann nur eine geschlossene, aktive und mutige Stadtgemeinschaft sein, die für alle ihre Mitglieder eintritt.