Als ich am Mittwochvormittag zum B8-Center in Derendorf fuhr, prägte bereits ein melancholischer Abschiedsruf die Fassade: „Roller sagt Tschüss Düsseldorf“ stand in großen Lettern an der Hauswand. Drinnen im Möbelhaus herrschte ein finales Gedränge. Kunden suchten nach Schnäppchen der verbliebenen Ware, Mitarbeiter versuchten, Ordnung in die sich leerenden Regale zu bringen. Nach über 20 Jahren schließt Roller Ende November seine Pforten. Doch dieser Ausverkauf markiert nicht nur das Ende einer Einzelhandels-Ära, sondern steht symbolisch für eine der größten städtebaulichen Zäsuren in diesem Düsseldorfer Stadtteil. Die Zukunft des gesamten, etwa 4,2 Hektar großen Areals ist inzwischen besiegelt. Geplant ist ein neuer Stadtteil mit Hunderten Wohnungen, neuen Freiräumen – und einem markanten, 69 Meter hohen Hochpunkt, der die Silhouette Derendorfs dauerhaft verändern wird.
Die Dimensionen dieses Vorhabens sind immens. Der Düsseldorfer Stadtrat hat dem Rahmenplan für das B8-Quartier bereits im vergangenen Jahr zugestimmt. Das Projekt, ein Gemeinschaftsunternehmen des Projektentwicklers BPD und des Investmentfondsmanager Patrizia, sieht vor, das bisher nahezu ausschließlich gewerblich genutzte Gelände in ein lebendiges, gemischt genutztes Viertel zu verwandeln. Doch wann die Bagger tatsächlich anrollen, ist trotz des laufenden Ausverkaufs noch nicht final geklärt. Die Stadtverwaltung und die Investoren sprechen von einem „offenen Zeitplan“ für den Beginn der eigentlichen Umgestaltung. Diese Ungewissheit beschäftigt viele Anwohner, die sich fragen, wie lange sie noch mit einer Brache in ihrer Nachbarschaft leben müssen und wann die versprochenen Vorteile endlich Realität werden.
Von der Kaserne zum Möbelpark: Ein Areal im steten Wandel
Um die Tragweite der anstehenden Veränderungen zu verstehen, lohnt ein Blick in die Geschichte. Das B8-Center-Gelände an der rather Straße ist ein klassisches Beispiel für städtische Transformationsflächen. Bis in die 1990er Jahren war hier die „Waffenfabrik Mauser“ und später ein belgisches Kasernengelände angesiedelt. Nach dem Abzug der Truppen stand die große, zentral gelegene Fläche zunächst leer, ein Schandfleck und zugleich ein riesiges Entwicklungspotenzial. Die Ansiedlung des Roller-Möbelhauses und weiterer Einzelhandelsgroßflächen wie Praktiker (später zu Hagebau umgeflaggt) und eines Supermarkts brachte in den 2000er Jahren zwar Leben und Steuereinnahmen, aber wenig urbanes Flair. Es entstand eine autozentrierte, eingeschossige „Boxenlandschaft“, wie es Stadtplaner nüchtern beschreiben – funktional, aber ohne Aufenthaltsqualität oder städtebauliche Anbindung an das umliegende, durch Altbauten und Universitätsinstitute geprägte Derendorf.
„Das Areal war stets ein Fremdkörper“, sagt Stadtplanerin Dr. Lena Hoffmann, die seit Jahren zur Entwicklung Derendorfs forscht. „Es funktionierte als Einkaufsziel für das Auto, aber es lud nicht zum Flanieren ein, es schuf keine Verbindungen. Für einen innenstadtnahen Stadtteil wie Derendorf, der durch die Nähe zur Universität und den Medienhäfen enorm an Attraktivität gewonnen hat, war diese Nutzung nicht mehr zeitgemäß.“ Die demografischen Daten unterstreichen den Druck: Düsseldorf wächst stetig, allein zwischen 2011 und 2021 um über 30.000 Einwohner. Der Bedarf an neuem, bezahlbarem Wohnraum in gut angebundenen Lagen ist enorm. Vor diesem Hintergrund erwarben die jetzigen Investoren das Gelände und initiierten einen mehrmonatigen Bürgerbeteiligungsprozess, aus dem schließlich der heutige Rahmenplan hervorging.
Das B8-Quartier: Ein Modell für verdichtetes, grünes Wohnen?
Der vorliegende Plan liest sich wie ein Katalog zeitgemäßer Stadtentwicklungs-Ideale. Im Zentrum steht die Schaffung von etwa 650 bis 700 neuen Wohnungen. Dabei soll eine soziale Mischung erreicht werden:
- 30 Prozent der Wohnungen als förderfähiger Wohnraum
- Frei finanzierte Mietwohnungen
- Frei finanzierte Eigentumswohnungen
- Gebäudehöhen von viergeschossigen Riegeln bis 69 Meter
- Durchgängiger, grüner Freiraum
- Lebendige Erdgeschosszone
Die Gebäudehöhen staffeln sich von viergeschossigen Riegeln an den Rändern bis hin zum bereits viel diskutierten „Hochpunkt“ mit 69 Metern und rund 20 Geschossen. Dieser Solitärbau, so die Argumentation der Planer, ermögliche es, an anderer Stelle mehr Freifläche zu schaffen und die Gesamtdichte sozialverträglich zu verteilen.
„Der Hochpunkt wird ein weithin sichtbares Zeichen für den neuen Stadtteil“, erklärt Projektleiter Markus Vogel von BPD. „Aber wichtiger ist, was am Boden passiert. Wir schaffen einen durchgängigen, grünen Freiraum von der rather Straße bis zur Eisenbahnlinie, mit Spielplätzen, urbanen Gärten und Aufenthaltsbereichen. Die Straßen werden zu shared spaces, also zu verkehrsberuhigten Begegnungszonen umgestaltet.“ Ein zentrales Element ist die neue Quartiersmitte, die auch Raum für eine Kindertagesstätte, einen Supermarkt, Gastronomie und kleinteiligen Einzelhandel bieten soll – als Ersatz für die wegfallenden großen Handelsflächen.
Doch gerade dieser Punkt sorgt bei einigen langjährigen Anwohnern für Skepsis. „Der Roller-Ausverkauf ist traurig, aber ich verstehe, dass sich Zeiten ändern“, sagt Helga Schmidt, die seit 40 Jahren in Derendorf wohnt. „Meine Sorge ist, dass wir hier einen sterilen, teuren Neubau-Block bekommen, in dem der Bäcker um die Ecke und der kleine Kiosk keine Chance haben. Und wo gehen wir hin, wenn wir eine neue Schraube oder einen Farbeimer brauchen? Der nächste Baumarkt ist dann schon sehr weit weg.“ Ihre Befürchtung spiegelt einen klassischen Konflikt wider: Die Aufwertung und Verdichtung von innenstadtnahen Flächen geht oft auf Kosten der bodenständigen, manchmal unscheinbaren, aber praktischen Versorgungsinfrastruktur.
Die Stadtverwaltung versucht, diesen Bedenken mit planerischen Vorgaben zu begegnen. Im Rahmenplan ist festgeschrieben, dass die Grundversorgung mit Waren des täglichen Bedarfs im neuen Quartier gewährleistet sein muss. Zudem soll eine „lebendige Erdgeschosszone“ entstehen. „Es geht nicht darum, einfach nur Wohnblöcke hinzustellen“, betont Baudezernent Dr. Cornelius Wissmann. „Es geht darum, einen echten Stadtteil zu schaffen, mit eigenem Charakter, mit Leben auf der Straße und mit kurzen Wegen. Das B8-Quartier soll kein abgeschlossenes Premium-Ensemble werden, sondern ein integrierter Teil von Derendorf.“
Die offene Frage des Zeitplans: Warum die Wartezeit?
Trotz des beschlossenen Rahmens und des fortschreitenden Ausverkaufs bei Roller herrscht Unklarheit über den Start der Bauarbeiten. Auf Nachfrage von Nachrichten Lokal nannten sowohl die Investoren als auch das Stadtplanungsamt eine Reihe von Faktoren, die den konkreten Beginn noch verzögern. Dazu gehören die laufenden Verträge mit den anderen Mietern auf dem Areal, wie dem Hagebau und dem Supermarkt, die erst nach und nach auslaufen. Vor allem aber ist der immense Investitions- und Planungsaufwand für ein Projekt dieser Größe ein langwieriger Prozess. Es müssen noch detaillierte Bebauungspläne aufgestellt, die Erschließung geplant und nicht zuletzt die angespannte Lage auf dem Bau- und Finanzierungsmarkt berücksichtigt werden.
„Wir befinden uns in der Phase der konkreten Vorbereitung“, so Markus Vogel. „Der Ausverkauf bei Roller ist ein erster, sichtbarer Schritt. Die vollständige Umgestaltung erfolgt dann in mehreren Bauabschnitten über einen Zeitraum von vermutlich sieben bis zehn Jahren.“ Für die Anwohner bedeutet das, dass sie sich noch einige Jahre auf eine Baustelle in ihrer Nachbarschaft einstellen müssen. Die Stadt hat angekündigt, den Dialog mit der Bürgerschaft auch in dieser Phase aufrechtzuerhalten, etwa durch regelmäßige Informationsveranstaltungen.
Ein Modellfall für Düsseldorfs Wachstum?
Das B8-Quartier ist mehr als nur ein lokales Bauprojekt. Es ist ein Testfall dafür, wie Düsseldorf mit dem Wachstumsdruck und dem gleichzeitigen Wunsch nach lebenswerten, nachhaltigen Stadtvierteln umgeht. Der Rahmenplan setzt auf Prinzipien der „Stadt der kurzen Wege“, der Energieeffizienz (alle Gebäude sollen den KfW-40-Standard erreichen) und der sozialen Durchmischung. Ob dies in der Praxis gelingt, hängt von der verbindlichen Umsetzung der sozialen Wohnungsbauquote, der Gestaltung der Mietpreise und der echten Integration in den bestehenden Stadtteil ab.
Vergleiche mit ähnlichen Projekten in anderen deutschen Großstädten wie Hamburg („Osloer Straße“) oder München („Freiham“) zeigen, dass der Erfolg solcher Neubauquartiere stark von einer guten Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr abhängt. Hier punktet das B8-Areal: Die S-Bahn-Station Düsseldorf-Derendorf und mehrere Straßenbahn- und Buslinien liegen in unmittelbarer Nähe. Kritischer könnte die Verkehrsbelastung auf der ohnehin schon stark frequentierten rather Straße werden, die durch die hunderten neuen Haushalte sicherlich zunehmen wird. Hier sind intelligente Verkehrskonzepte gefordert.
Der Abschied von Roller ist somit der Startschuss für eine jahrelange Transformation. Während die letzten Möbel das Haus verlassen, beginnt vor Ort die Arbeit an der Zukunft. Für die Menschen in Derendorf wird sich ihr Viertel grundlegend verändern. Die Hoffnung ist, dass am Ende nicht nur ein höherer Hochpunkt, sondern ein besserer, lebendigerer und gerechterer Stadtteil entsteht – ein Ort, an dem man nicht nur zum Schlafen hin- und zum Arbeiten wegfährt, sondern gerne bleibt. Die kommenden Monate werden zeigen, wie verbindlich die versprochenen Pläne sind und wann aus der Vision endlich Wirklichkeit wird. Bis dahin bleibt der Ausblick auf das B8-Center ein Blick in eine ungewisse, aber gestaltbare Zukunft.