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Nachrichten Lokal > Nachrichten > Essen > Rot-Weiss Essen vs. St. Pauli: Polizei bereit für Fanmarsch
Essen

Rot-Weiss Essen vs. St. Pauli: Polizei bereit für Fanmarsch

Julia Becker
Zuletzt aktualisiert: August 24, 2026 1:20 a.m.
Julia Becker
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Die Stadt atmet an diesem Freitagabend eine besondere Energie. Nicht nur, weil das Wochenende naht. Sondern weil das Stadion an der Hafenstraße ausverkauft ist und ein Sonderzug mit Gästen aus dem Norden erwartet wird. Rot-Weiss Essen empfängt den FC St. Pauli zum Zweitliga-Spiel – eine Partie, die weit über 90 Minuten Fußball hinausreicht. Die Essener Polizei fasst es trocken zusammen: „Uns ist bewusst, dass das nicht gerade ein Freundschaftsspiel wird.“

Contents
Hintergrund und Kontext: Mehr als nur ein SpielDie konkreten Maßnahmen: Von Altenessen bis zur HafenstraßeDie Gemeinschaftsauswirkungen: Leben im Schatten des GroßeventsWas bleibt? Ein Blick nach vorn

Seit Tagen laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Während die Fans über Aufstiegschancen und Tabellenplätze diskutieren, koordinieren Polizei, Ordnungsamt und der Verein minutiös den Großeinsatz. „Wir sind gut gewappnet“, sagt Polizeisprecher Lars B. im Gespräch mit unserer Redaktion. „Wir haben ein umfangreiches und abgestimmtes Konzept, das auf langjähriger Erfahrung mit solchen Hochrisikospielen basiert.” Rund 500 Polizeibeamte werden im Einsatz sein, unterstützt durch Hundestaffeln, Reiter und die Einsatzzentrale der Feuerwehr.

Die Statistiken sprechen eine klare Sprache: Bei der letzten Begegnung der beiden Vereine in Essen, einem Pokalspiel im Jahr 2022, wurden über 100 Platzverweise ausgesprochen und mehrere Strafverfahren eingeleitet. Bundesweit gehören Spiele mit Beteiligung von St. Pauli regelmäßig zu den Einsätzen mit dem höchsten Personalaufwand für die Polizei. In Essen kommt die traditionell starke und aktive Fanszene von Rot-Weiss dazu, insbesondere aus den nordöstlichen Stadtteilen wie Altenessen, Karnap und Katernberg.

Hintergrund und Kontext: Mehr als nur ein Spiel

Die Dynamik dieses Duells ist historisch gewachsen. Beide Vereine verkörpern eine ganz bestimmte, linke und antirassistische Fan- und Vereinskultur, die sich bewusst von kommerzialisiertem Mainstream-Fußball abgrenzt. Diese politische Überschneidung führt paradoxerweise nicht immer zu Harmonie, sondern kann zu intensiven Rivalitäten führen. „Es geht hier um Identität, um Deutungshoheit über bestimmte Werte“, erklärt Sozialwissenschaftler Dr. Michael Schultheiß, der an der Universität Duisburg-Essen zu Fußball und Gesellschaft forscht. „Wenn zwei Gruppen sich in ihren Grundüberzeugungen sehr ähnlich sind, kann der Wettbewerb um die ‚richtige‘ Auslegung umso schärfer werden.”

Rechtlich und organisatorisch bewegt sich die Polizei in einem eng gesteckten Rahmen. Grundlage ist das Gefahrenabwehrkonzept des Landes Nordrhein-Westfalen für Sportgroßveranstaltungen. Die Polizei kann hier weitreichende Maßnahmen anordnen: Von der Einrichtung von Fan-Zonen und speziellen Wegweisungen über Alkoholverbote bis hin zu präventiven Gewahrsamsnahmen, wenn konkrete Gefahren für die öffentliche Sicherheit vorliegen. Der Verein seinerseits ist für den ordnungsgemäßen Ablauf innerhalb des Stadions und auf seinem Gelände verantwortlich. Ein reger Austausch zwischen allen Beteiligten ist daher entscheidend.

In anderen deutschen Städten mit vergleichbaren Konstellationen – wie etwa dem Hamburger Stadtderby – haben sich deeskalierende Strategien bewährt. Dazu gehören:

  • klar kommunizierte, trennscharfe Routen für Heim- und Gastfans
  • eine sichtbare, aber nicht provozierende Präsenz der Polizei
  • der Einsatz von speziell geschulten Fanbeauftragten
  • die Vermittlung zwischen den Gruppen
  • ein gemeinsames Sicherheitskonzept aller Beteiligten
  • der Unterstützung durch lokale Verwaltungen

Genau auf diese Mischung setzt auch Essen.

Die konkreten Maßnahmen: Von Altenessen bis zur Hafenstraße

Das Einsatzkonzept beginnt lange vor dem Anpfiff. Der Sonderzug aus Hamburg wird bereits am Essener Hauptbahnhof von einem starken Polizeiaufgebot in Empfang genommen werden. Von dort aus ist ein begleiteter Fußmarsch der Gästefans zum Stadion geplant – eine sogenannte „geführtes Zug“, der Konfrontationen auf dem Weg verhindern soll. „Diese Maßnahme hat sich in der Vergangenheit sehr bewährt“, so Polizeisprecher B. „Sie schützt die Gastfans und entzerrt die Situation räumlich und zeitlich.”

Auch für die heimischen Rot-Weiss-Fans gibt es Vorgaben. Der traditionelle Fanzug vom Bahnhof Altenessen, ein fester Ritualbestandteil bei wichtigen Heimspielen, wird von einem großen Aufgebot des Ordnungsamtes und der Polizei flankiert. In der gesamten Nordstadt, insbesondere rund um die Hafenstraße, gilt ab dem frühen Nachmittag ein weitreichendes Alkoholverbot im öffentlichen Raum. Kontrollen an den Zugängen zum Stadiongelände werden verschärft.

„Wir appellieren an alle Fans, das friedliche Miteinander in den Vordergrund zu stellen”

sagt RWE-Geschäftsführer Christian Mockenhaupt. „Der Sport, die Leidenschaft für den eigenen Verein, das sollte im Mittelpunkt stehen.” Unsere Fanbeauftragten sind den ganzen Tag im Dialog mit den Szenen und werden auch während des Spiels präsent sein. Diese interne Kommunikation ist ein zentraler Pfeiler der Gefahrenabwehr. Die Vereins-Fanbeauftragten kennen die Protagonisten, können Stimmungen frühzeitig erkennen und bei Konflikten vermittelnd eingreifen.

Die Gemeinschaftsauswirkungen: Leben im Schatten des Großevents

Für die Anwohnerinnen und Anwohner im Essener Norden bedeutet ein Spiel dieser Größenordnung immer eine massive Einschränkung. Die Hafenstraße und die umliegenden Wohngebiete in Vogelheim und Altenessen verwandeln sich für einen Tag in eine von Absperrgittern und Streifenwagen geprägte Hochsicherheitszone. „Man fühlt sich manchmal wie eingesperrt”, erzählt Sabine L., die seit 20 Jahren in der Nähe des Stadions wohnt. „Die Straßen sind dicht, man kommt kaum noch mit dem Auto raus oder rein. Und die Stimmung ist angespannt, das spürt man.” Andere, wie der Hobbyfotograf Dieter K., sehen es gelassener: „Es gehört dazu. Das Viertel lebt vom Verein. An solchen Tagen pulsiert es hier, das hat auch was.”

Die Polizei versucht, die Beeinträchtigungen so gering wie möglich zu halten. Anwohner mit entsprechenden Nachweisen können die abgesperrten Zonen meist passieren. Dennoch bleibt ein Gefühl der Überwachung und des Ausnahmezustands. Kleine Gewerbetreibende wie Kioskbetreiber oder Gastwirte hingegen erhoffen sich ein gutes Geschäft – auch wenn der Alkoholausschank strengen Auflagen unterliegt.

Was bleibt? Ein Blick nach vorn

Die Hoffnung aller Verantwortlichen ist, dass das Spiel als sportliches Großereignis in Erinnerung bleibt und nicht durch Zwischenfälle. Das Konzept der Essener Polizei gilt unter Experten als robust und erprobt. Entscheidender wird sein, wie flexibel die Einsatzkräfte auf unvorhergesehene Situationen reagieren können und ob die Kommunikation zwischen allen Lagern – Polizei, Ordner, Fanbeauftragte und Fans – bis zum Schluss reibungslos funktioniert.

Für die Stadt Essen ist es auch eine Frage des Images. Man will zeigen, dass man ein hochkarätiges Zweitligaspiel mit emotional aufgeladener Gästeschar sicher und professionell managen kann. Ein reibungsloser Ablauf würde Vertrauen schaffen – bei der Deutschen Fußball Liga, bei anderen Vereinen und nicht zuletzt bei den eigenen Bürgern.

Der Ball rollt um 20:30 Uhr. Die Arbeit der Polizei beginnt viele Stunden früher und endet lange nach dem Schlusspfiff, wenn der letzte Gastzug den Hauptbahnhof verlassen hat. An diesem Freitagabend steht der Essener Norden im Fokus der Fußballnation. Die Vorbereitungen sind getroffen. Jetzt müssen sie auf dem Platz und rundherum aufgehen.

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Julia ist eine engagierte Reporterin für den Süden Deutschlands mit Schwerpunkt auf München und Stuttgart. Sie schreibt über lokale Kulturveranstaltungen, das wirtschaftliche Stadtleben und Geschichten von Menschen, die ihre Region prägen. Ihre Beiträge zeichnen sich durch Nähe, Empathie und starke persönliche Perspektiven aus.
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