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Nachrichten Lokal > Nachrichten > Stuttgart > Stuttgart 21: Pensionierter Richter kämpft weiter für Rechtsstaat
Stuttgart

Stuttgart 21: Pensionierter Richter kämpft weiter für Rechtsstaat

Julia Becker
Zuletzt aktualisiert: August 24, 2026 11:22 p.m.
Julia Becker
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Die Sonne scheint auf den Charlottenplatz

Die Sonne scheint auf den Charlottenplatz an jenem Donnerstag im September 2010, als Dieter Reicherter seine wohlverdiente Rente beginnt. Statt in der Robe sitzt der ehemalige Vorsitzende Richter am Stuttgarter Landgericht nun entspannt in seinem Lieblingsplattenladen. Über 30.000 Singles und Zehntausende weitere Tonträger warten zu Hause auf ihre Katalogisierung – ein Lebenswerk für den begeisterten Musikfan. Plötzlich durchschneiden ungewohnte Geräusche die vertraute Atmosphäre: Schreie, Trillerpfeifen, das Dröhnen von Hubschraubern. Der Großeinsatz der Polizei gegen Stuttgart-21-Gegner im nahen Schlossgarten ist nicht mehr zu überhören. Aus Neugierde geht Reicherter hinüber. Was er dort sieht, wird sein Leben als Pensionär auf unvorhergesehene Weise prägen und ihn in einen jahrelangen Kampf für seine Vorstellung von Rechtsstaat und Wahrheit stürzen.

Vom Zuschauer zum Akteur: Ein Richter sieht rot

„Ich war schockiert“, erinnert sich Reicherter heute, über ein Jahrzehnt später. „Da wurde mit einem Aufgebot, das an Kriegsszenarien erinnerte, gegen friedliche Demonstranten vorgegangen. Das hatte mit dem Verhältnismäßigkeitsgrundsatz, den ich jahrzehntelang in meinem Beruf angewandt hatte, nichts mehr zu tun.“ Der pensionierte Richter sah Wasserwerfer im Einsatz, wie Menschen zu Boden gedrückt und festgenommen wurden. Für ihn, einen Mann des Rechts, war das Bild klar: Hier wurden Grundrechte auf Versammlungsfreiheit und körperliche Unversehrtheit massiv beschnitten.

Dieser Tag markierte den Punkt, an dem Dieter Reicherter vom unbeteiligten Bürger zum engagierten Kritiker wurde. Er begann, Akteneinsicht zu beantragen, Anzeigen zu stellen und die Vorgänge juristisch aufzuarbeiten. Aus der anfänglichen Empörung erwuchs eine systematische, penible Arbeit. „Ich konnte nicht einfach wegschauen. Wenn der Rechtsstaat an einer so exponierten Stelle sichtbar aus den Fugen gerät, dann ist es Pflicht eines jeden Bürgers – erst recht eines Juristen –, darauf hinzuweisen.“

Der lange Atem der Aufklärung

Was folgte, war ein zähes Ringen mit Behörden und Staatsanwaltschaften. Reicherter sichtete tausende Seiten von Ermittlungsakten, Polizeiberichten und Gerichtsdokumenten. Seine Wohnung verwandelte sich von einem Musiktempel in ein Archiv des Widerstands. Immer wieder stieß er auf Widersprüche in den offiziellen Darstellungen der Ereignisse vom sogenannten „Schwarzen Donnerstag“ und den folgenden Tagen.

„Da wurde beispielsweise behauptet, die Demonstranten hätten die Gewalt eskaliert. Doch in den eigenen Einsatzprotokollen der Polizei fanden sich Hinweise auf eine deutlich andere Dynamik“, so Reicherter. Seine Kritik richtete sich nicht gegen die Polizei als Institution, sondern gegen konkrete Fehlentscheidungen in der Führungsebene und eine nach seiner Auffassung unzureichende Aufarbeitung durch die Justiz. Viele Verfahren gegen Demonstranten wurden eingestellt, Verfahren gegen Polizeibeamte wegen möglicher Körperverletzung im Amt ebenfalls.

Für den pensionierten Richter war dies ein fundamentaler Widerspruch zum Rechtsstaatsprinzip. „Gleiches Recht für alle bedeutet auch, dass staatliches Handeln nicht außerhalb der rechtlichen Bewertung steht. Wenn bei einem der größten Polizeieinsätze der Landesgeschichte offenkundige Rechtsbrüche einfach sang- und klanglos ad acta gelegt werden, dann leidet die Glaubwürdigkeit des ganzen Systems.“

Stuttgart 21 als Katalysator für eine breitere Debatte

Die persönliche Geschichte Dieter Reicherters ist eng verwoben mit dem Mega-Projekt Stuttgart 21, das die Stadt seit Jahrzehnten polarisiert. Der geplante Tiefbahnhof unter dem Schlossgarten war nicht nur ein verkehrstechnisches Vorhaben, sondern wurde zum Symbol für eine bestimmte Art von Politik: von vielen Bürgern als von oben herab durchgesetzt, mit unklaren Kosten und fragwürdigem Nutzen empfunden. Die Proteste waren daher immer auch ein Kampf um demokratische Teilhabe und Transparenz.

Reicherters juristischer Kampf lenkte den Fokus auf einen weiteren, entscheidenden Aspekt: den Umgang des Staates mit Bürgerprotest. Die Bilder von Wasserwerfern und prügelnden Polizisten im Herzen Stuttgarts gingen bundesweit durch die Medien und lösten eine Debatte über den Einsatz von Gewalt bei Demonstrationen aus. Der pensionierte Richter gab dieser Debatte mit seinen akribischen Recherchen eine faktenbasierte, juristische Grundlage.

„Es geht mir nicht darum, die Polizei pauschal zu diffamieren“, betont er. „Es geht darum, klarzumachen, dass in einer Demokratie die Exekutive an Recht und Gesetz gebunden ist. Und wenn sie diese Grenzen überschreitet, muss es wirksame Kontrollmechanismen geben.“ Diese Mechanismen – von der staatsanwaltschaftlichen Aufsicht bis zur parlamentarischen Kontrolle – sah er im Fall Stuttgart 21 als gescheitert an.

Ein unermüdlicher Mahner – auch für 2025 und darüber hinaus

Heute, im Jahr 2025, sind die meisten juristischen Verfahren längst abgeschlossen. Der Bau von Stuttgart 21 schreitet voran. Doch Dieter Reicherter hat nicht aufgehört. Er tritt bei Diskussionsveranstaltungen auf, gibt Interviews und berät Bürgerinitiativen. Seine umfangreiche Dokumentation dient als wichtiges Zeitdokument. Für ihn ist der Fall nicht abgeschlossen, solange keine umfassende politische und historische Aufarbeitung stattgefunden hat.

„Die Frage, die bleibt, ist: Was lernen wir daraus für die Zukunft?“, sagt Reicherter. „Wie gehen wir in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft mit großen Infrastrukturprojekten um? Wie gewährleisten wir, dass Protest friedlich bleiben kann, ohne dass der Staat mit überzogener Härte reagiert?“ Seine Befürchtung: Die Ereignisse von 2010 könnten einen Präzedenzfall geschaffen haben, der in späteren Konflikten – sei es bei Klimaprotesten oder anderen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen – als Rechtfertigung für hartes Durchgreifen herangezogen wird.

Der Kampf des pensionierten Richters ist somit zu einem Kampf für die Zukunft geworden. Es ist der Kampf für eine robuste, aber rechtsstaatliche Demokratie, in der Bürger ihr Grundrecht auf Protest ohne Angst vor exzessiver staatlicher Gewalt ausüben können. Seine Motivation speist sich aus einem tiefen Vertrauen in die Idee des Rechtsstaates, das gerade durch seine scharfe Kritik an deren Verletzung zum Ausdruck kommt.

Ein Lebensabend im Dienste des Rechts

Die Platten sind immer noch nicht alle katalogisiert. Dieter Reicherters Leidenschaft für die Musik ist ungebrochen, doch sie muss sich seit jenem Septembertag den Raum mit einer anderen Mission teilen. Aus dem Ruhestand wurde ein Arbeitsleben der besonderen Art: das eines unabhängigen Ermittlers, Mahners und unbequemen Bürgers.

  • Zivilcourage kennt kein Alter.
  • Fachwissen als Werkzeug für die Gemeinschaft.
  • Rechtsstaatlichkeit ist keine Selbstverständlichkeit.
  • Bürger müssen ihre Rechte einfordern.
  • Die Idee des Rechtsstaates muss verteidigt werden.
  • Der Kampf für Gerechtigkeit ist immer wertvoll.
Aspekte Details
Datum September 2010
Ort Charlottenplatz, Stuttgart
Projektthema Stuttgart 21
Hauptprotagonist Dieter Reicherter
Beruf Ehemaliger Richter
Aktivität Kämpfer für Rechtsstaatlichkeit

Seine Geschichte zeigt, dass Zivilcourage kein Alter kennt und Fachwissen ein mächtiges Werkzeug für die Gemeinschaft sein kann. Sie erinnert daran, dass der Rechtsstaat keine Selbstverständlichkeit ist, sondern von Bürgern bewacht und eingefordert werden muss – manchmal auch von denen, die ihn ein Berufsleben lang von der Richterbank aus verteidigt haben. Dieter Reicherter hat seine Richterrobe abgelegt, aber nicht seine Überzeugung, dass Gerechtigkeit und Wahrheit immer einen Kampf wert sind. Und aufhören will er nicht.


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VonJulia Becker
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Julia ist eine engagierte Reporterin für den Süden Deutschlands mit Schwerpunkt auf München und Stuttgart. Sie schreibt über lokale Kulturveranstaltungen, das wirtschaftliche Stadtleben und Geschichten von Menschen, die ihre Region prägen. Ihre Beiträge zeichnen sich durch Nähe, Empathie und starke persönliche Perspektiven aus.
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