Schon seit fast zwei Jahrzehnten prägen Bauzäune, hohe Kräne und ein unablässiges Dröhnen das Bild rund um den Stuttgarter Hauptbahnhof. Was 2010 als ambitioniertes Zukunftsvorhaben begann, ist für viele Bürgerinnen und Bürger der Stadt längst zum Symbol einer nie endenden Belastung geworden. Der Name „Stuttgart 21“ steht mittlerweile nicht mehr nur für einen unterirdischen Bahnhof, sondern für Lärm, Staub, verstopfte Straßen und eine zermürbende Unsicherheit. Jetzt hat die Deutsche Bahn die nächste bittere Pille verkündet: Der Tiefbahnhof soll frühestens 2031 in Betrieb gehen, die Gesamtkosten steigen um weitere drei Milliarden Euro auf 14,5 Milliarden. Aus S21 wird S31 – und die Geduld der Stuttgarter Bevölkerung schwindet spürbar.
Der Ärger ist greifbar, wenn man mit Menschen spricht, die in der unmittelbaren Umgebung des Bahnhofs leben oder arbeiten. „Eigentlich erträgt man es gar nicht mehr“, sagt Amelie Botta, die ein Fotogeschäft gegenüber dem Hauptbahnhof führt. „Wir haben die Schnauze so was von voll. Lärm, Staub, Dreck, Kunden bleiben weg.“ Ihre Klage wird von vielen Geschäftsleuten geteilt. Alper Opal, Inhaber einer Parfümerie in der Nähe, spricht von einem „fortwährenden Albtraum“ und verweist auf Umsatzeinbußen. Die psychologische Last ist enorm: Seit 16 Jahren leben und arbeiten sie in einer Großbaustelle, ohne ein klares Ende in Sicht zu haben. Die jüngste Ankündigung der Deutschen Bahn, die Fertigstellung um Jahre zu verschieben, fühlt sich für viele wie ein Schlag ins Gesicht an.
Dabei ist die Frustration nicht auf Gewerbetreibende beschränkt. Pendler und Reisende kämpfen täglich mit einem chaotischen Provisorium. Wer mit dem Zug ankommt, hält weit vor dem alten Bahnhofsgebäude. Der Weg hinaus führt über eine 350 Meter lange, überdachte Baustellenrampe. Taxistände, einst direkt vor dem prachtvollen Portal, sind in abgelegene Ecken verbannt und für Ankömmlinge schwer zu finden. „Das ist hier ein völliger Schwachsinn“, schimpft ein Taxifahrer am provisorischen Stand beim Hotel Graf Zeppelin. „Wer mit dem Zug kommt, tut sich schwer, uns hier zu finden.“ Ein Koffer schleppender Reisender bringt es auf den Punkt: „Das ist doch alles ein Scheißdreck.“
Auch das symbolträchtige Wahrzeichen fehlt: Der rotierende Mercedes-Stern, der seit 1952 vom Turm des Bahnhofsgebäudes leuchtete, wurde 2021 wegen der Bauarbeiten abgenommen. Er liegt sicher im Mercedes-Benz Museum, während eine Tafel an der Baustellenwand seine Rückkehr „ab 2025“ verspricht. Nun wird spekuliert, ob er vielleicht 2027 wieder auf den Turm kommt. Dieses kleine, aber bedeutende Detail unterstreicht das Gefühl des kollektiven Wartens und der gebrochenen Versprechen.
Selbst die politische Unterstützung für das Projekt bröckelt. Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) ist ein bekennender Befürworter der verkehrlichen Vorteile von Stuttgart 21. Doch angesichts der immer neuen Verzögerungen und Kostenexplosionen findet auch er deutliche Worte: „Die Idee von Stuttgart 21 bleibt großartig – die Ausführung entwickelt sich offenbar zu einem Fiasko.“ Diese Einschätzung teilen inzwischen viele, die das Projekt grundsätzlich für sinnvoll halten, aber an der Umsetzung verzweifeln.
Die einstigen, massiven Proteste gegen Stuttgart 21 sind zwar abgeklungen, aber der Widerstand ist nicht verstummt. An einer grün angestrichenen Holzbude in Bahnhofsnähe halten Aktivisten eine Mahnwache. Einer von ihnen, der sich Frank nennt, hat seinen Protest bereits an die neue Realität angepasst. „Wissen Sie, dass wir uns jetzt nicht mehr gegen S21 wenden?“, fragt er scherzhaft. „Wegen des neu genannten Fertigstellungsdatums 2031 wenden wir uns jetzt gegen S31.“ Er verteilt gelbe Aufkleber mit dem durchgestrichenen Schriftzug „Stuttgart 31“. Die Botschaft ist klar: Der Kampf geht weiter, nur das Datum im Namen hat sich geändert.
Für die Stadt Stuttgart und ihre Bürgerinnen und Bürger bedeutet die neue Zeitplanung weitere Jahre der Einschränkungen. Die Frage, wie man das aushält, stellt sich mit neuer Dringlichkeit. Die Antwort vieler ist ein müdes Schulterzucken oder resignierter Zorn. Sie haben gelernt, mit dem Bauriesen zu leben, aber die Hoffnung auf ein baldiges Ende ist einer tiefen Skepsis gewichen. Der Bauingenieur-Student, der den Hauptbahnhof nur als Baustelle kennt, bringt diese Stimmung auf den Punkt: „Ach, das wird doch nie fertig.“ Sein Plan ist es, nach dem Master-Abschluss die Stadt zu verlassen. Anderen bleibt nur, auszuharren und zu hoffen, dass aus Stuttgart 31 nicht am Ende noch Stuttgart 41 wird. Die verlorenen Jahre lassen sich nicht zurückholen, aber die Stadt verdient endlich eine Perspektive jenseits der Bauzäune.
- Bauzäune und hohe Kräne prägen das Bild
- Stuttgart 21 als Symbol für Belastung
- Zukunftsdatum von 2031 rechtfertigt Frustration
- Pendler und Reisende kämpfen täglich
- Politische Unterstützung bröckelt
- Widerstand ist nicht verstummt
| Aspekt | Details |
|---|---|
| Kosten | Gestiegen auf 14,5 Milliarden Euro |
| Fertigstellungsdatum | Frühestens 2031 |
| Widerstand | Aktivisten halten Mahnwache |
| Psychologische Last | 16 Jahre Baustelle |
| Mobility Issues | Chaotisches Provisorium |
| Symbolisches Wahrzeichen | Mercedes-Stern abgenommen |