Eine Plattform am Rhein könnte zum Freibad in Bad Cannstatt werden. Das Geld für den Kauf soll bereitstehen – doch für den heiklen Teil des Plans fehlt grünes Licht.
Im Halbschatten der Cannstatter Wilhelma und nur einen Steinwurf vom pulsierenden Neckarknie entfernt liegt eine Vision, die für einige Anwohner wie eine willkommene Abkühlung in heißen Sommern wirkt, für die Stadtverwaltung jedoch ein hartes Prüfstück ist. Der junge Verein Neckarbädle will eine Arbeitsplattform aus einem rheinländischen Altarm nach Stuttgart holen und dort zu einem schwimmenden Freibad umbauen. Rund 500.000 Euro, so erklärt Vereinsgründerin Hannah Pinell, seien von Unterstützern bereits zugesagt. Während die Finanzierung für den Erwerb und den Umbau langsam Gestalt annimmt, bleibt die entscheidende Frage unbeantwortet: Darf man in diesem Stück Neckar überhaupt baden? Die Stadt Stuttgart hält unbeirrt an einem Verbot fest, das seit 1978 gilt. Dieses Projekt ist mehr als nur die Idee für ein neues Freizeitangebot; es ist ein Testfall für Bürgerengagement, kommunale Vorsicht und die Frage, wie weit moderne Modelle alte Bedenken ausräumen können.
Der ursprüngliche Entwurf des Vereins sah ein technisch anspruchsvolles Badeschiff mit aufbereitetem Neckarwasser vor, mit einem Kostenpunkt von etwa 3,5 Millionen Euro. Mangels entsprechender städtischer Förderung verfolgt der Verein nun eine pragmatischere und deutlich günstigere Lösung. Das Neckarwasser soll möglichst direkt in das Becken gepumpt werden. Genau hier verläuft die entscheidende Konfliktlinie. Das Baden im Stuttgarter Abschnitt des Neckars ist aus guten Gründen seit über 45 Jahren verboten. Die Stadtverwaltung verweist auf eine stark schwankende Wasserqualität, potenzielle Krankheitserreger wie E.coli-Bakterien oder Noroviren, chemische Belastungen und nicht zuletzt auf Sicherheitsrisiken durch den lebhaften Schiffsverkehr, unberechenbare Strömungen, Schleusenbetrieb und Treibgut.
Als Antwort auf diese Bedenken beruft sich der Neckarbädle-Verein auf Daten des Vereins Neckarinsel. Dieser lässt seit dem vergangenen Jahr während der Badesaison zweimal wöchentlich Wasserproben im Bereich Bad Cannstatt von einem Labor untersuchen. Die jüngsten Ergebnisse scheinen vielversprechend: Bei mehr als zwei Dritteln der ausgewerteten Proben seien die Grenzwerte für fäkale Darmbakterien eingehalten worden, ein zentraler Indikator für die hygienische Qualität. Weil Laborergebnisse jedoch immer mit etwa 48 Stunden Verzögerung vorliegen, setzt Neckarinsel zusätzlich auf ein innovatives Vorhersagemodell – eine „Badeampel“. Dieses Modell wertet Faktoren wie Niederschlagsmengen und Sonneneinstrahlung in Echtzeit aus und prognostiziert so die wahrscheinliche bakterielle Belastung. Zeigt die Ampel Rot, soll das geplante Badeschiff präventiv geschlossen bleiben.
Die Stadt Stuttgart erkennt dieses kombinierte Modell aus Laborproben und Vorhersage bislang nicht als ausreichenden Nachweis für eine sichere Badetauglichkeit an. Aus wissenschaftlicher Sicht kommen weitere Bedenken hinzu. David Werner, Wasserwissenschaftler an der Universität Stuttgart, warnt davor, dass bestimmte Erreger wie Noroviren in Echtzeit gar nicht nachweisbar seien. Eine verlässliche Sicherheitsgarantie allein durch ein prognostisches Modell hält er daher für nicht möglich. „Das Modell ist ein guter Indikator, aber es kann punktuelle Verschmutzungen, die etwa aus dem Kanalnetz kommen, nicht in Echtzeit abbilden“, so Werner. Die Stadt fürchtet im Falle einer Genehmigung ihre Aufsichtspflicht und Haftung nicht zuverlässig wahren zu können.
Nach Vereinsangaben laufen derzeit intensive Gespräche mit der Stadtverwaltung und dem Gesundheitsamt. Diskutiert werden mögliche Kompromisse, wie zusätzliche, schnellere Testverfahren oder der Einbau einfacher Filtertechniken. Sollte der Kauf der Plattform gelingen, plant der Verein für das Jahr 2027 den Umbau – weitgehend in Eigenregie mit freiwilligen Helfern. Ein verbindlicher Eröffnungstermin oder eine Bau- und Betriebsgenehmigung existieren jedoch nicht. Sollte Stuttgart bei seiner ablehnenden Haltung bleiben, hat der Verein bereits einen Plan B in der Tasche: Das Badeschiff könnte dann an einem anderen, genehmigungsfreundlicheren Ort an einem Fluss in der Region ankern.
Für die Bürger in Bad Cannstatt und ganz Stuttgart wirft das Projekt grundsätzliche Fragen auf. Es zeigt den Wunsch nach mehr frei zugänglichen, naturnahen Erholungsräumen in der Stadt, gerade in Zeiten sich verstärkender Hitzeperioden. Gleichzeitig konfrontiert es die Verwaltung mit der Herausforderung, wie sie mit innovativen, bürgergetragenen Ideen umgeht, die bestehende Regularien infrage stellen. Soll die Stadt hier eine experimentelle Öffnung wagen, mit klaren Auflagen und einer probeweisen Betriebsphase? Oder wiegt das gesundheitliche Restrisiko und das Prinzip der Vorsicht schwerer als der Gemeinschaftswunsch nach einem neuen Bad?
- Wassertests von Neckarinsel
- Über 500.000 Euro Zusagen
- Badeschiff mit Neckarwasser
- Innovative Badeampel
- Kompromisse mit Stadtverwaltung
- Zukunft des Projekts in Gefahr
| Aspekte | Details |
|---|---|
| Finanzierung | 500.000 Euro zugesagt von Unterstützern |
| Verbot | Baden im Neckar seit 1978 verboten |
| Wassertests | Zweimal wöchentlich während der Badesaison |
| Hygiene | Zwei Drittel der Proben einhalten Grenzwerte |
| Modell | Badeampel zur Vorhersage der Wasserqualität |
| Plan B | Alternative Standorte für Badeschiff |
Die Diskussion um das Neckarbädle ist typisch für die Entwicklung deutscher Großstädte: Sie ringen um ein Gleichgewicht zwischen Lebensqualität, Sicherheit und dem Mut zu neuen Lösungen. Während in anderen Metropolen wie Berlin oder München ähnliche Flussbad-Projekte seit Jahren diskutiert und teilweise realisiert werden, steht Stuttgart nun vor einer eigenen Entscheidung. Die 500.000 Euro an privaten Zusagen sind ein starkes Signal des Bürgerwillens. Ob dieser Wille ausreicht, um eine fast 50-jährige Rechtslage zu verändern, wird sich in den kommenden Monaten in den Büros des Gesundheitsamts und im Rathaus entscheiden. Für die Bürger bleibt vorerst die Hoffnung, dass der Dialog zwischen Verein und Stadt nicht in einem starren Nein, sondern in einer kreativen Lösung mündet – ob nun in Bad Cannstatt oder anderswo am Fluss.