Fans des VfB Stuttgart kennen dieses Gefühl nur zu gut. Die Saison läuft an. Große Hoffnungen werden geweckt. Doch dann, irgendwann zwischen Herbst und Frühjahr, passiert es wieder. Die Mannschaft beginnt zu hinken, den eigenen Ambitionen und den Erwartungen der Fans hinterher. Auch in dieser Spielzeit 2024/25 ist dieser vertraute, schmerzhafte Trend zurück. Während andere Vereine in der Bundesliga ihre Position festigen oder sogar über sich hinauswachsen, kämpft Stuttgart erneut damit, Kontinuität zu finden.
Die aktuellen Zahlen sprechen eine klare Sprache. Nach der Hälfte der Hinrunde steht der VfB auf einem Platz im Mittelfeld der Tabelle, weit entfernt von den europäischen Rängen, die das erklärtes Ziel zu Saisonbeginn waren. Besonders die Auswärtsbilanz bleibt ein dauerhaftes Problem. Die Defensive, im vergangenen Jahr noch eine Stärke, wirkt brüchig. Und die Torgefahr ist zu unberechenbar, um die oft gezeigten Schwächen hinten auszugleichen. Es sind Muster, die Stuttgarter Fußballfans über die Jahre leidvoll verinnerlicht haben.
Warum gelingt es diesem Verein so oft nicht, das vorhandene Potenzial auf den Platz zu bringen? Ein Blick in die jüngere Vereinsgeschichte gibt Hinweise. Stuttgart durchlebt seit Jahren eine Art Zyklus aus Aufbruch und Rückschlag. Einzelne starke Saisons, oft von einem charismatischen Trainer oder einer goldenen Generation junger Spieler getragen, werden regelmäßig abgelöst von Phasen der Orientierungslosigkeit. Nach dem überraschend starken Vorjahr, das mit dem Einzug in den Europapokal endete, ist die aktuelle Saison wieder ein typisches Beispiel für den folgenden Rückschritt. Die Abgänge von Schlüsselspielern wurden nur teilweise kompensiert. Neue Verpflichtungen benötigen Zeit, um einzuwachsen, die Zeit, die der angespannte Wettbewerb in der Bundesliga selten gewährt.
Sportvorstand Fabian Wohlgemuth äußerte sich kürzlich in einer Pressekonferenz deutlich zu dieser Situation. «Unsere Ansprüche sind klar definiert. Was wir momentan auf dem Platz zeigen, entspricht diesen Ansprüchen nicht», sagte er. «Die Fehler, die wir machen, sind oft individuelle Fehler, die aber aus einem kollektiven Unwohlsein in gewissen Spielsituationen entstehen. Da müssen wir ran, ganz klar.» Diese Worte unterstreichen die interne Diagnose: Es ist nicht nur die fehlende Qualität eines Einzelnen, sondern ein Mannschaftsproblem.
Gleichzeitig meldet sich auch die Gegenstimme aus der Kurve zu Wort. Ein langjähriger Mitgliedervertreter des Fanprojekts bringt die Frustration der Basis auf den Punkt. «Wir sehen ein Team, das manchmal 70 Minuten lang absoluten Top-Fußball zeigt. Und dann für 20 Minuten komplett abschaltet. Diese Unfähigkeit, Spiele über die volle Distanz zu kontrollieren und zu gewinnen, kostet uns wertvolle Punkte. Das ist psychologisch eine schwere Bürde für die Jungs auf dem Platz.» Seine Beobachtung trifft den Kern vieler verlorener Punkte in dieser Saison.
Der Vergleich mit anderen Bundesliga-Clubs fällt für Stuttgart derzeit schwer. Vereine wie der SC Freiburg oder die TSG Hoffenheim, oft in ähnlichen finanziellen Dimensionen unterwegs, scheinen stabiler in ihrer Leistungsentwicklung. Sie haben es geschafft, eine klare Spielidee über Jahre zu etablieren und unabhängig von personellen Wechseln zu leben. Stuttgart hingegen wirkt häufig wie ein Suchender. Die Spielphilosophie ändert sich mit dem Trainer. Der Kader wird zwischen teuren Einzeltransfer und der Förderung von Jugendspielern hin und her gerissen. Es fehlt an einem übergeordneten roten Faden.
Was bedeutet das nun für Sie als Fan? Zuerst einmal Frust. Die Enttäuschung ist berechtigt, wenn die Versprechungen zu Saisonbeginn nicht eingelöst werden. Doch es bedeutet auch, dass der Weg zurück nach vorne kein Geheimnis ist. Er ist mühsam und erfordert Geduld. Es geht um die konsequente Arbeit an den Basics:
- eine stabile Verteidigung als Fundament
- ein Mittelfeld, das den Ball sicher zirkulieren lässt
- Stürmer, die ihre Chancen kaltblütig verwerten
- mehr Mannschaftsgeist
- konsequentes Training auf dem Platz
- strategische Verstärkungen in der Winterpause
Sie als Anhänger haben aber auch eine Rolle. Die Atmosphäre im Mercedes-Benz Arena kann ein Turbo sein oder ein Bremsklotz. In schwierigen Phasen zeigt sich der wahre Charakter einer Fanbasis. Die Unterstützung muss sich jetzt auf das Wesentliche konzentrieren: auf den uneingeschränkten Rückhalt für die Mannschaft in den 90 Minuten, unabhängig vom Spielstand. Das schafft das nötige Sicherheitsnetz, in dem Spieler auch mal risikofreudig agieren können.
Die kommenden Wochen werden richtungsweisend sein. Die Winterpause bietet die letzte Chance, fundamentale Korrekturen vorzunehmen. Der Verein muss entscheiden, ob der aktuelle Trainerstab das Vertrauen für diesen Neustart besitzt. Eventuell sind auch gezielte Verstärkungen im Wintertransfermarkt nötig, um akute Schwachstellen zu stopfen. Für Sie als Zuschauer heißt es abwarten, ob die Verantwortlichen die richtigen Schlüsse aus der enttäuschenden Hinrunde ziehen.
| Aspekte | Beschreibung |
|---|---|
| Saisonstart | Große Hoffnungen aber viele Enttäuschungen |
| Auswärtsbilanz | Ein dauerhaftes Problem |
| Defensive | Früher eine Stärke, jetzt brüchig |
| Torgarantie | Zu unberechenbar |
| Fan-Stimmung | Wichtige Unterstützung in schwierigen Zeiten |
| Wettbewerb | Spannender und angespannter Kampf in der Bundesliga |
Letztlich ist Stuttgart ein Verein mit der DNA des unberechenbaren Underdogs. Das birgt die Chance auf berauschende Höhenflüge, aber eben auch das Risiko solcher Tiefphasen. Die aktuelle Krise ist keine Katastrophe, sondern eine schmerzhafte Erinnerung daran, dass nachhaltiger Erfolg in der Bundesliga ein langwieriger Bauprozess ist. Er braucht ein solides Fundament, kluge Architekten und vor allem eins: Zeit. Zeit, die in Stuttgart immer wieder knapp zu sein scheint. Die Frage ist, ob der Verein aus seinen eigenen, sich wiederholenden Fehlern lernen kann, oder ob der Zyklus aus Hoffnung und Ernüchterung sich weiter dreht. Die Antwort darauf gibt die Rückrunde.