Die Erinnerung hängt hier als stiller Schatten an der Wand. Eine Reihe ausdrucksstarker Schwarz-Weiß-Fotos zeigt lachende Gesichter, tanzende Körper, eine unendliche Menschenmenge unter einem Berliner Himmel. Es sind Bilder der legendären Loveparade, die einst die Welt nach Berlin zog. Davor steht Dr. Motte, mit bürgerlichem Namen Matthias Roeingh, und sein Blick ist schwer. „Ich fühle mich wirklich teilschuldig“, sagt der 66-jährige Gründer der Bewegung leise, während seine Gedanken zu dem Ort schweifen, an dem alles endete: Duisburg. Die Katastrophe von 2010, bei der 21 Menschen starben, ist ein Vermächtnis, das er und seine Mitstreiterin Ellen Dosch-Roeingh nun mittragen – und zugleich der Antrieb für einen bemerkenswerten Neuanfang mitten in unserer Stadt.
Am 15. August wird sich dieses Kapitel fortschreiben. Dann rollt zum fünften Mal die „Rave The Planet“-Parade über die Straße des 17. Juni, zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule. Zehntausende werden erwartet, um in der Tradition, aber mit einem neuen Ethos, zu feiern. Dieser Weg zurück ins Herz Berlins war alles andere als selbstverständlich. Eine neue ARD-Dokumentation mit dem Titel „Love is stronger. Von Loveparade zu Rave The Planet“, die ab dem 31. Juli in der Mediathek zu sehen ist, zeichnet diese emotionale und organisatorische Odyssee nach. Sie zeigt nicht nur die internen Diskussionen und behördlichen Hürden, sondern stellt die entscheidende Frage an unsere Gemeinschaft: Kann das kulturelle Erbe neu gedacht werden, ohne die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen? Ist dies eine politische Demonstration für Freiheit und Zusammenhalt oder nur eine weitere Großparty?
Von der Demo zum Großereignis – und der Tragödie
Um die Bedeutung von „Rave The Planet“ zu verstehen, muss man die Geschichte kennen, die tief in Berlins Stadtgesellschaft verwurzelt ist. 1989, in einem von Teilung und Aufbruch gezeichneten Berlin, rief Dr. Motte zusammen mit seiner damaligen Partnerin, der Künstlerin Danielle de Picciotto, die Loveparade als politische Demonstration ins Leben. Unter dem Motto „Friede, Freude, Eierkuchen“ zogen ein paar hundert Menschen über den Ku’damm. Sie feierten nicht nur die aufkeimende Techno-Kultur, sondern demonstrierten für Frieden, internationale Verständigung und Freizügigkeit. Die Parade war von Anfang an ein Statement der jungen, vereinten Stadt.
Doch der Erfolg wurde zum Fluch. Aus der Graswurzel-Demo wurde ein kommerzielles Mega-Event, das Hunderttausende aus aller Welt anzog. 2005 wurde die Marke verkauft, Dr. Motte zog sich zurück. Die Parade wanderte nach Nordrhein-Westfalen, wo sie 2010 in Duisburg in einer furchtbaren Katastrophe endete. Durch massives Gedränge in einem engen Tunnel starben 21 junge Menschen, Hunderte wurden verletzt. Die Bilder von Panik und Hilflosigkeit brannten sich ins deutsche Kollektivgedächtnis ein. Für Dr. Motte war dies ein zutiefst prägender Moment, der von einem Gefühl der Mitschuld begleitet wurde, wie er in der Doku offen zugibt. „Wir müssen das Erbe von 2010, von dem Unglück von Duisburg, leider mittragen“, ergänzt Ellen Dosch-Roeingh.
Der lange Weg zurück: „Nur mit mir“
Die Idee, eine Techno-Parade nach Berlin zurückzubringen, schwebte lange als fast unmöglicher Traum im Raum. Die rechtlichen Hürden waren enorm, das Trauma von Duisburg allgegenwärtig, und das Vertrauen der Behörden musste mühsam neu aufgebaut werden. Entscheidend für den Neustart war die Partnerschaft zwischen Dr. Motte und Ellen Dosch-Roeingh. Die Dokumentation gewährt hier intime Einblicke und zeigt, wie sehr das Projekt von starken Persönlichkeiten abhängt. „Ich hatte nicht dieses Ziel, diese Parade zu machen. Ich hatte dann aber so einen Mutti-Moment“, sagt Dosch-Roeingh mit Blick auf die anhaltende Belastung Motte durch die Duisburg-Tragödie. Ihre Bedingung war klar: „Das kannst Du gerne machen – aber nur mit mir.“
Gemeinsam gründeten sie die gemeinnützige Organisation „Rave The Planet“. Der Unterschied zum alten Modell ist fundamental. Es geht nicht um Kommerz, sondern um die Bewahrung und Weitergabe der Techno-Kultur als Kulturerbe. Die Parade ist offiziell als politische Demonstration angemeldet, mit dem Ziel, für Frieden, Toleranz und den Erhalt der Clubkultur einzutreten. Jeder Schritt der Planung wird von einem intensiven Dialog mit Polizei, Ordnungsamt und Sicherheitsbehörden begleitet. Transparenz und Sicherheit haben oberste Priorität, um die Fehler der Vergangenheit auszuschließen.
Ein Test für Berlins Gemeinschaftsgeist
Die Durchführung der Parade in diesem Jahr steht unter besonderen Vorzeichen. Nur drei Wochen vor dem Termin, am Rande des Berliner Christopher Street Days, tötete ein islamistisch motivierter Attentäter eine Frau und verletzte 31 Menschen schwer. Der Tatort liegt in unmittelbarer Nähe der geplanten Parade-Route. Die Frage, ob „Rave The Planet“ angesichts dieser Bedrohungslage stattfinden kann, beschäftigte die Organisatoren und die Stadt gleichermaßen.
„Wir haben uns viele Gedanken gemacht“, räumte Dr. Motte nach dem Anschlag ein. In enger Absprache mit dem Landeskriminalamt und der Berliner Polizei wurde jedoch entschieden, die Demonstration durchzuführen. Ellen Dosch-Roeingh betonte: Es gebe „aus behördlicher Sicht und aus unserer Sicht keinen Grund, diese Demonstration nicht durchzuführen.“ Diese Entscheidung ist mehr als nur logistisch. Sie ist ein Statement des Berliner Gemeinschaftswillens. Sie sagt: Wir lassen uns nicht von Angst regieren. Wir feiern unser friedliches Miteinander und unsere Freiheit gerade jetzt und besonders hier.
Die Polizei wird mit einem umfangreichen Sicherheitskonzept präsent sein, das auch die Erfahrungen aus der CSD-Sicherheitslage einbezieht. Für viele Berlinerinnen und Berliner ist die Parade damit auch ein Symbol der Resilienz – die Fähigkeit einer Stadtgemeinschaft, selbst in schwierigen Zeiten für ihre Werte und ihre Kultur einzustehen.
Was bedeutet „Rave The Planet“ für Berlin?
Die Rückkehr der Techno-Parade nach Berlin ist kein nostalgisches Retro-Event. „Rave The Planet“ versucht, den ursprünglichen Spirit der Loveparade – den Gedanken der friedlichen, verbindenden Demo – mit den harten Lektionen der Gegenwart zu vereinen. Die Dokumentation zeigt dies sehr klar: Es geht um Versöhnung mit der Vergangenheit und um Verantwortung für die Zukunft.
| Grundsätze der Parade | Bedeutung für Berlin |
|---|---|
| Kulturelle Verankerung | Techno ist nicht nur Party, sondern ein essentieller Teil der Berliner Identität und ein anerkanntes immaterielles Kulturerbe. Die Parade stärkt dieses Bewusstsein. |
| Gemeinschaftsbildung | Sie bringt Zehntausende unterschiedlichster Menschen zusammen – alte und junge, Berlin-Urgesteine und Zugezogene, Menschen aller Hintergründe. In einer oft gespaltenen Stadtgesellschaft ist dies ein kraftvolles Zeichen der Einheit. |
| Wirtschaftlicher Impuls | Die Parade bringt internationale Besucher*innen in die Stadt und belebt die lokale Wirtschaft, insbesondere die Clubszene und gastronomischen Betriebe. |
| Politische Signalwirkung | Als Demonstration setzt sie ein Zeichen für die Bedeutung freier Räume, für Toleranz und gegen Kommerzialisierung. |
Der Moment, als am 9. Juli 2022 nach einem Countdown endlich die Bässe auf dem Ku’damm wummerten und die erste „Rave The Planet“-Parade startete, war emotional aufgeladen. Ein sichtlich gerührter Dr. Motte rief der jubelnden Menge zu: „Endlich findet die Rave the Planet Parade in der Tradition der Loveparade in Berlin statt.“ Es war ein Moment der Heilung und der Hoffnung.
Am 15. August wird diese Hoffnung erneut auf die Straße getragen. Unter den wachsamen Augen der Geschichte und der Sicherheitsbehörden, aber mit dem ungebrochenen Willen, zu feiern, was diese Stadt ausmacht: Lebensfreude, Freiheit und der unbeirrbare Glaube, dass „Love is stronger“ – dass Liebe stärker ist. Die Dokumentation erinnert uns daran, welch langer und schwieriger Weg hinter diesem Satz steht. Die Parade zeigt, dass er es wert war, ihn zu gehen.