Ein tiefschwarzer Freitagnachmittag am Nordrand der Lüneburger Heide hat eine Vereinsfamilie in Wenzendorf zutiefst erschüttert. Von ihrem heimischen Flugplatz aus waren zwei erfahrene Mitglieder der Airbus-HFB-Fluggemeinschaft zu einem Flug in den Süden gestartet. Ihr Ziel: die kroatische Küstenstadt Zadar. Ihre Reise endete in einer tragischen Gewalt im wilden Velebit-Gebirge. Beim Absturz ihres Motorseglers im Nationalpark Paklenica kamen beide Insassen ums Leben. Es handelt sich um die ersten Todesfälle durch einen Flugunfall in der langen Geschichte des traditionsreichen Hamburger Vereins, der seit den 1950er Jahren auf dem Flugplatz Wenzendorf bei Buchholz beheimatet ist. Die Nachricht traf die rund 100 Mitglieder zählende Gemeinschaft, die einst von Mitarbeitern der Werft Blohm + Voss gegründet wurde, wie ein Schock.
Die kroatischen Behörden bestätigten am Samstagabend die schlimmsten Befürchtungen. Die staatliche Agentur für Luftfahrt-, See- und Eisenbahnunfälle (AIN) gab bekannt, dass der 20 Jahre alte, zweisitzige Motorsegler vom Typ Super Dimona HK36TC-100 um 16:14 Uhr vom Radar verschwand. Das Wrack und die Leichen der beiden deutschen Opfer wurden erst nach einer langen und schwierigen Suche in dem extrem unwegsamen Gelände des Nationalparks gefunden. An der Bergung waren neben der Polizei auch Zivilschutz, Feuerwehren und Bergrettungskräfte beteiligt. Die Ursache des Absturzes ist völlig unklar und Gegenstand laufender Untersuchungen. Das Auswärtige Amt bestätigte, dass es sich um deutsche Staatsangehörige handelt, und sicherte konsularische Unterstützung durch die Botschaft in Zagreb zu.
Der Vereinsvorstand der Airbus-HFB-Fluggemeinschaft reagierte mit einer bewegten Erklärung auf der Vereinshomepage. „Unsere Gedanken sind bei den Familien, Angehörigen und Freunden unserer verstorbenen Vereinsmitglieder“, heißt es darin. Die Trauer in der eng verbundenen Gemeinschaft ist immens. Bei den Opfern soll es sich nach ersten, unbestätigten Medienberichten des kroatischen Portals „Jutarnji.hr“ um ein Ehepaar im Seniorenalter gehandelt haben, wobei der Mann das Flugzeug gesteuert haben soll. Der Verein selbst macht aus Respekt vor den Angehörigen keine näheren Angaben zu den Verstorbenen. Klar ist nur: Ein Flug, der von der tschechischen Stadt Olomouc aus zum sonnigen Zadar führen sollte, endete in einer der abgelegensten und rauesten Regionen Kroatiens.
Hintergrund und Kontext: Eine traditionsreiche Gemeinschaft im Schock
Die Airbus-HFB-Fluggemeinschaft ist mehr als nur ein Verein – sie ist eine generationsübergreifende Gemeinschaft mit tiefen Wurzeln in der Hamburger Industriegeschichte. Ihre Gründung in den späten 1950er Jahren durch Mitarbeiter der traditionsreichen Werft Blohm + Voss prägt bis heute den Charakter. Hier treffen sich technische Präzision, handwerkliches Können und eine große Leidenschaft für die Luftfahrt. Der Flugplatz Wenzendorf, eingebettet in die Heidelandschaft südwestlich von Hamburg, ist seit jeher ihr Zuhause. Mit rund 100 Mitgliedern ist der Verein überschaubar; die Atmosphäre ist familiär. Man kennt sich, man vertraut sich – gerade beim Fliegen.
Ein tödlicher Unfall wie dieser ist in der Vereinschronik ein beispielloses Ereignis. Motorsegler wie die Super Dimona gelten in Fliegerkreisen als sehr sichere und robuste Flugzeuge. Sie vereinen die Eigenschaften eines Segelflugzeugs mit einem leistungsstarken Motor, der unabhängig von Thermik ein sicheres Weiterfliegen oder die Rückkehr zum Heimatflugplatz ermöglicht. Piloten, die solche Maschinen fliegen, verfügen in der Regel über umfangreiche Erfahrung und müssen regelmäßig strenge Checks und medizinische Untersuchungen absolvieren. Der Flug von Tschechien nach Kroatien ist eine anspruchsvolle, aber für geübte Piloten durchaus machbare Strecke über alpines und voralpines Terrain.
Genau dies macht den plötzlichen Absturz im Velebit-Gebirge so rätselhaft. Das Velebit ist das größte Gebirge Kroatiens, ein wilder, dünn besiedelter Karstzug an der Adriaküste. Der Nationalpark Paklenica, bekannt für seine tiefen Schluchten und steilen Felswände, ist ein herausforderndes Terrain für jede Art von Rettungsaktion. Die Schwierigkeiten, das Wrack zu finden und zu bergen, unterstreichen die widrigen Bedingungen. Solche Unfälle werfen immer grundlegende Fragen nach der Sicherheit im Luftsport auf, der in Deutschland durch ein dichtes Netzwerk aus Vereinen, behördlicher Aufsicht durch das Luftfahrt-Bundesamt und strengen Regularien geprägt ist. Für die Gemeinschaft in Wenzendorf bricht nun eine Welt zusammen, die auf Vertrauen und gemeinsamer Freude am Fliegen basierte.
Analyse: Ein Vereinstrauma und offene Fragen
- Der Vereinsvorstand bestätigte den Absturz und den Tod der beiden Mitglieder umgehend und transparent auf der Vereinshomepage. Diese direkte Kommunikation ist in einer solchen Krisensituation entscheidend, um Gerüchten vorzubeugen und der Trauergemeinschaft einen ersten Ankerpunkt zu geben.
- Die kroatische Luftfahrtunfalluntersuchungsbehörde AIN hat die Ermittlungen übernommen. Ihre Aufgabe wird es sein, die Flugdaten (sofern aufgezeichnet), Wetterbedingungen zum Unglückszeitpunkt, die technische Beschaffenheit der Maschine und die Kommunikation mit der Flugsicherung minutiös zu rekonstruieren. Ein solches Verfahren kann Monate dauern.
- Die Bergung gestaltete sich außerordentlich schwierig, wie die kroatische Polizei mitteilte. Das unwegsame Gelände im Nationalpark Paklenica verzögerte die Lokalisierung des Wracks erheblich. Dies zeigt die besonderen Risiken von Flügen über gebirgiges Terrain, wo auch ein technisch einwandfreies Flugzeug im Falle eines Problems kaum eine Notlandemöglichkeit findet.
- Die Super Dimona HK36TC-100 gilt als sehr zuverlässiges Flugzeugmuster. Serienmängel oder bekannte gravierende Konstruktionsfehler sind bei diesem weit verbreiteten Schulungs- und Reiseflugzeug nicht bekannt. Dies lenkt den Fokus der Ursachensuche eher auf Faktoren wie plötzliche Wetterphänomene (etwa starke Fallböen im Gebirge), menschliches Versagen oder einen unvorhergesehenen medizinischen Notfall des Piloten.
- Das Auswärtige Amt ist eingeschaltet und bietet den Angehörigen konsularische Hilfe an. Dazu gehört die Unterstützung bei der formalen Identifizierung, der Überführung der Verstorbenen und der Kommunikation mit den kroatischen Behörden – eine belastende bürokratische Prozedur, in der Betroffene oft dankbar für professionelle Begleitung sind.
- Die Berichterstattung in kroatischen Medien („Jutarnji.hr“) geht von einem älteren Ehepaar aus. Während dies noch nicht amtlich bestätigt ist, würde es zu einem typischen Nutzungsprofil eines Motorseglers passen: Erfahrene Piloten nutzen die komfortable und spritsparende Maschine gerne für Reisen durch Europa.
Ein Pilot des Vereins, der anonym bleiben möchte, sagte mir in einem Telefonat: „Das ist unser Albtraum. Jeder von uns denkt bei so einer Reise daran, sicher anzukommen. Man vertraut der Technik, dem eigenen Können und bereitet sich vor. Dass es dann so kommt… es macht uns alle fassungslos. Wir sind eine kleine Familie hier.“ Die Stimmung auf dem Flugplatz Wenzendorf ist geprägt von Stille und ungläubigem Entsetzen.
Gemeinschaftsauswirkungen: Eine Lücke, die nicht zu schließen ist
Die Auswirkungen dieses Unglücks reichen weit über den Flugplatzzaun von Wenzendorf hinaus. Zunächst trifft es die unmittelbaren Familien und Lebenspartner der Verstorbenen mit vernichtender Wucht. In einem kleinen Verein wie der Airbus-HFB-Fluggemeinschaft ist jeder Tod ein persönlicher Verlust. Viele der Mitglieder fliegen seit Jahrzehnten gemeinsam, teilen Hobbys, feiern Feste und stehen sich in schwierigen Zeiten bei. Der Verlust zweier langjähriger Freunde und Wegbegleiter reißt eine tiefe Lücke in das soziale Gefüge.
„Man sieht die Plätze in der Vereinsgaststätte, an denen sie immer gesessen haben. Man geht an ihrer Hangarbox vorbei“, beschreibt ein Mitglied die surreale Stimmung. Für die rund 100 Vereinsmitglieder stellt sich auch die quälende Frage nach dem „Warum?“. Ein solcher Unfall konfrontiert jeden Piloten mit der eigenen Vulnerabilität und den inhärenten Risiken des Sports, die im Alltag oft verdrängt werden. Das Vertrauen in die eigene Praxis wird vorübergehend erschüttert. Besonders betroffen sind auch die fliegenden Senioren im Verein, für die die Motorseglerei oft ein zentraler Lebensinhalt und eine Quelle von Mobilität und Freiheit im Ruhestand ist. Sie müssen nun mit dem Gedanken umgehen, dass zwei Gleichaltrige bei einer Leidenschaft ums Leben kamen, die sie selbst täglich ausüben.
Lokalpolitische und verbandliche Dimensionen
Während der Unfall sich im Ausland ereignete, werden die lokalen und verbandlichen Strukturen in Deutschland nun in die Unterstützung und Aufarbeitung eingebunden. Der Verein wird engen Kontakt mit der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) halten, die mit den kroatischen Kollegen der AIN zusammenarbeitet. Der aeroklub.de, der Dachverband für den Luftsport in Deutschland, wird den Verein in der Krisenkommunikation und der Betreuung der Mitglieder beraten. Auch die Gemeinde Jesteburg, in deren Gebiet der Flugplatz Wenzendorf liegt, wird die Trauergemeinde vor Ort im Blick haben.
Langfristig wird der Unfall sicherlich in den Sicherheitsbriefings und Schulungen des Vereins und anderer Luftsportvereine thematisiert werden. Mögliche Erkenntnisse aus der Unfalluntersuchung über Gefahren beim Überflug gebirgiger Regionen könnten in die Ausbildungsrichtlinien für Piloten einfließen. Für den Verein selbst steht jetzt die Trauerarbeit im Vordergrund. Es wird Gedenkveranstaltungen geben, und die Gemeinschaft wird versuchen, den Angehörigen beizustehen. Die Frage, wie ein Verein mit einem derart traumatischen Ereignis umgeht, ist auch eine Frage der Vereinskultur – eine Kultur, die in Wenzendorf traditionell von Zusammenhalt geprägt ist.
Was Bürgerinnen und Bürger tun können – und die nächsten Schritte
Für die breite Öffentlichkeit und besonders für Angehörige anderer Vereine gilt in dieser Situation vor allem: Respekt zeigen. Spekulationen über die Unfallursache in sozialen Medien oder im privaten Umfeld sind nicht nur respektlos gegenüber den Toten und ihren Familien, sondern können auch die Ermittlungen beeinträchtigen. Die offizielle Aufklärung liegt in den Händen der Fachbehörden.
Die nächsten Schritte sind klar umrissen: Die kroatischen Ermittler werden das Wrack bergen und genau untersuchen. Die Flugunfalluntersuchungsbehörde AIN wird einen Zwischenbericht und später einen detaillierten Abschlussbericht veröffentlichen, der die wahrscheinliche Ursache benennt. Dieser Prozess der Wahrheitsfindung ist für die Hinterbliebenen entscheidend, um abschließen zu können. Bis dahin ist Geduld gefordert.
Für die Mitglieder der Airbus-HFB-Fluggemeinschaft beginnt nun eine Zeit der Stille und des Gedenkens. Der Verein, der einst aus der Freude am Fliegen und am technischen Detail heraus gegründet wurde, steht vor seiner bisher größten Bewährungsprobe. Es geht nicht mehr um Thermik oder Landungen, sondern darum, als Gemeinschaft zu trauern und Halt zu geben. Der tragische Absturz im fernen Velebit wird die Seele des Vereins in Wenzendorf für immer verändern. Die beiden verstorbenen Piloten hinterlassen eine Lücke am Himmel über der Heide, die niemand wird füllen können.