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Nachrichten Lokal > Nachrichten > Berlin > Vermisstenfall Sandra Wißmann: BKA rollt Berliner Fall neu auf
Berlin

Vermisstenfall Sandra Wißmann: BKA rollt Berliner Fall neu auf

Julia Becker
Zuletzt aktualisiert: August 19, 2026 7:59 p.m.
Julia Becker
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Sandra Wißmann: BKA rollt verschwundenen Mädchen-Fall aus Berlin-Kreuzberg nach 26 Jahren neu auf

Sandra Wißmann: BKA rollt verschwundenen Mädchen-Fall aus Berlin-Kreuzberg nach 26 Jahren neu auf

Berlin. Seit dem 28. November 2000, einem kalten Spätherbstnachmittag in Kreuzberg, fehlt jedes Lebenszeichen von Sandra Wißmann. Die damals Zwölfjährige war auf dem Weg zu einem kurzen Einkauf verschwunden. Ein einziger beunruhigender Hinweis auf einen unbekannten Mann blieb. Jetzt, nach über zwei Jahrzehnten, nimmt das Bundeskriminalamt (BKA) in enger Abstimmung mit dem Landeskriminalamt Berlin die Ermittlungen mit neuem Fokus und modernsten Methoden wieder auf. Der Fall, der eine Familie zerriss und eine ganze Nachbarschaft in Atem hielt, ist keineswegs kalt.

An jenem Dienstagnachmittag wollte Sandra ein Geschenk für ihre Mutter besorgen. Ihr Ziel war das Kaufhaus am Hermannplatz, nur etwa einen Kilometer von ihrem Zuhause in der Böckhstraße entfernt. Es war eine vertraute Strecke für das Mädchen. Die Abmachung mit den Eltern war klar: Sie sollte spätestens um 16 Uhr zurück sein. Sandra wurde tatsächlich im Kaufhaus gesehen. Doch danach verliert sich ihre Spur in den beginnenden Abendstunden des Berliner Wintereinbruchs.

Zwischen 16:30 und 17 Uhr beobachteten Klassenkameradinnen Sandra auf dem Kottbusser Damm. Auffällig und bis heute rätselhaft: Sie ging offenbar an ihrer eigenen Wohnstraße vorbei und bewegte sich weiter Richtung Planufer und Admiralbrücke. Wollte sie dort, vielleicht in einem der kleinen Geschäfte, noch ein anderes oder besonderes Geschenk finden? Diese letzten gesicherten Minuten sind der Ausgangspunkt aller Ermittlungen.

Fast zur gleichen Zeit, am selben Tag und in derselben Gegend, meldete ein weiteres Mädchen der Polizei eine verstörende Begegnung. Ein ihr unbekannter Mann, Ende 30, etwa 1,60 Meter groß und kräftig gebaut, hatte sie nahe des Kottbusser Damms angesprochen. Sein Auftrag klang harmlos, war aber höchst ungewöhnlich: Er bat das Kind, ihm bei angeblichen Renovierungsarbeiten eine Wasserwaage zu halten. Das Mädchen lehnte glücklicherweise ab und informierte die Polizei. Die entscheidende, quälende Frage, die seit 26 Jahren im Raum steht: Hat derselbe Fremde auch Sandra Wißmann angesprochen? War er vielleicht sogar der letzte Mensch, der sie lebend gesehen hat?

Der damalige Ermittlungsdruck war immens. Große Suchaktionen durchkämmten die Kreuzberger Kieze, die anliegenden Uferbereiche der Spree und die Grünanlagen. Zehntausende Flugblätter wurden verteilt, die Medien berichteten intensiv. Doch weder Sandras Körper noch ihre Kleidung – eine schwarze Jeans, ein dunkel gemusterter Pullover, eine blaue Winterjacke und schwarze Stiefel mit Fellbesatz – wurden je gefunden. Auch die vermutete Karstadt-Plastiktüte blieb verschwunden. Die Beschreibung des unbekannten Mannes – kurze dunkle Haare, dunkle Stimme, ungepflegtes Erscheinungsbild, Jeans und braune Lederjacke – führte zu keiner Identifizierung. Der Fall sank, wie so viele andere, in die Aktenberge ab, gelegentlich von verzweifelten Appeln der Familie oder Jubiläumsberichterstattung kurz ans Licht gezerrt.

Was ändert sich heute? Die Kriminaltechnik hat in 26 Jahren gewaltige Fortschritte gemacht. DNA-Analysen sind ungleich sensitiver, digitale Spuren können heute aus Daten ausgelesen werden, die damals unzugänglich waren. Die Ermittler des BKA und LKA prüfen nun die gesamte Akte neu, ob vielleicht ein Detail, eine Zeugenaussage oder ein materieller Beweis mit heutigen Methoden einen anderen Stellenwert bekommt. Zentral bleibt dabei die Figur des unbekannten Mannes. War er ein Einzeltäter, der zufällig Gelegenheit suchte? Oder steckte ein planvolleres Vorgehen dahinter? Die Ermittler wollen prüfen, ob es in Berlin-Kreuzberg oder anderen Stadtteilen in jener Zeit ähnliche Vorfälle gab, bei denen Kinder angesprochen wurden, vielleicht mit ähnlich getarnten Bitten um Hilfe.

Für die Familie, Freunde und die Nachbarschaft in Kreuzberg ist das Wiederaufrollen des Falls eine schmerzhafte Wiedereröffnung einer nie verheilten Wunde. Zugleich ist es ein neuer, vielleicht letzter Funken Hoffnung. Für Sandras Eltern und ihre Schwester waren die vergangenen 26 Jahre ein Albtraum aus Ungewissheit. Jedes Geräusch an der Tür, jeder Anruf aus unbekannter Nummer könnte eine Nachricht bringen – oder eben nicht. Dieses Leben in der Schwebe ist eine besondere Qual.

Die Berliner Polizei und das BKA appellieren nun erneut und mit Nachdruck an die Öffentlichkeit. Gerade in einem dicht besiedelten, urbanen Kiez wie Kreuzberg, wo Menschen auf engem Raum leben, bleiben Beobachtungen oft im Gedächtnis. Vielleicht hat jemand den Mann damals gesehen, ohne den Vorfall mit Sandras Verschwinden zu verbinden. Vielleicht hat sich jemandem etwas anvertraut oder auffälliges Interesse am Fall gezeigt. Auch heute, nach so langer Zeit, kann eine scheinbar unbedeutende Erinnerung der Schlüssel sein.

Die Ermittler suchen konkret nach Antworten auf folgende Fragen:

  • Wer hat Sandra Wißmann am 28. November 2000 nach 17 Uhr vielleicht doch noch gesehen?
  • Gab es in den Wochen oder Monaten um den November 2000 herum in Berlin weitere Fälle, in denen Kinder unter einem Vorwand angesprochen wurden?
  • Wer kann den unbekannten Mann mit der Wasserwaage identifizieren?
  • Hat sich jemand im persönlichen Umfeld des möglichen Täters später auffällig verhalten?
  • Wer hat vielleicht in der Nähe des Kottbusser Damms oder des Planufers etwas Verdächtiges beobachtet?
  • Gibt es möglicherweise wichtige Informationen zu Sandras verschwinden, die noch nicht mitgeteilt wurden?

Für sachdienliche Hinweise, die zur Aufklärung führen, ist nach wie vor eine Belohnung von 5.000 Euro ausgesetzt. Zuständig ist das Landeskriminalamt Berlin. Ab dem 20. August ist die Ermittlungsgruppe unter der Telefonnummer 030 / 4664 0 zu erreichen. Zuvor ist der Kontakt über 030 / 4664 911 555 möglich.

Die Wiederaufnahme des Falles Sandra Wißmann ist mehr als eine routinemäßige Aktenprüfung. Sie ist ein Statement, dass ungelöste Fälle nicht vergessen sind. In den Straßen Kreuzbergs, zwischen Hermannplatz und Admiralbrücke, wo sich das Leben so unverändert pulsierend anfühlt, bleibt die Erinnerung an das zwölfjährige Mädchen, das an einem Novembertag einfach wegblieb. Die Hoffnung der Ermittler und der Familie ist nun, dass diese Erinnerung bei jemandem ein konkretes Bild auslöst – ein Bild, das nach 26 Jahren endlich eine Antwort geben könnte.


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VonJulia Becker
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Julia ist eine engagierte Reporterin für den Süden Deutschlands mit Schwerpunkt auf München und Stuttgart. Sie schreibt über lokale Kulturveranstaltungen, das wirtschaftliche Stadtleben und Geschichten von Menschen, die ihre Region prägen. Ihre Beiträge zeichnen sich durch Nähe, Empathie und starke persönliche Perspektiven aus.
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