Es ist wieder so eine Zeit im Münchner Sommer. Die Sonne scheint, die Biergärten sind voll, und auf jedem Kuchenteller im Freien scheint sich ein kleiner, schwarz-gelber Gast einzufinden. Wer in diesen Tagen draußen isst oder trinkt, teilt seine Mahlzeit fast zwangsläufig mit Wespen. Viele Münchnerinnen und Münchner haben den Eindruck: In diesem Jahr sind es besonders viele, und sie sind besonders aufdringlich. Das ist kein subjektives Gefühl, bestätigen Fachleute. Eine Kombination aus Wetter und ökologischen Faktoren hat 2024 zu einer auffällig starken Wespenaktivität in der Stadt geführt.
„Der milde Winter und das warme, trockene Frühjahr waren ideale Startbedingungen für die Wespenköniginnen“, erklärt Julia Schmack, die sich als Ökologin intensiv mit Hautflüglern beschäftigt. „Sie sind gut durch den Winter gekommen und konnten früh mit dem Nestbau beginnen.“ In einem normalen Jahr erfrieren oder verhungern viele Königinnen in der kalten Jahreszeit. Diesmal nicht. Die Folge: Mehr Königinnen gründeten mehr Völker, und diese entwickelten sich aufgrund der anhaltend guten Witterung schneller und besser. Während wir im Hochsommer angelangt sind, haben die Völker ihre maximale Größe erreicht. Hunderte von Arbeiterinnen sind nun unterwegs, um den enormen Proteinbedarf der heranwachsenden Larven im Nest und den eigenen Zuckerhunger zu stillen. Genau das bringt sie in Konflikt mit uns Menschen.
Wespen sind keine willkürlichen Plagegeister, sondern hochspezialisierte Jäger mit ausgezeichneten Sinnen. „Wespen sehen und riechen enorm gut“, sagt Julia Schmack. „Deswegen sind sie meist schnell da, wenn es etwas Süßes gibt.“ Der Duft von Grillfleisch, reifem Obst auf dem Markt oder eben der süße Geruch von Limonade und Kuchen wirkt wie ein gezieltes Signal. Für die Insekten sind wir eine äußerst effiziente Futterquelle. Das Verhalten, das wir als aufdringlich empfinden – das direkte Anfliegen von Tellern und Gläsern – ist aus ihrer Perspektive einfach nur zielgerichtete Futtersuche.
Doch wie geht man nun am besten mit den ungebetenen Tischgästen um? Hektisches Wedeln oder Schlagen ist der schlechteste Weg. „Das macht die Tiere aggressiv und erhöht das Risiko, gestochen zu werden“, warnt Schmack. Wespen können Bedrohungen wittern und interpretieren schnelle Bewegungen als Angriff. Die Expertin rät zu einer einfachen, aber wirksamen Methode: „Am besten ist es, man schiebt die Wespe vorsichtig zur Seite.“ Ein festes Stück Papier oder eine Postkarte eignet sich gut, um das Tier behutsam vom Teller weg und in eine andere Richtung zu lenken. Wespen sind in der Regel nicht darauf aus, zu stechen; ihr Stachel ist ein reines Verteidigungsinstrument, das sie vor allem zum Erbeuten von Insekten für ihre Larven einsetzen.
Eine weitere wirksame Strategie ist Ablenkfütterung. Stellen Sie in einigen Metern Entfernung von Ihrem Sitzplatz eine kleine Schale mit überreifen Weintrauben oder etwas Marmelade auf. Die Wespen werden sich dankbar auf diese leicht zugängliche Quelle stürzen und Ihren eigenen Tisch in Ruhe lassen. Wichtig ist auch, Speisen und süße Getränke abzudecken und Kindern nach dem Essen Mund und Hände abzuwischen. Getränkedosen und Flaschen im Freien sollte man stets verschlossen halten oder vor dem Trinken einen Blick hineinwerfen, um unerwartete Mittrinker auszuschließen.
- Ruhe bewahren
- Kühlen Kopf behalten
- Wespe mit Papier wegschieben
- Schale mit Obst als Ablenkung anbieten
- Speisen abdecken
- Getränke verschlossen halten
| Aspekt | Details |
|---|---|
| Einfluss des Wetters | Milder Winter und warmes Frühjahr |
| Wespenpopulation | Mehr Königinnen und Völker |
| Futterquellen | Grillfleisch, Obst, Süßigkeiten |
| Wespenverhalten | Zielgerichtete Futtersuche |
| Strategien | Ablenkfütterung, ruhiger Umgang |
| Ökologische Rolle | Natürliche Schädlingsbekämpfer |
Trotz aller Lästigkeit: Das schlechte Image der Wespe ist laut Julia Schmack ungerechtfertigt. „Wespen sind enorm wichtige Regulatoren im Ökosystem.” Ein einziges Volk vertilgt pro Tag bis zu einem halben Kilogramm Insekten – darunter Fliegen, Mücken, Blattläuse und Raupen, die sonst unsere Pflanzen belasten oder als Krankheitsüberträger auftreten könnten. Sie sind also natürliche Schädlingsbekämpfer und halten das ökologische Gleichgewicht in unseren Gärten und Parks im Lot. Zudem dienen sie selbst als Nahrung für Vögel wie den Wespenbussard. Ihre Rolle im Netz des Lebens ist unverzichtbar.
Für Münchner Haushalte mit einem Wespennest am oder im Haus gilt: Ruhe bewahren. Bis zum Herbst ist das Volk ohnehin wieder verschwunden; nur die jungen Königinnen überwintern, alle anderen Tiere sterben. Das verlassene Nest wird nicht wiederbesiedelt und kann im Winter problemlos entfernt werden. Ein aktives Nest sollte nur dann von einem Fachmann umgesiedelt werden, wenn es eine unmittelbare Gefahr darstellt – etwa in unmittelbarer Nähe von Kinderzimmern oder bei Allergikern in der Familie. Das grundlose Töten eines Volkes ist aus ökologischer Sicht nicht vertretbar und in vielen Fällen auch nicht nötig.
Der aktuelle Wespenreichtum in München ist also letztlich ein Zeichen für ein funktionierendes, wenn auch für uns manchmal nervenaufreibendes Stadtecosystem. Mit ein wenig Geduld und den richtigen Tricks lässt sich der Sommergenuss im Freien trotzdem bewahren. Indem wir die Tiere nicht als feindliche Invasoren, sondern als Teil unserer städtischen Natur begreifen, die gerade nur besonders erfolgreich ist, fällt der Umgang mit ihnen vielleicht schon etwas leichter. Ein ruhiges Wegschieben ist allemal besser als ein Kampf, den wir am Ende doch nicht gewinnen können – und der der Natur um uns herum schaden würde.