Vor einer Woche lehnte ein Pariser Gericht zum zweiten Mal den Antrag ihrer Anwälte ab. Xenia Fjordorowa, die ehemalige Frankreich-Chefin des russischen Staatssenders RT, darf nicht zurück in ihre Wohnung mit Blick auf den Eiffelturm. „Ich werde erst wiederkommen, wenn alle mich treffenden Maßnahmen aufgehoben oder annulliert sind“, schrieb die 45-jährige Russin auf X. Frankreichs Außenminister Jean-Noël Barrot nennt sie schlicht eine „professionelle Agentin“, die vom Kreml gesteuerte Destabilisierung leitete. Doch während Frankreich sie ausweist, richtet sich ihr Blick nach Deutschland. Genauer gesagt, nach Berlin-Mitte. Dort, an der Friedrichstraße, steht das Russische Haus für Wissenschaft und Kultur. Und auf den Direktorenposten dieser umstrittenen Einrichtung hat sich Fjordorowa beworben – trotz eines seit 2024 gegen sie verhängten deutschen Einreiseverbots.
Diese Bewerbung ist mehr als nur ein persönlicher Karriereschachzug. Sie ist ein Testfall. Ein Test dafür, wie wachsam deutsche Behörden gegenüber hybrider Einflussnahme sind, wie durchlässig die Verteidigungslinien unserer demokratischen Institutionen noch sind und welchen Platz Einrichtungen wie das Russische Haus in einer Stadt wie Berlin nach über zwei Jahren brutalen Angriffskriegs gegen die Ukraine noch haben sollen. Für uns Berliner ist es keine abstrakte diplomatische Affäre, sondern eine sehr konkrete Frage der städtischen Sicherheit und der politischen Hygiene in unserer Mitte.
Von der Spree an die Seine – und zurück?
Die Spur dieser Frau führt direkt durch Berlin. Bevor sie 2017 nach Paris aufbrach, um RT France aufzubauen, lebte und arbeitete Fjordorowa hier. An der Spree war sie für die russische Medienagentur Ruptly tätig, eine RT-Tochter, die als globaler Nachrichten- und Stockvideovermarkter auftritt. In dieser Zeit, so legen es Erkenntnisse deutscher Sicherheitsbehörden nahe, begannen ihre Versuche, Kremlpropaganda in Deutschland zu verbreiten. Der Master, den ihr RT an der Berlin School of Creative Leadership finanzierte, war die Vorbereitung für ihre spätere Rolle als Frankreich-Chefin.
Ihr Ruf eilte ihr voraus. Als der frisch gewählte Emmanuel Macron im Mai 2017 Wladimir Putin im Schloss von Versailles empfing, stellte die schmale Frau mit dem blassen Teint eine provokative Frage. Sie beschwerte sich, dass Macrons Team RT nicht akkreditiert hatte. Macrons Antwort ist legendär: Er habe ein vorbildliches Verhältnis zu ausländischen Journalisten, „vorausgesetzt natürlich, es handelt sich um echte Journalisten“. RT und Sputnik, so der Präsident vor den versammelten Kameras, hätten sich „wie Instrumente der Einflussnahme und der Lügenpropaganda verhalten“. Fjordorowa versucht heute, ihre Ausweisung als Folge dieser persönlichen Fehde mit Macron darzustellen. Die europäischen Sanktionen gegen RT nach dem Überfall auf die Ukraine erwähnt sie in dieser Erzählung nicht.
Ihre Methoden in Frankreich waren subtil und effektiv. Nach der Schließung von RT France im Januar 2023 fand sie schnell eine neue Bühne: das Medienimperium des bretonischen Milliardärs Vincent Bolloré. In dessen Fernsehsender CNews und Radiosender Europe 1 verdrehte sie mit warmer, überzeugender Stimme die Tatsachen. Der Angriff auf das Kiewer Höhlenkloster? Das Ergebnis einer fehlgeleiteten ukrainischen Patriot-Rakete. Die Verschleppung ukrainischer Kinder? Eine Rettungsaktion vor dem Krieg. In Paris kursiert mittlerweile eine Art Kalender, der ihre Medienaussagen den offiziellen Kremlverlautbarungen gegenüberstellt. Der Unterschied liegt oft nur in der Wortwahl.
Doch ihr Engagement ging über das Studio hinaus. Im Mai nahm sie in Paris an der Gründungssitzung des „Institut de l’Espérance“ (Institut der Hoffnung) teil, das den Ausgang der französischen Präsidentschaftswahlen 2027 „im christlichen Sinne“ beeinflussen will. Unter dem Vorsitz Bollorés saßen dort Kader des rechtspopulistischen Rassemblement National, eine Ministerin der Konservativen, ein Erzbischof – und Xenia Fjordorowa. Dieses Bild zeigt das ganze Ausmaß der Vernetzung: Es geht nicht nur um Medien, sondern um die gezielte Unterwanderung und Beeinflussung des politisch-gesellschaftlichen Diskurses in seinem Kern.
Das Russische Haus: Kulturzentrum oder Trojanisches Pferd?
Hier kommt das Russische Haus in Berlin ins Spiel. In dem französischen Ausweisungsbescheid gegen Fjordorowa wird es explizit genannt und als „Tarnung für russische Geheimdienste“ bezeichnet. Diese Einrichtung, die offiziell dem russischen Außenministerium untersteht und kulturellen Austausch fördern soll, steht seit Jahren im Fokus von Verfassungsschutz und Politik. Der bisherige Direktor, Pawel Iswolskij, ist im Frühjahr überraschend nach Russland zurückgekehrt, mutmaßlich weil sein Diplomatenvisum nicht verlängert wurde. Die Stelle ist seitdem vakant.
Die Bewerbung Fjordorowas ist aus mehreren Gründen alarmierend. Erstens: Einem Menschen, dem zwei europäische Staaten – Frankreich und Deutschland – aktiv schädliches, destabilisierendes Handeln nachweisen und die Einreise verbieten, soll die Leitung einer offiziellen russischen Kultureinrichtung in der deutschen Hauptstadt übertragen werden? Das wäre ein groteskes Signal. Zweitens: Es geht vermutlich um Immunität. Eine Diplomatenstellung könnte sie vor weiteren Maßnahmen schützen und ihr Bewegungsfreiheit in der EU zurückgeben. Drittens: Sie wäre mit ihrer Erfahrung aus Frankreich die perfekte Kandidatin, um von Berlin aus prorussische Narrative im deutschsprachigen Raum zu koordinieren und zu professionalisieren. Viertens: Eine Übermittlung von Informationen könnte unter dem Deckmantel des künstlerischen und kulturellen Austauschs stattfinden. Fünftens: Sie könnte ein Netzwerk neuer Verbündeter gewinnen. Sechstens: Das Russische Haus könnte als Drehscheibe für die Verbreitung von Desinformation fungieren.
Berlin ist hier in einer besonderen Verantwortung. Unsere Stadt ist traditionell ein Knotenpunkt für internationalen Austausch, aber auch ein sensibles Ziel für hybride Bedrohungen. Die russische Botschaft am Tiergarten ist bereits ein riesiger Komplex. Das Russische Haus, nur wenige U-Bahn-Stationen entfernt, fungiert als kulturelle und vermeintlich zivile Ergänzung. Doch was geschieht in seinen Räumen? Wer nimmt an den Sprachkursen, Filmabenden und Diskussionsrunden teil? Wie werden Kontakte geknüpft und welche Informationen fließen? Diese Fragen sind nicht paranoid, sondern notwendig, seit der Krieg jeden Tag zeigt, wie Russland Informationskrieg und kulturelle Diplomatie als Waffen einsetzt.
Eine Herausforderung für die Berliner Politik und Sicherheitsbehörden
Die deutschen Behörden haben reagiert, doch der Fall liegt noch auf dem Tisch. Das Einreiseverbot von 2024 gilt. Ein reger Informationsaustausch zwischen Berlin und Paris findet statt. Der französische Ausweisungsbescheid stützt sich ausdrücklich auch auf Erkenntnisse deutscher Sicherheitsbehörden, die Fjordorowas „Verbreitung von Desinformation und Destabilisierung mit dem Ziel, die öffentliche Meinung zu manipulieren und das Vertrauen der europäischen Bürger in ihre Institutionen zu untergraben“, festgestellt haben.
Nun ist die Berliner Politik gefragt. Der Bund hat die Hoheit über Aufenthalts- und Einreiseverbote, aber die Stadt trägt die unmittelbaren Konsequenzen. Der Senat, insbesondere die für Inneres und Sicherheit zuständige Senatorin, muss klar Stellung beziehen und auf eine entschiedene Ablehnung dieser Bewerbung durch die Bundesregierung hinwirken. Es darf hier kein falsches Verständnis von Dialog oder „Brückenbauen“ geben. Dialog setzt zwei ehrliche Partner voraus. Russland führt unter Putin einen Vernichtungskrieg gegen einen europäischen Nachbarn und bekämpft aktiv die demokratischen Grundordnungen in Ländern wie Deutschland und Frankreich.
Auch der Bundestag, mit vielen Abgeordneten aus Berlin, sollte den Fall auf die Agenda bringen. Es geht um mehr als eine Personalie. Es geht um die Frage, ob Einrichtungen, die nachweislich als Vehikel für Desinformation und Einflussnahme genutzt werden, weiterhin unter diplomatischem Schutz operieren dürfen. Sollte das Russische Haus nicht vielmehr vollständig geschlossen werden, bis Russland wieder ein verlässlicher Partner internationalen Rechts ist?
Was Berliner Bürger tun können – und warum Wachsamkeit zählt
Für uns Anwohner ist der Fall Fjordorowa eine eindringliche Erinnerung daran, dass Bedrohungen für unsere Demokratie nicht immer laut und martialisch daherkommen. Sie kommen mit warmer Stimme aus dem Radio, erscheinen als eloquente Diskussionsteilnehmerin auf Podien oder als Bewerberin für einen Kulturposten. Ihre Waffen sind Halbwahrheiten, gefühlte Narrative und die gezielte Spaltung unserer Gesellschaft.
Bürger sollten wachsam bleiben. Das bedeutet nicht, jeden Russischkurs oder jedes Kulturangebot zu verdächtigen. Es bedeutet, kritisch zu hinterfragen: Wer spricht da? Welche Botschaft wird vermittelt? Werden historische Fakten verdreht oder Kriegsverbrechen relativiert? Diese kritische Haltung ist kein „Russland-Bashing“, sondern demokratische Grundhygiene.
Wer konkrete Verdachtsmomente hat – etwa zu Aktivitäten im oder um das Russische Haus – kann diese dem Landesamt für Verfassungsschutz Berlin melden. Information und Sensibilisierung sind key. Lokale Medien, Vereine und Bildungsinstitutionen sollten das Thema hybride Bedrohungen und Desinformation immer wieder aufgreifen und entzaubern.
Die Bewerbung Xenia Fjordorowas wird wahrscheinlich scheitern. Dafür sorgen hoffentlich die vorhandenen Verbote und der politische Wille. Aber ihr Fall ist symptomatisch. Er zeigt, wie flexibel und hartnäckig die Netzwerke des Kreml operieren. Wenn eine Tür in Frankreich zuschlägt, wird sofort nach einer neuen in Deutschland gesucht. Berlin muss diese Tür fest verschlossen halten. Unsere Stadt hat eine historische Verantwortung für Freiheit und Demokratie. Sie darf niemals zur Drehscheibe für jene werden, die genau diese Werte mit subtilen Mitteln zerstören wollen. Die Verteidigung beginnt nicht an der Grenze, sondern hier, vor unserer Haustür, an der Friedrichstraße.