Essen. Hans-Werner Reck blickt aus seinem Küchenfenster in den Garten, ein Stück grünes Idyll im Essener Norden. Doch seit vergangener Woche hat sich der Blick verändert. Wo früher ein offener Durchgang zu einem kleinen Wäldchen war, steht jetzt ein 1,80 Meter hoher Metallzaun. „Das kam von jetzt auf gleich“, sagt der 72-Jährige, der seit über vier Jahrzehnten in seinem Haus an der Germaniastraße in Borbeck lebt. „Ein Bautrupp ist angerückt, hat Löcher gebohrt und den Zaun aufgestellt. Kein Wort der Erklärung, kein Zettel am Baum, nichts.“ Seine Verärgerung ist greifbar, und sie teilt sich mit der einiger Nachbarn. Warum errichtet die Stadt mitten in einem Wohngebiet plötzlich einen Zaun, der einen bisher frei zugänglichen Grünstreifen abtrennt?
Die Antwort darauf führt mitten hinein in die komplexe Maschinerie der Stadtentwicklung und wirft grundsätzliche Fragen auf: Wer entscheidet über das Aussehen von Nachbarschaften? Wann dient ein Zaun der Sicherheit und wann schafft er nur neue Barrieren? Und wie kommuniziert die Verwaltung solche Maßnahmen mit den Menschen, die es am unmittelbarsten betrifft?
Hintergrund: Ein Zaun als Teil eines größeren Puzzles
Der Zaun hinter Herrn Recks Grundstück ist kein Einzelphänomen. Er ist ein kleines Puzzleteil im „Stadtteilentwicklungsprogramm Borbeck 2025“, einem Masterplan, den der Essener Stadtrat mit den Stimmen einer breiten Mehrheit aus SPD, Grünen und Teilen der CDU im vergangenen Jahr beschlossen hat. Das Programm, mit einem Volumen von rund 12 Millionen Euro für die erste Phase, zielt darauf ab, den Stadtteil aufzuwerten, Grünflächen besser zu vernetzen, aber auch konfliktbehaftete Nutzungen zu entflechten.
Konkret geht es bei der Fläche hinter der Germaniastraße um ein schmales, langgezogenes Waldstück, das an mehrere Grundstücke grenzt. In den vergangenen Jahren, so erklärt es Stadtsprecherin Lena Vogt auf Nachfrage, sei es hier vermehrt zu Beschwerden gekommen. „Einerseits gab es Probleme mit wilden Müllkippen und Vandalismus. Andererseits wurde von Anwohnern, insbesondere älteren Menschen, aber auch von Familien mit kleinen Kindern, der Wunsch geäußert, die Grundstücksgrenzen klarer zu definieren, um ein unerwünschtes Betreten der Privatgärten zu verhindern.“ Der Stadtrat habe daraufhin in seiner Sitzung im Februar beschlossen, zur „Gefahrenabwehr und Klärung der Nutzungsverhältnisse“ eine eindeutige Abgrenzung zu schaffen.
| Jahr | Ordnungswidrigkeiten |
|---|---|
| 2022 | 8 |
| 2024 | 13 |
Statistisch untermauert wird der Handlungsbedarf von der städtischen Ordnungspartnerschaft. Ihre Daten zeigen für das Quartier um die Germaniastraße einen leichten, aber stetigen Anstieg gemeldeter Ordnungswidrigkeiten im öffentlichen Grünbereich – von acht Fällen im Jahr 2022 auf dreizehn im Jahr 2024. „Es geht nicht um schwere Kriminalität“, betont Vogt, „sondern um eine fortschreitende Verwahrlosung, der wir frühzeitig begegnen wollen.“
Doch für Hans-Werner Reck ist diese Erklärung nicht nachvollziehbar. „Wilden Müll gab es hier unten vielleicht zwei, drei Mal. Das hat die Nachbarschaft immer selbst weggeräumt. Dieser Zaun ist völlig überdimensioniert.“ Er fürchtet, dass die Maßnahme mehr kaputt macht als sie repariert. „Dieser kleine Weg war eine schöne, inoffizielle Verbindung. Die Kinder aus der Siedlung sind hier zum Spielen in den Wald, ältere Nachbarn sind spazieren gegangen. Jetzt wirkt das wie abgesperrt, wie eingezäunt.“
Die Analyse: Sicherheit versus Gemeinschaftsgefühl
Die Situation in Borbeck ist ein klassischer Zielkonflikt der Stadtplanung. Auf der einen Seite steht das legitime Ziel der Kommune, öffentliches Eigentum zu schützen, Sauberkeit zu gewährleisten und mögliche Haftungsrisiken – etwa durch unebene Wege in unklarem Zuständigkeitsbereich – auszuräumen. „Rechtlich sind wir auf der sicheren Seite“, erklärt Stadtplaner Dr. Felix Weber, der nicht direkt am Projekt beteiligt ist, aber ähnliche Prozesse kennt. „Wenn es eine diffuse Fläche gibt, die weder klar privat noch klar öffentlich ist, und es kommt zu einem Unfall, landet die Klage am Ende immer bei der Stadt. Zäune schaffen hier klare Verhältnisse.“
Auf der anderen Seite steht das, was Soziologen das „informelle Gemeingut“ nennen: kleine, nicht offiziell gewidmete Freiräume, die von Anwohnern in Eigenregie gepflegt und genutzt werden. Genau diese Flächen sind oft Keimzellen für nachbarschaftlichen Zusammenhalt. „Ein Zaun sendet immer auch eine psychologische Botschaft“, sagt Dr. Weber. „Er signalisiert: Betreten verboten, dies ist nicht dein Raum. Das kann, selbst wenn es nicht so gemeint ist, ein Gefühl der Ausgrenzung erzeugen und informelle soziale Kontakte unterbrechen.“
Die Betroffenheit in Borbeck scheint diese These zu stützen. Nicht alle Nachbarn sind so empört wie Herr Reck, aber viele zeigen sich verwundert. „Ich verstehe schon, dass die Stadt etwas gegen Unrat tun will“, sagt Miriam Koch, die mit ihrer jungen Familie drei Häuser weiter wohnt. „Aber warum muss es gleich dieser hohe, kahle Metallzaun sein? Ein niedriges, vielleicht sogar begrüntes Gitter hätte vielleicht auch gereicht und wäre nicht so abweisend.” Ihre Befürchtung: Der Zaun schiebe das Problem nur woanders hin. „Die Leute, die ihren Müll illegal entsorgen, werden sich nun einfach den nächsten unübersichtlichen Ort suchen.”
Der grüne Stadtrat Thomas Berg, der den Entwicklungsplan mit ausgearbeitet hat, verteidigt die Entscheidung. „Wir mussten abwägen zwischen verschiedenen Anliegen. Die Sicherheit und das subjektive Sicherheitsgefühl der Anwohner haben für uns Priorität. Der Zaun ist standardisiert und aus langlebigem Material. Wir haben uns gegen Holz entschieden, weil es schneller verwittert und anfälliger für Vandalismus ist.” Auf die Frage, warum man nicht vorher mit den direkten Anwohnern gesprochen habe, antwortet er: „Das Verfahren war öffentlich. Die Ausschüsse sind protokolliert, die Beschlussvorlage lag wochenlang aus. Wir gehen davon aus, dass die Bürgervertretungen, wie der Bezirksbeirat Borbeck, diese Informationen in die Nachbarschaft tragen.”
Genau hier liegt für viele der Kern des Ärgernisses. Bezirksbeirätin Helga Schmitz (SPD) seufzt, als sie davon hört. „Das ist das ewige Problem. Ja, die Papiere liegen aus. Aber welcher normale Bürger hat die Zeit oder die Lust, sich durch solche Verwaltungsvorlagen zu wühlen? Wenn es um etwas geht, das direkt vor der Haustür der Menschen passiert, braucht es eine direkte Ansprache. Ein Brief, eine kurze Info-Veranstaltung im Bürgerhaus – das wäre das Minimum des Respekts.”
Die größere Perspektive: Borbeck im Wandel
Der Zaunstreit ist nicht losgelöst zu sehen von der großen Transformation, die Borbeck durchläuft. Der ehemalige Bergbaustandort hat in den letzten Jahrzehnten einen tiefgreifenden Strukturwandel erlebt. Neue Wohngebiete sind entstanden, alte Industrieflächen wurden umgenutzt. Das „Entwicklungsprogramm 2025“ soll diesen Wandel steuern und für mehr Aufenthaltsqualität sorgen. Dazu gehören auch Maßnahmen wie die Aufwertung des Borbecker Mühlenbaches, die Sanierung von Spielplätzen und eben die Klärung von Grenz- und Nutzungsfragen.
Vergleicht man die Herangehensweise mit anderen Städten im Ruhrgebiet, fällt auf, dass Essen hier einen eher technokratischen Weg wählt. In Gelsenkirchen beispielsweise wurde bei einem ähnlichen Projekt in Bismarck ein „Runder Tisch Nachbarschaft“ eingerichtet, bei dem Anwohner gemeinsam mit der Verwaltung über die Art der Einfriedung entscheiden konnten. In Bochum setzt man bei Konfliktflächen verstärkt auf sogenannte „Pflegepatenschaften“, bei denen Anwohner die Verantwortung für eine Fläche übernehmen und im Gegenzug ein Mitspracherecht bei ihrer Gestaltung erhalten.
Stadtsprecherin Vogt gibt zu bedenken, dass solche partizipativen Modelle personalintensiv und langwierig seien. „Wir haben in Essen über 450 solcher kleinen Grün- und Grenzstreifen. Ein Einzelfallverfahren für jedes wäre nicht zu leisten. Unser Masterplan gibt einen Rahmen vor, innerhalb dessen wir mit standardisierten, rechtssicheren Lösungen arbeiten müssen.”
Doch genau diese Standardisierung ist es, die bei Menschen wie Hans-Werner Reck das Gefühl erzeugt, übergangen zu werden. „Man fühlt sich wie ein Störfaktor, den man mit möglichst geringem Aufwand aus dem Weg räumt,” sagt er. „Wir leben hier, wir pflegen dieses Stückchen Stadt. Ein bisschen Dialog hätte nicht geschadet.”
Was Bürger jetzt tun können
Für die direkt Betroffenen an der Germaniastraße scheint der Zaun zunächst einmal ein Fait accompli zu sein. Die Bauarbeiten sind abgeschlossen. Dennoch gibt es Möglichkeiten, sich Gehör zu verschaffen und auf künftige Entscheidungen Einfluss zu nehmen.
- Kontakt zum Bezirksbeirat Borbeck aufnehmen
- Teilnahme an Bürgerversammlungen
- Einreichen von Anfragen und Bedenken
- Einladung zu Gesprächsrunden mit der Stadtverwaltung
- Beteiligung an zukünftigen Planungsprojekten
- Bildung von Nachbarschaftsgruppen zu bestimmten Themen
Erste Anlaufstelle ist der Bezirksbeirat Borbeck. Die gewählten Mitglieder vertreten die Interessen der Bürger gegenüber der Stadtverwaltung. Sie können Anfragen stellen und das Thema in die zuständigen Ausschüsse des Rates tragen.