An einem heißen Augustnachmittag steht Stefanie Remlinger vor einem unscheinbaren Fleckchen Grün am Weddinger Nordufer. Was für viele nur eine vergrößerte Baumscheibe ist, nennt die grüne Bezirksbürgermeisterin von Mitte stolz einen „Grünen Gully“. Eine geniale, simple Idee: Um den Gully herum wurde eine 20 bis 25 Quadratmeter große Mulde geschaffen, die bei Starkregen 80 Prozent des Wassers zurückhält, bevor es in die überlastete Kanalisation schießt. „Das ist ein zentrales Element der Schwammstadt“, erklärt Remlinger. Für nur 7.000 Euro pro Stück verwandelt ihr Bezirk in diesem Jahr 50, im nächsten 100 dieser grauen Straßenabläufe in kleine grüne Oasen. Ein Schnäppchen, wie sie findet. Ihre Kolleginnen aus den anderen fünf grün regierten Bezirken Berlins schauen mit Interesse, aber auch mit einem Hauch Neid auf dieses Projekt. Es zeigt beispielhaft, worum es bei der grünen Wahlkampfveranstaltung an diesem Freitag geht: Klimaanpassung und Hitzeschutz aus den Bezirken heraus – oft trotz, nicht wegen des Berliner Senats.
Das Thema ist drängender denn je. Mindestens 14.000 Hitzetote hat dieser Sommer laut Robert Koch-Institut in Deutschland bereits gefordert. Besonders betroffen sind Großstädter, vor allem jene in unsanierten, stickigen Wohnungen ohne Grün vor der Tür. „Die schwarz-rote Landesregierung hat die Bezirke im Stich gelassen“, wirft der grüne Spitzenkandidat Werner Graf dem Senat vor. Sein Versprechen ist deutlich: Eine grün geführte Landesregierung würde mit den Bezirken als Team agieren und ihnen die nötigen Freiräume und Mittel geben. „Wir bauen die grüne Stadt von unten auf“, sagt Graf. Die Projekte, die er und seine Parteikolleginnen an diesem Tag vorstellen, sind so unterschiedlich wie die Bezirke selbst, aber sie verfolgen alle ein Ziel: Berlin widerstandsfähiger gegen die Folgen der Klimakrise zu machen.
In Tempelhof-Schöneberg schaut man auf ein riesiges, noch ungenutztes Potenzial: den 130.000 Quadratmeter großen Parkfriedhof. Die grüne Umweltstadträtin Saskia Ellenbeck erklärt, wie dieser zu einem kühlen Hitzeschutzpark für die Anwohner umgestaltet werden könnte. Mehr Wege zum Spazieren, schattige Plätze zum Verweilen, eine grüne Lunge für den dicht besiedelten Bezirk. „Dass der Friedhof bald umgewidmet wird, ist für uns eine große Chance“, sagt Ellenbeck. Doch die Umsetzung stockt. Eine Million Euro fehlen dem Bezirk für die ersten Schritte dieser Transformation. Ein typisches Muster: Die Idee ist da, der Wille auch, aber das Geld nicht.
Ähnlich ergeht es einem vielversprechenden Projekt in Charlottenburg-Wilmersdorf. Dort plant Bezirksbürgermeisterin Kirstin Bauch (Grüne) gemeinsam mit der landeseigenen Berliner Immobilien Management GmbH (BIM) ein Schwammstadt-Pilotprojekt am Preußenpark. Die Idee ist so einleuchtend wie nachhaltig: Das Dach des gegenüberliegenden, gerade sanierten Senatsgebäudes für Stadtentwicklung ist einen Hektar groß. Das anfallende Regenwasser soll in eine Zisterne fließen und von dort durch Leitungen den durstigen Park bewässern – anstatt wie bisher mit kostbarem Trinkwasser gegossen zu werden. „Das Projekt könnte in ganz Berlin angewandt werden“, schwärmt Bauch. Doch es bleibt vorerst ein Modell. Eine EU-Förderzusage liegt vor, doch die Senatsverwaltung für Umwelt weigert sich laut Bauch, die benötigte Co-Finanzierung von einer Million Euro bereitzustellen. Auch der Antrag beim Sondervermögen des Senats blieb erfolglos. „Dabei fehlt uns nur eine Million“, betont die Bürgermeisterin frustriert. Ein Paradebeispiel dafür, wie der Senat innovative Klimaprojekte aus den Bezirken ausbremst, statt sie zu unterstützen.
Andere Bezirke gehen kreative Wege und suchen sich starke Partner außerhalb der Landesregierung. In Steglitz-Zehlendorf zeigt der grüne Umweltstadtrat Urban Aykal mit Werner Graf ein beeindruckendes Vorher-Nachher-Bild. Zu sehen ist der „Platz des 4. Juli“, eine monströse, komplett versiegelte Betonfläche in der Größe von vier Fußballfeldern – ein Relikt aus der Zeit der NS-Planungen für „Germania“. Heute ist der Platz größtenteils entsiegelt, begrünt und für die Menschen nutzbar. Die kompletten Kosten dafür übernahm die Deutsche Bahn als Ausgleichsmaßnahme für den Bau der Dresdner Bahn. „Eine riesige versiegelte Fläche war das. Jetzt ist sie ein lebendiger Ort“, freut sich Aykal. Das Projekt zeigt, was möglich ist, wenn der politische Wille auf einen verpflichteten Ausgleichsträger trifft.
In Pankow, dem flächengrößten Berliner Bezirk, denkt man großräumig. Bezirksbürgermeisterin Cordelia Koch (Grüne) stellt das neue Freiraum- und Erholungskonzept vor, das besonders den Menschen im Norden zugutekommen soll. In Buchholz-Nord, einem von Autobahnen und Schienen durchschnittenen Gebiet, plant der Bezirk zwei Grünbrücken. Diese sollen nicht nur Menschen verbinden, sondern vor allem einen Biotopverbund für Tiere schaffen und grüne Korridore in die Stadt bringen. Auch der Ausbau der Windenergie wird konkret: Drei Windräder sind im Gebiet geplant. „Ich würde mich freuen, wenn eines davon durch eine Bürger-Wind-Genossenschaft entsteht“, sagt Koch und unterstreicht damit den grünen Ansatz der partizipativen Energiegewinnung. Hier wird Klimaschutz mit sozialer Teilhabe und ökologischer Aufwertung verknüpft.
Ein besonderes Augenmerk auf Beteiligung legt auch Thomas Weigelt, grüner Bürgermeisterkandidat in Friedrichshain-Kreuzberg. Beim laufenden Umbau des Lausitzer Platzes werden nicht nur Anwohner eingebunden. „Wir beteiligen auch Kinder und Jugendliche“, erklärt Weigelt. Für ihn ist das ein zentraler Baustein einer lebendigen Stadtgesellschaft. Das Ziel des Umbaus ist klar: mehr Entsiegelung, mehr Beschattung durch Bäume, mehr Aufenthaltsqualität an einem der lebendigsten Plätze des Bezirks. Es geht nicht nur um technische Klimaanpassung, sondern um die Schaffung von Orten, an denen Menschen gerne leben.
Was alle diese Projekte vereint, ist ihr lokaler, von unten gewachsener Charakter. Sie reagieren auf die spezifischen Probleme der Kieze: auf versiegelte Plätze, auf hitzeanfällige Wohngebiete, auf fehlende grüne Verbindungen oder auf überlastete Kanäle bei Starkregen. Die grünen Bezirkspolitiker kritisieren einhellig, dass der Berliner Senat diese Initiativen zu oft behindert statt befördert. Sei es durch eine verweigerte Finanzierung wie im Fall des Preußenparks, sei es durch bürokratische Hürden oder eine mangelnde Gesamtstrategie.
Für den Spitzenkandidaten Werner Graf sind diese Projekte der lebendige Beweis, dass die Bezirke den Klimaschutz ernst nehmen und innovative Lösungen parat haben. „Es ist faszinierend, wie die Bezirke das alles trotz der Blockaden des Senats schaffen“, sagt er. Seine Forderung an die Landespolitik ist eindeutig: Der Senat müsse endlich vom Bremser zum Ermöglicher werden. Die Bezirke bräuchten mehr Entscheidungsfreiheit, verlässliche Finanzierung und eine echte Partnerschaft, um die Transformation zur Schwammstadt voranzutreiben.
Der Besuch an den verschiedenen Projektstandorten macht deutlich: Die Klimaanpassung in Berlin findet bereits statt – nicht in großen, von oben verordneten Masterplänen, sondern in vielen kleinen, pragmatischen Schritten in den Kiezen. Der „Grüne Gully“ in Wedding, der Hitzeschutzpark in Tempelhof, die Grünbrücken in Pankow, der entsiegelte Platz in Steglitz und der partizipativ umgestaltete Lausitzer Platz in Kreuzberg sind Puzzleteile einer größeren Vision. Sie zeigen, wie eine klimaresiliente Stadt aussehen kann: grüner, gerechter, lebenswerter und von ihren Bürgerinnen mitgedacht. Die Aufgabe der nächsten Landesregierung wird es sein, diesen Elan aus den Bezirken nicht länger zu blockieren, sondern ihn endlich zu unterstützen und zu verstärken. Denn die Zeit, in der man den Klimaschutz auf die lange Bank schieben konnte, ist endgültig vorbei. Die Hitzesommer und Starkregenfälle der letzten Jahre lassen das jeden Tag aufs Neue spüren – besonders in der Großstadt Berlin.
- Grüner Gully in Wedding
- Hitzeschutzpark in Tempelhof
- Grünbrücken in Pankow
- Entsiegelter Platz in Steglitz
- Lausitzer Platz in Kreuzberg
- Klimaanpassung aus den Bezirken
| Projekt | Bezirksbürgermeister/in | Kosten |
|---|---|---|
| Grüner Gully | Stefanie Remlinger | 7.000 Euro |
| Hitzeschutzpark | Saskia Ellenbeck | 1 Million Euro (fehlt) |
| Schwammstadt-Pilotprojekt | Kirstin Bauch | 1 Million Euro (Co-Finanzierung fehlt) |
| Platz des 4. Juli | Urban Aykal | Übernommen durch Deutsche Bahn |
| Grünbrücken in Buchholz-Nord | Cordelia Koch | In Planung |
| Lausitzer Platz | Thomas Weigelt | In Umbau |