Am Freitagabend betrat eine bemerkenswerte Gruppe die Bühne der Essener Philharmonie. Es waren 80 Musikerinnen und Musiker. Sie kamen aus ganz Deutschland, aus Städten wie München, Berlin und Hamburg. Unter ihnen war auch die Flötistin Zineb aus Marokko. Für eine Woche hatten sie in Essen geprobt. Ihr Ziel war ein einziges Konzert unter dem Namen „Ars Assindia“. Der Saal war gefüllt. Das Publikum wartete gespannt. Dann begann das Orchester mit der Musik von Robert Schumann. Es folgten Werke von Richard Wagner und dem fast vergessenen Komponisten Hans Rott. Für einen Abend vereinte diese Musiker eine gemeinsame Leidenschaft. Sie bewiesen, dass klassische Musik lebendig und verbindend ist.
Die Idee für dieses Projekt entstand vor einem Jahr. Der Dirigent Jonas Weber hatte den Wunsch, ein einmaliges Ensemble zu schaffen. Ihm ging es nicht um ein ständiges Orchester. Er wollte vielmehr talentierte Profis aus verschiedenen deutschen Orchestern zusammenbringen. Auch freiberufliche Musiker sollten eine Chance bekommen. „Wir leben in einer Zeit, in der Kultur oft als verzichtbar gilt“, sagte Weber nach dem Konzert. „Ich wollte ein Zeichen setzen. Musik ist kein Luxus. Sie ist eine Notwendigkeit für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft.” Seine Aussage traf den Nerv vieler Gäste in der Philharmonie. Sie spiegelte eine weit verbreitete Sorge um den Stellenwert der Kultur wider.
Die Probenwoche verlief intensiv. Die Musiker wohnten in einer Jugendherberge im Essener Südviertel. Sie probten täglich viele Stunden in den Räumen der Folkwang Musikschule. Nicht alle kannten sich vorher. Doch schnell entstand ein besonderer Teamgeist. „Man merkte, dass jeder hier aus reiner Freude an der Sache kam“, erzählte die Geigerin Lena aus Köln. „Es gab kein Konkurrenzdenken. Nur den gemeinsamen Willen, etwas Großartiges auf die Bühne zu bringen.” Diese Atmosphäre war für viele Teilnehmer ein Schlüsselerlebnis. Sie unterschied sich deutlich vom manchmal hektischen Alltag in ihren Stammorchestern.
Eine besondere Geschichte brachte Zineb mit. Die junge Flötistin kam vor drei Jahren aus Marokko nach Deutschland. Sie studiert nun in Detmold. Für sie war die Einladung eine große Überraschung. „Ich habe mich sehr gefreut, als die Mail kam”, sagte sie. „Es ist nicht selbstverständlich, als ausländische Studentin sofort in solche Projekte einbezogen zu werden.” Ihre Teilnahme steht beispielhaft für ein offenes Konzept. Das Orchester „Ars Assindia“ wollte bewusst Vielfalt abbilden. Es ging um die Musik, nicht um die Herkunft.
Das Programm des Abends war klug gewählt. Es begann mit Schumanns „Manfred“-Ouvertüre. Dieses Werk ist kraftvoll und voller Emotionen. Es forderte dem Orchester von der ersten Minute an alles ab. Anschließend erklangen Ausschnitte aus Wagners „Parsifal“. Diese Musik ist feierlich und meditativ. Sie zeigte die andere Seite des Ensembles. Hier bewiesen die Musiker ihr Feingefühl und ihre Ausdrucksstärke. Der Höhepunkt des Abends war jedoch die erste Sinfonie von Hans Rott. Dieser österreichische Komponist war ein Zeitgenosse von Gustav Mahler. Er starb jung und geriet lange in Vergessenheit. Seine Musik ist voller melodischer Ideen und orchestraler Farben. Das Publikum reagierte mit lang anhaltendem Applaus. Viele Zuhörer kannten das Werk nicht. Sie waren sichtlich bewegt von dieser Wiederentdeckung.
Die Finanzierung solcher Projekte ist immer eine Herausforderung. „Ars Assindia“ wurde durch eine Mischung aus öffentlichen Fördermitteln und privaten Spenden ermöglicht. Die Stadt Essen unterstützte das Projekt mit einem Zuschuss aus dem Kulturfonds. Einige Essener Unternehmen beteiligten sich als Sponsoren. Auch der Eintrittspreis trug zu den Kosten bei. Dennoch rechnete sich das Projekt kaum. „Es geht hier nicht um Gewinn”, erklärte Projektmanagerin Sarah Meyer. „Es geht um den künstlerischen Impuls. Um den Beweis, dass wir in Essen solche hochkarätigen Projekte realisieren können.” Diese Aussage unterstreicht einen wichtigen Punkt. Kulturprojekte sind oft auf zusätzliche Unterstützung angewiesen. Sie bereichern das Stadtleben, müssen aber erkämpft werden.
Das Konzert hatte auch eine soziale Komponente. Die Organisatoren kooperierten mit der Essener Tafel. Ein Teil des Ticketverkaufs floss in diese Kooperation. Zudem wurden Menschen eingeladen, die sich normalerweise kein Konzert leisten können. „Kultur muss für alle da sein”, betonte Dirigent Jonas Weber. „Wir dürfen keine elitären Zirkel schaffen. Die Musik gehört jedem.” Diese Haltung fand großen Anklang. Im Foyer der Philharmonie sah man nach dem Konzert Menschen aus allen Gesellschaftsschichten im Gespräch. Das Projekt schuf damit auch einen sozialen Treffpunkt.
Was bleibt nach diesem einen Konzert? Zunächst einmal die Erinnerung an einen intensiven musikalischen Abend. Für die Musiker bleibt das Netzwerk, das sie geknüpft haben. Vielleicht arbeiten sie in Zukunft wieder zusammen. Für die Stadt Essen bleibt das Beispiel. Es zeigt, dass auch kurzfristige, ambitionierte Kulturprojekte möglich sind. Sie bereichern das kulturelle Angebot jenseits der festen Institutionen. Einige Zuhörer fragten bereits nach einer Wiederholung. Ob es eine geben wird, ist noch unklar. Die Organisatoren sind jedoch zuversichtlich. Das große Interesse und der positive Zuspruch bestärken sie.
Das Experiment „Ars Assindia“ ist gelungen. Es vereinte 80 Musiker zu einem kraftvollen Klangkörper. Es brachte ein begeistertes Publikum zusammen. Und es setzte ein Zeichen für die Bedeutung der Kultur in unserer Stadt. In einer Zeit, in der oft über Kürzungen gesprochen wird, ist so ein Projekt ein wichtiges Signal. Es erinnert uns daran, was Musik kann. Sie kann Menschen verbinden. Sie kann Grenzen überwinden. Sie kann einen Abend lang eine Gemeinschaft schaffen. Das ist vielleicht die größte Leistung dieses neuen Orchesters. Es hat gezeigt, dass klassische Musik kein Museum ist. Sie ist lebendig. Sie findet hier statt. Und sie braucht uns alle als Publikum, als Förderer und als begeisterte Zuhörer.
- 80 Musiker aus ganz Deutschland
- Intensive Probenwoche in Essen
- Vielfalt im Orchester
- Kulturelle Fördermittel
- Soziale Kooperation mit der Essener Tafel
- Begeistertes Publikum und positive Rückmeldungen
| Werk | Komponist | Besonderheiten |
|---|---|---|
| „Manfred“-Ouvertüre | Robert Schumann | Kraftvoll und voller Emotionen |
| „Parsifal“-Ausschnitte | Richard Wagner | Feierlich und meditativ |
| Erste Sinfonie | Hans Rott | Melodische Ideen und orchestrale Farben |