Am frühen Samstagabend durchschallten Schüsse die sonst lebhafte Karl-Marx-Straße in Neukölln. Ziel war ein bekanntes Café, ein Ort, an dem sich sonst Nachbarn treffen. Ein 21-jähriger Mann sitzt nun in Untersuchungshaft. Die Polizei vermutet, dass die Tat aus einer Auseinandersetzung im Frühjahr dieses Jahres hervorging. Für die Anwohner ist es ein weiterer schockierender Vorfall in einer Reihe von Vorfällen, die Fragen zur Sicherheit und zum sozialen Frieden in ihrem Viertel aufwerfen. Dieser Vorfall ist mehr als nur eine Polizeimeldung. Er wirft ein grelles Licht auf die komplexen Herausforderungen, mit denen Berlins Stadtteile konfrontiert sind: Konflikte, die im Verborgenen schwelen, die Rolle von Jugendgewalt und die dringende Suche der Gemeinschaft nach Antworten jenseits polizeilicher Maßnahmen.
Die Ermittlungen der Berliner Polizei sind im vollen Gange. Der festgenommene 21-Jährige soll am vergangenen Samstagabend gezielt Schüsse auf die Scheiben des Cafés abgegeben haben. Glücklicherweise wurde bei dem Vorfall niemand verletzt. Die Spurensicherung war stundenlang vor Ort, während besorgte Anwohner die Absperrungen umgingen. Die Polizei geht von einem gezielten Angriff aus, der in direktem Zusammenhang mit einer schon länger andauernden Fehde stehen soll. Ersten Informationen zufolge hatte es bereits im Frühjahr einen Vorfall an gleicher Stelle gegeben, bei dem ebenfalls geschossen worden sein soll. Der genaue Hintergrund und das Motiv sind Gegenstand der laufenden Ermittlungen. Fest steht für die Beamten jedoch, dass solche Taten das Sicherheitsgefühl der Menschen massiv erschüttern. „Jede Schusswaffengewalt in unserer Stadt ist eine zu viel“, erklärt ein Polizeisprecher. „Sie erzeugt Angst und untergräbt das friedliche Zusammenleben. Wir werden mit aller Konsequenz ermitteln.“
Die direkten Auswirkungen auf die Anwohner und Geschäftsleute sind tiefgreifend. Das betroffene Café, ein etablierter Treffpunkt im Kiez, musste vorübergehend schließen. Die Scheiben sind durch Einschusslöcher beschädigt, eine stumme Mahnung an die Gewalt, die hier Einzug hielt. Für die Inhaberin, die hier seit Jahren ihr Lebenswerk aufgebaut hat, ist es ein herber Schlag. „Wir fühlen uns hilflos“, sagt sie unter Tränen. „Dieses Café war immer ein Ort für alle. Jetzt herrscht hier nur noch Angst und Ungewissheit.“ Auch andere Ladenbesitzer in der unmittelbaren Umgebung berichten von einem spürbaren Rückgang der Kundschaft seit dem Vorfall. Die sonst belebte Straße wirkt an manchen Abenden gespenstisch leer. „Man hört die Schüsse noch in den Ohren“, erzählt ein langjähriger Anwohner. „Jeder denkt: Könnte mein Geschäft, meine Wohnung das nächste Ziel sein? Das vertreibt das Leben aus unserer Mitte.“
Die politischen Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten und zeigen die unterschiedlichen Prioritäten im Umgang mit solcher Gewalt. Der Bezirksbürgermeister von Neukölln, Martin Hikel (SPD), betonte die Notwendigkeit einer entschlossenen Strafverfolgung, verwies aber gleichzeitig auf die sozialen Wurzeln des Problems. „Die Polizei muss solche Taten lückenlos aufklären. Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, dass Prävention genauso wichtig ist“, so Hikel. Er fordert verstärkte Investitionen in Jugendarbeit, Bildung und soziale Projekte in den betroffenen Quartieren. Vertreter der CDU und der FDP kritisieren dagegen, dass solche Vorfälle Ausdruck einer zu laschen Gangster- und Einwanderungspolitik seien und fordern einen deutlich schärferen Kurs mit mehr Polizeipräsenz und schnelleren Abschiebungen. Die Debatte in den sozialen Medien und unter Anwohnern ist ebenso hitzig und spiegelt die gesellschaftlichen Gräben wider, die auch in Neukölln sichtbar sind.
Über den Einzelfall hinaus steht Neukölln stellvertretend für eine bundesweite Diskussion über urbane Sicherheit und Integration. Statistiken der Polizei Berlin zeigen, dass die Zahl der Straftaten, bei denen Schusswaffen eine Rolle spielen, in den letzten Jahren schwankt, jedoch auf einem besorgniserregenden Niveau bleibt. Experten wie der Kriminologe Prof. Dr. Thomas Bliesener von der Hochschule der Polizei Hamburg weisen darauf hin, dass solche Gewalttaten oft in einem Milieu entstehen, das von Perspektivlosigkeit, schnell sichtbaren Statuskonflikten und einer Verquickung von Bandenkriminalität mit Alltagskonflikten geprägt ist. „Die Waffe wird dann zum Symbol von Macht und Respekt, eine fatale Fehlentwicklung“, erklärt Bliesener. Diese Problemlagen sind in Stadtteilen wie Neukölln besonders ausgeprägt, wo hohe Arbeitslosigkeit, beengte Wohnverhältnisse und eine junge, vielfältige Bevölkerung aufeinandertreffen.
Die eigentliche Herausforderung für Berlin liegt nun in der Frage: Was kommt nach der Festnahme? Die Untersuchungshaft ist ein notwendiger erster Schritt. Doch die Gemeinschaft in Neukölln braucht mehr, um langfristig Sicherheit und Vertrauen zurückzugewinnen. Hier setzen die Forderungen vieler Sozialarbeiter und Gemeinschaftsaktivisten an. Sie fordern einen „Runden Tisch Sicherheit“, der nicht nur Polizei und Politik, sondern vor allem die Bewohner, Jugendliche, Schulen und Vereine einbindet. Konkret könnte das bedeuten:
- deutlich mehr Streetworker, die in direktem Kontakt mit den Jugendlichen stehen
- ausreichend finanzierte Freizeit- und Sportangebote auch am Abend
- anonyme Konfliktmediationsstellen, die bei Streitigkeiten eingreifen, bevor sie eskalieren
- eine bessere Zusammenarbeit zwischen Schulen, Jugendamt und Polizei
- Förderung von Programmen zur Gewaltprävention
- Schaffung von Arbeitsplätzen für Jugendliche
„Wir müssen den Jugendlichen alternative Wege aufzeigen, Anerkennung und Respekt zu finden“, sagt eine Sozialarbeiterin, die seit Jahren in Neukölln tätig ist. „Solange die Waffe als schneller Weg gilt, werden wir dieses Problem nicht lösen.“
Für die Bürgerinnen und Bürger Neuköllns bleibt die Situation angespannt. Viele fühlen sich zwischen den politischen Lagern und schnellen Schuldzuweisungen alleingelassen. Sie wünschen sich vor allem eines: dass ihre Straßen, ihre Plätze, ihre Cafés wieder zu Orten des unbesorgten Miteinanders werden. Der Schuss auf das Café hat eine tiefe Wunde in das Gemeinschaftsgefühl geschlagen. Die Heilung dieser Wunde erfordert mehr als nur eine gerichtliche Verurteilung. Sie braucht den beharrlichen Einsatz für ein soziales Klima, in dem Konflikte ohne Waffen ausgetragen werden, und den gemeinsamen Willen aller Verantwortlichen – von der Politik über die Verwaltung bis zu jedem Einzelnen im Kiez – dieses Ziel zu erreichen. Der 21-Jährige in Untersuchungshaft ist ein Teil dieser Geschichte. Die andere, wichtigere Hälfte schreibt die Gemeinschaft jetzt.