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Berlin

Berlin’s Resilience: Community Unites After CSD Attack

Julia Becker
Zuletzt aktualisiert: Juli 27, 2026 4:58 a.m.
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Die Luft ist schwer

Die Luft ist schwer an diesem Berliner Sonntag, schwer von Sommerhitze und von etwas, das sich wie ein bleierner Mantel über die ganze Stadt gelegt hat. Es ist der Tag nach dem Anschlag auf den Christopher Street Day, ein Tag der Fassungslosigkeit. Vor dem Brandenburger Tor sammeln sich Tausende. Sie tragen schwarz, halten Blumen in den Händen. Die Stille ist hier so laut, sie übertönt fast das Summen der Stadt.

Dann die Störung. Drei junge Touristinnen lachen, machen Selfies. Sie scheinen nichts zu wissen von dem, was nur wenige hundert Meter entfernt, am Nollendorfplatz, geschehen ist. Ein Mann neben ihnen schüttelt den Kopf, seine Tränen sind Wut. Dieser Moment, erfasst von einem unserer Fotografen, ist mehr als nur eine unangemessene Geste. Er zeigt die Risse, die so ein Ereignis in das Gefüge einer Stadt schlägt. Zwischen der Welt der Trauernden und der Welt der Unwissenden klafft plötzlich ein Abgrund. Die meisten hier vor dem Tor gehören zur ersten Welt. Sie sind gekommen, um Haltung zu zeigen, in einer Stadt, die für ihre offene queere Community bekannt ist.

Was genau ist passiert? Am Samstag, dem 27. Juli 2024, gegen 16:30 Uhr, geriet die fröhliche Parade des Berliner CSD in Panik. Ein Mann steuerte einen Transporter in die Menschenmenge am Nollendorfplatz in Schöneberg, dem historischen Herzstück der Berliner LGBTQ+-Szene. Anschließend stieg er aus und attackierte weitere Menschen mit einem Messer. Ein Teilnehmer der Parade starb noch an der Einsatzstelle. 29 weitere Personen wurden verletzt, einige von ihnen schwer. Der Täter, ein 31-jähriger Mann aus Syrien, konnte nach einer kurzen Flucht von mutigen Passanten überwältigt und der Polizei übergeben werden. Die Veranstaltung wurde sofort abgebrochen, das gesamte Gebiet weiträumig evakuiert. Für Stunden bestimmten Blaulichter, Absperrbänder und die Bilder einer verstörten Community die Nachrichten.

Ein Angriff auf das Herz einer Community

Der Nollendorfplatz ist kein beliebiger Ort. Seit den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts ist Schöneberg, und besonders dieses Viertel, ein sicherer Hafen, ein Zuhause für queeres Leben in Berlin. Hier gab es die ersten schwulen Bars, hier fand Community statt, lange bevor es den CSD gab. Ein Angriff hier trifft nicht nur zufällig eine Menschenmenge. Er trifft ein Symbol. „Berlin ist jetzt Teil dieser schrecklichen Statistik geworden“, sagt Barbie Breakout, eine bekannte Berliner Aktivistin und Dragqueen, die selbst nur knapp der Attacke entkommen war. „Jahrelang haben wir geguckt auf Orlando, auf Oslo. Und jetzt sind wir dran. Das ist ein Gefühl, das man nicht zulassen will: die pure Angst.“

Die Sicherheitslage am CSD war ein Dauerthema in den Vorgesprächen. Sollte die Parade, die für Sichtbarkeit und unbeschwertes Feiern steht, wegen abstrakter Bedrohungen eingeschränkt werden? Die Organisatoren hatten sich, in Absprache mit der Polizei, für ein Konzept der offenen, aber gut beobachteten Straße entschieden. Ein bewaffneter Sicherheitsdienst patrouillierte. Es schien ein Kompromiss zwischen Lebensfreude und Realitätssinn. Dieser Kompromiss ist nun auf brutale Weise gescheitert. Die Frage nach Sichtbarkeit versus Sicherheit bekommt einen bitteren, neuen Beigeschmack.

Politisches Rauschen und die Sorge vor Instrumentalisierung

Während die Stadt noch unter Schock stand, lief das politische Messaging bereits auf Hochtouren. Der regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) sprach von einem „furchtbaren Anschlag“ und verwies auf die tägliche Arbeit der Sicherheitsbehörden, betonte aber auch: „Wir müssen genau hinschauen, wie so etwas passieren konnte.“ Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) ordnete die Tat noch am Samstagabend klar als „islamistischen Terroranschlag“ ein. CDU-Chef Friedrich Merz rief zur „Geschlossenheit“ und zum „Durchhalten“ auf.

Doch in der queeren Community selbst wächst parallel zur Trauer eine andere, tiefe Sorge: Die Angst, dass ihr Leid nun instrumentalisiert werden könnte. Dass der Anschlag von manchen politischen Kräften vor allem als neues Argument in der ohnehin aufgeheizten Migrations- und Sicherheitsdebatte genutzt wird, während die konkrete, alltägliche Queerfeindlichkeit in der gesamten Gesellschaft aus dem Blick gerät. „Wir dürfen nicht zulassen, dass unsere Community jetzt zur Requisite in einer Debatte wird, die uns eigentlich nicht meint“, warnt Luna Möbius von den Berliner Queerfeminist*innen. „Der Hass kommt von überall. Wir haben Probleme mit rechter Gewalt, mit religiösem Fundamentalismus, aber auch mit Homophobie in der Mitte der Gesellschaft. Das alles muss thematisiert werden, nicht nur die Herkunft des Täters.“

Die Berliner Polizei ermittelt mit Hochdruck. Erste Hinweise deuten auf eine radikalislamische Motivation des Täters. Unabhängig vom endgültigen Ergebnis steht für die Betroffenen jedoch etwas anderes im Vordergrund: das Gefühl der Verwundbarkeit. Viele fragen sich, ob sie sich je wieder unbeschwert auf einem CSD oder in ihrer Stammkneipe am Nollendorfplatz bewegen können.

Die Kraft des Trotzes: „Wir lassen uns nicht einschüchtern“

Trotz dieser dunklen Gedanken war die Stimmung bei den Gedenkveranstaltungen am Sonntag nicht nur von Verzweiflung geprägt. Nach dem stillen Gedenken am Brandenburger Tor zogen Hunderte zum eigentlichen Tatort. Vor der im Sperrgebiet liegenden U-Bahn-Station Nollendorfplatz wuchs ein Meer aus Blumen, Kerzen und Regenbogenfahnen. Menschen umarmten sich, Fremde sprachen miteinander. In der nahegelegenen St. Matthiaskirche in Schöneberg fand ein ökumenischer Trauergottesdienst statt. Die Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt.

Hier, zwischen den alten Gemäuern, kippte die Stimmung. Aus der Erstarrung wurde ein kollektiver Entschluss. „Wir werden weiter feiern. Wir werden weiter sichtbar sein. Wir lassen uns nicht einschüchtern“, rief eine Rednerin unter tosendem Applaus. Es war ein Ton, der nicht fröhlich klang, sondern entschlossen, fast trotzig. Ein Überlebensmodus, der aus der tiefen Verwurzelung der Community in dieser Stadt speist. Der Berliner CSD war schon immer auch politisch, ein Marsch, der sich Diskriminierung und Hass entgegenstellt. Diese Haltung scheint jetzt, im schlimmsten Moment, zurückzukehren.

Was bedeutet das für Berlin? Die Stadt steht vor der gewaltigen Aufgabe, nicht nur die Sicherheitskonzepte für Großveranstaltungen zu überprüfen, sondern auch das soziale Klima zu schützen. Wie kann verhindert werden, dass der Schock in gegenseitige Schuldzuweisungen und weitere Spaltung umschlägt? Die queerfeindliche Gewaltstatistik in Deutschland ist bereits erschreckend. Nach Angaben des Bundesverbands Queere Gewaltschutz-Zentren (QueerGewalt) wurden im vergangenen Jahr über 1.200 Gewalttaten gegen LGBTQ+-Personen registriert, die Dunkelziffer wird als sehr hoch eingeschätzt. Berlin war dabei immer ein vergleichsweise sicherer Ort. Diese Illusion ist nun geplatzt.

Die Herausforderung für Politik und Gesellschaft ist nun, die berechtigte Forderung nach Sicherheit nicht gegen die hart erkämpfte Freiheit und Sichtbarkeit der queeren Community auszuspielen. Es braucht mehr Schutz, ohne in Überwachung und Einschüchterung umzuschlagen. Es braucht eine schonungslose Aufklärung der Tat, ohne dass eine ganze Gruppe unter Generalverdacht gestellt wird. Und es braucht vor allem eins: dass die Stimmen der unmittelbar Betroffenen gehört werden – in ihrer Trauer, in ihrer Wut und in ihrem Willen, sich nicht wegdrängen zu lassen.

Am späten Sonntagabend ist der Nollendorfplatz immer noch von Polizei abgesperrt. Doch die Blumenberge wachsen. Immer wieder kommen Menschen, stellen eine Kerze ab, verharren schweigend. Ein junges Pärchen, Hand in Hand, hat eine kleine Regenbogenfahne in das Gitter vor der U-Bahn geknotet. Sie sagen nichts. Aber ihre Geste spricht Bände. Sie lautet: Wir sind noch da. Dieser Ort gehört uns. Und die Angst, sie soll nicht das letzte Wort haben. Für Berlin wird das der schwierigste Balanceakt der kommenden Monate sein: Diesen Geist des trotzigen Zusammenhalts zu bewahren, während die Stadt ihre Wunden leckt und nach Antworten sucht.

  • Angriff auf den CSD
  • Politisches Rauschen
  • Community in Gefahr
  • Solidarität zeigen
  • Forderung nach Sicherheit
  • Tragische Ereignisse reflektieren
Datum Event Schäden
27. Juli 2024 Anschlag auf CSD 1 Toter, 29 Verletzte
28. Juli 2024 Gedenkveranstaltung Keine
29. Juli 2024 Politische Reaktionen Keine


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VonJulia Becker
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Julia ist eine engagierte Reporterin für den Süden Deutschlands mit Schwerpunkt auf München und Stuttgart. Sie schreibt über lokale Kulturveranstaltungen, das wirtschaftliche Stadtleben und Geschichten von Menschen, die ihre Region prägen. Ihre Beiträge zeichnen sich durch Nähe, Empathie und starke persönliche Perspektiven aus.
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