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Nachrichten Lokal > Nachrichten > Dortmund > Dortmunder Handwerksunternehmer fordert mehr Anerkennung
Dortmund

Dortmunder Handwerksunternehmer fordert mehr Anerkennung

Julia Becker
Zuletzt aktualisiert: August 1, 2026 9:40 a.m.
Julia Becker
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Robert Wilbrand tritt ans Rednerpult im Industrieclub Dortmund. Der Saal ist gefüllt mit Unternehmern, doch die Gesichter sind geprägt von einem Gefühl, das viel mit Resignation zu tun hat. Der Geschäftsführer der Dortmunder Wilbrand Haustechnik GmbH spricht Klartext. „Dem Handwerk fehlt in Dortmund die Lobby“, sagt er. „Wenn über Wirtschaft gesprochen wird, geht es fast immer um große Unternehmen oder Leuchtturmprojekte.“ Seine Worte treffen einen Nerv. Denn während die Stadtöffentlichkeit über milliardenschwere Technologieprojekte wie den geplanten Hochschul-Campus oder die Ansiedlung von Großkonzernen diskutiert, kämpfen hunderte mittelständische Handwerksbetriebe um ihre Zukunft und um Anerkennung. In Dortmund sind aktuell über 2.500 Handwerksbetriebe mit mehr als 20.000 Beschäftigten gemeldet. Doch laut einer aktuellen Umfrage der Dortmunder Handwerkskammer sehen 68 Prozent der Betriebsinhaber ihre Zukunft durch Fachkräftemangel und bürokratische Hürden gefährdet. Nur jeder Vierte glaubt, dass die lokale Politik die spezifischen Probleme des Handwerks überhaupt auf dem Schirm hat. Diese Diskrepanz zwischen wirtschaftlicher Bedeutung und politischer Wahrnehmung ist der Kern einer wachsenden Frustration, die Wilbrand artikuliert. Ein Gefühl, das in vielen Werkstätten, auf Baustellen und in Planungsbüros der Stadt spürbar ist. Warum wird das Rückgrat der lokalen Wirtschaft, das für die Instandhaltung unserer Wohnungen, die Installation unserer Heizungen und die Digitalisierung unserer Gebäude sorgt, so oft übersehen? Dieser Frage geht unsere Analyse nach und zeigt auf, welche konkreten Auswirkungen diese mangelnde Wertschätzung auf das tägliche Leben in unseren Stadtteilen hat – von verzögerten Bauprojekten in Brackel bis zu langen Wartezeiten für Handwerkerleistungen in der Nordstadt.

Die Herausforderungen des Dortmunder Handwerks sind nicht erst seit gestern bekannt, haben sich aber in den letzten Jahren dramatisch zugespitzt. Historisch betrachtet war Dortmund immer eine Stadt des produzierenden Gewerbes und des Handwerks. Von den Zechen über die Stahlindustrie bis hin zum verarbeitenden Gewerbe war die Wertschöpfung stets eng mit handwerklicher Arbeit verbunden. Mit dem Strukturwandel veränderte sich das Bild. Während die Politik zu Recht neue Wege in den Bereichen IT, Logistik und Dienstleistungen suchte, geriet die systematische Förderung des traditionellen Wirtschaftspfeilers „Handwerk“ aus dem Fokus. Ein Blick in andere deutsche Städte zeigt unterschiedliche Ansätze. In Stuttgart beispielsweise gibt es ein eigenes Referat für Handwerk in der Wirtschaftsförderung, das gezielt Ausbildungsplätze vermittelt und Betriebe bei der Digitalisierung berät. In Köln wurde ein „Handwerkspark“ als Gewerbegebiet ausschließlich für Handwerksbetriebe geschaffen, um Flächenkonkurrenz mit Logistikzentren zu vermeiden. Dortmund hat solche konzentrierten Strategien bislang nicht.

Rechtlich und administrativ fällt das Handwerk in Dortmund unter die Zuständigkeit verschiedener Dezernate: Wirtschaftsförderung, Stadtplanung, Ordnungsamt und das Schulverwaltungsamt für die Berufsbildung. Diese Zersplitterung macht es für Betriebe schwer, einen klaren Ansprechpartner in der Verwaltung zu finden. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen, etwa die Handwerksordnung auf Bundesebene oder die Landesbauordnung, setzen den rechtlichen Rahmen, die konkrete Umsetzung und Unterstützung ist aber kommunale Aufgabe. Hier sieht Wilbrand das größte Defizit: Es fehle ein kohärenter politischer Wille, der sich in einem ressortübergreifenden Handwerkskonzept niederschlägt.

Die demografische Entwicklung verschärft die Lage zusätzlich. In Dortmund gehen in den nächsten fünf Jahren über 30 Prozent der aktuell beschäftigten Handwerker in den Ruhestand. Gleichzeitig melden die Dortmunder Berufskollegs für das laufende Schuljahr stagnierende oder sogar rückläufige Zahlen in handwerklichen Ausbildungsgängen. Die wirtschaftliche Dimension ist enorm: Das Handwerk erwirtschaftet in Dortmund einen jährlichen Umsatz von über 3 Milliarden Euro und ist damit ein stabilisierender Faktor, der weniger von globalen Konjunkturschwankungen betroffen ist als die exportorientierte Großindustrie.

Die Kritik von Robert Wilbrand wird durch zahlreiche Fakten und Stimmen aus der Stadtgesellschaft gestützt. „Wir fühlen uns politisch alleingelassen“, sagt beispielsweise Kerstin Vogel, die eine Maler- und Lackiererwerkstatt in Mengede führt. „Wenn es um Baugebiete geht, hören wir von Investoren und großen Bauträgern. Dass dort auch kleine Betriebe aus Dortmund die Häuser fertigstellen könnten, spielt keine Rolle.“ Dieser Eindruck wird durch einen Blick in die Stadtratsprotokolle der letzten zwei Jahre bestätigt. Das Wort „Handwerk“ fällt dort überwiegend im Kontext von Problemen: zu hohe Lärmemissionen auf Baustellen, Parkplatzprobleme bei Handwerkerfahrzeugen oder Diskussionen um die Ausweisung neuer Gewerbegebiete, die dann primär an Logistikunternehmen vergeben werden.

Ein konkretes Beispiel ist die geplante Nachverdichtung im Stadtteil Lütgendortmund. Während die Stadt hier dringend benötigten Wohnraum schaffen will, gibt es kein begleitendes Programm, das sicherstellt, dass ortsansässige Handwerksbetriebe bei den Bau- und Sanierungsarbeiten zum Zuge kommen. „Die Vergabe geht oft an große Generalunternehmer aus dem Umland, die ihre eigenen Subunternehmer mitbringen“, erklärt Stadtplaner Dr. Matthias Hofer in einem Gespräch. „Die Wertschöpfungskette für Dortmund wird dadurch unterbrochen.“ Die finanziellen Analysen der Stadt zeigen zudem ein Ungleichgewicht: Während für Leuchtturmprojekte im Bereich Künstliche Intelligenz Millionen an Fördermitteln akquiriert werden, steht für die Modernisierung der handwerklichen Ausbildungswerkstätten an den Berufskollegs nur ein begrenzter, schwer zu beantragender Etat zur Verfügung.

Die direkten Auswirkungen auf das tägliche Leben der Dortmunder sind vielfältig. In Stadtteilen wie Aplerbeck oder Hombruch klagen Anwohner über Wartezeiten von mehreren Monaten für dringende Sanierungen an ihren Eigenheimen. „Ich warte seit einem halben Jahr auf einen Klempner für eine neue Heizungsanlage“, berichtet Hauseigentümer Bernd Schneider aus Kirchhörde. „Die Betriebe, die ich anrufe, haben alle volle Bücher und sagen, sie finden einfach nicht genug Leute.“ Dieser Mangel führt zu einer Überlastung der vorhandenen Fachkräfte, zu höheren Preisen und letztlich zu einer Verschlechterung der kommunalen Infrastruktur. Wenn Schulen, Schwimmbäder oder Jugendzentren saniert werden müssen, ziehen sich die Bauzeiten oft in die Länge, weil Gewerke nicht zeitnah koordiniert werden können.

Bei meinen Besuchen in den vergangenen Wochen auf dem Schultenhof, einem traditionellen Handwerkerhof in Huckarde, und in den Gewerbegebieten an den Rheinischen Straßen wurde das Ausmaß der Frustration deutlich. Ein Elektromeister, der seinen Namen nicht nennen möchte, fasst es zusammen: „Wir sorgen dafür, dass das Licht angeht, dass es warm ist und dass das Wasser läuft. Aber in der öffentlichen Wahrnehmung sind wir unsichtbar, bis etwas nicht mehr funktioniert. Dann sind wir die ersten, die gerufen werden – und gleichzeitig die, die für alle Verzögerungen verantwortlich gemacht werden.“

Die mangelnde Unterstützung für das Handwerk trifft nicht alle Stadtteile und Bevölkerungsgruppen gleich. Besonders stark betroffen sind Gebiete mit vielen älteren Eigenheimbesitzern, wie etwa in Syburg oder im südlichen Brackel. Seniorenhaushalte sind oft auf zuverlässige, ortsnahe Handwerker angewiesen, die kleine Reparaturen schnell und vertrauensvoll erledigen. Fällt dieses lokale Netzwerk weg, führt das zu großer Verunsicherung und macht die Menschen abhängig von großen, oft teureren Firmen aus dem Umland.

Für junge Menschen in der Nordstadt oder in Dorstfeld, die nach einer praxisnahen Ausbildung und einem sicheren Job suchen, ist das Handwerk eine klassische Aufstiegsmöglichkeit. Doch wenn die Betriebe vor Ort kämpfen und keine Perspektive bieten, verliert dieser Weg an Attraktivität. „Mein Vater ist Stuckateur, aber er rät mir ab, in den Beruf einzusteigen“, erzählt der 17-jährige Schüler Emre aus der Nordstadt. „Er sagt, der Stress mit Behörden und die schlechte Planbarkeit seien zu groß.“ Hier schließt sich ein Teufelskreis: Geringe Wertschätzung führt zu weniger Nachwuchs, was die Betriebe schwächt, was wiederum die Dienstleistungen für die Gemeinschaft verschlechtert.

Die sozialen Folgen sind gravierend. Ein funktionierendes lokales Handwerk ist ein Kitt für den sozialen Zusammenhalt. Der Handwerker von nebenan ist oft auch derjenige, der beim Stadtteilfest den Grill aufbaut, der die Jugendfeuerwehr sponsert oder der Ausbildungsplätze für Jugendliche mit schwierigem Start anbietet. Schwinden diese Betriebe, verlieren die Stadtteile nicht nur Dienstleister, sondern auch engagierte Bürger und Stützen des Gemeinwesens.

Politisch gesehen ist das Thema Handwerk in Dortmund ein Querschnittsthema, das keine Fraktion klar für sich vereinnahmen konnte. Die CDU fordert traditionell Entbürokratisierung und mehr Freiräume für Unternehmen. Die SPD verweist auf ihre Erfolge in der Wirtschaftsförderung allgemein. Bündnis 90/Die Grünen betonen die Bedeutung des Handwerks für die Energiewende, etwa bei der Installation von Wärmepumpen. Und Die Linke spricht sich für bessere Tarifbindung und Arbeitsbedingungen aus. Eine gemeinsame, kraftvolle Initiative aller Fraktionen für das Handwerk ist jedoch nicht in Sicht.

Die Entscheidungsprozesse sind oft kleinteilig und wenig handwerksfreundlich. Die Vergabe von städtischen Bauaufträgen gilt als bürokratisch und für kleine Betriebe schwer zugänglich. „Die Ausschreibungen sind so komplex, dass wir dafür oft extra eine Person einstellen müssten, die nichts anderes macht“, klagt eine Dachdecker-Meisterin aus Schüren. Gleichzeitig wird in den Fachausschüssen des Rates zwar über den Fachkräftemangel debattiert, konkrete Beschlüsse wie die Einrichtung einer städtischen „Taskforce Handwerk“ oder die Schaffung von vergünstigten Gewerbeflächen scheitern regelmäßig an Haushaltsfragen oder an der Priorisierung anderer Projekte.

Die Kommunalwahl 2025 zeichnet sich bereits als potenzieller Wendepunkt ab. Es ist zu erwarten, dass Verbände wie die Handwerkskammer und starke Einzelstimmen wie die von Robert Wilbrand das Thema auf die Agenda der Parteien drängen werden. Der politische Druck wächst, denn die Auswirkungen der Vernachlässigung sind mittlerweile für jeden Wähler im Alltag spürbar.

Im Vergleich zu ähnlich strukturierten Städten wie Essen oder Duisburg steht Dortmund nicht allein da, hat aber spezifische Chancen verpasst. Essen hat früh eine „Allianz für Handwerk“ mit der örtlichen Wirtschaftsförderung und der Hochschule gegründet, die gemeinsame Forschungsprojekte und modernisierte Ausbildungswerkstätten hervorgebracht hat. In Duisburg profitiert das Handwerk von der engen Anbindung an den Logistiksektor und von gezielten Flächenbereitstellungen in den alten Hafengebieten.

National betrachtet spiegelt Dortmunds Situation einen bundesweiten Trend wider, ist aber durch die historisch starke Fokussierung auf den Strukturwandel vielleicht noch ausgeprägter. Während die Bundesregierung mit Kampagnen wie „Das Handwerk: Die Wirtschaftsmacht von nebenan“ um Nachwuchs wirbt, muss diese Botschaft auf kommunaler Ebene mit Leben gefüllt werden – durch attraktive Ausbildungsorte, eine wertschätzende politische Rhetorik und praktische Unterstützung für Betriebe bei der Digitalisierung und der Energiewende.

Was können Dortmunder Bürgerinnen und Bürger tun, um die Situation zu verbessern? Die Möglichkeiten der Einflussnahme sind vielfältiger, als viele denken.

  • Sich informieren und das Thema ansprechen
  • Lokal engagieren
  • Für junge Menschen und Eltern lohnt sich ein direkter Kontakt zu den Betrieben
  • Bewusst bei lokalen Handwerksbetrieben zu beauftragen
  • Aktiv an Berufsorientierungsmessen teilnehmen
  • Veranstaltungen wie den „Tag des Handwerks“ besuchen

Robert Wilbrand hat mit seiner Kritik eine tiefe Unzufriedenheit getroffen, die weit über seinen eigenen Betrieb hinausreicht. Die mangelnde Anerkennung für das Dortmunder Handwerk hat konkrete Folgen: Sie verlängert Wartezeiten für notwendige Reparaturen, schwächt die wirtschaftliche Basis in den Stadtteilen und gefährdet die Zukunftschancen für den technischen Nachwuchs. Kurzfristig führt dies zu höheren Kosten und Frustration. Langfristig untergräbt es die Widerstandsfähigkeit der städtischen Infrastruktur und den sozialen Zusammenhalt.

Die nächsten Schritte sind entscheidend. Die anstehenden Beratungen zum städtischen Haushalt für 2025 bieten die Möglichkeit, gezielt Mittel für die Modernisierung der handwerklichen Ausbildung und für eine stärkere handwerksorientierte Wirtschaftsförderung bereitzustellen. Die im Herbst stattfindende „Zukunftskonferenz Wirtschaft“ der Stadt muss das Handwerk prominent auf der Agenda haben. Und schließlich werden die Kommunalwahlen 2025 zeigen, ob die politischen Parteien erkannt haben, dass die Wirtschaftsmacht von nebenan eine verlässliche Partnerin für die Zukunft der Stadt ist – und nicht nur ein Störfaktor, wenn der Presslufthammer zu laut ist.

Letztlich geht es um mehr als nur um Wirtschaftsförderung. Es geht um die Frage, welche Art von Stadt Dortmund sein will: Eine, die nur auf große, spektakuläre Projekte setzt? Oder eine, die auch das wertschätzt und stärkt, was Tag für Tag vor unserer Haustür geschieht und unser aller Lebensqualität sichert – das Handwerk. Die Entscheidung liegt nicht nur bei der Politik, sondern bei uns allen als Kunden, als Nachbarn und als Bürger dieser Stadt.

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VonJulia Becker
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Julia ist eine engagierte Reporterin für den Süden Deutschlands mit Schwerpunkt auf München und Stuttgart. Sie schreibt über lokale Kulturveranstaltungen, das wirtschaftliche Stadtleben und Geschichten von Menschen, die ihre Region prägen. Ihre Beiträge zeichnen sich durch Nähe, Empathie und starke persönliche Perspektiven aus.
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