Gerade noch den ICE erreicht, noch schnell den Platz gefunden. Dann bleibt man einfach stehen. Mitten auf der Strecke. Wieder einmal. Um mich herum steigt das genervte Seufzen an, wird zu einem kollektiven Murmeln. Verspätung. Alltag bei der Deutschen Bahn. Doch während wir Fahrgäste uns abfinden, geht der härteste Kurswechsel im Unternehmen selbst vonstatten. Bahnchefin Evelyn Palla macht deutlich: Die größten Bremsklötze sitzen nicht in den Zügen, sondern in den Büros.
„Die Leistungskultur der Vergangenheit war für die Performance nicht ausreichend“, sagt Palla der „Welt am Sonntag“. Ihre Worte sind ein Frontalangriff auf die eigene Führungsetage. Sie spricht von „organisierter Verantwortungslosigkeit“, bei der Zuständigkeiten hin- und hergeschoben wurden. „Bei mehrfachen Zielverfehlungen wurden kaum Konsequenzen gezogen“, moniert sie. Früher habe ein gutes Erklärungsbuch gereicht, heute zählten nur noch messbare Ergebnisse. Eine Freundin, die im Konzern arbeitet, erzählt von einem langersehnten Wind in den rostigen Strukturen. Endlich werde Klartext geredet.
Doch Palla differenziert scharf. Ihre Kritik gilt nicht denen, die den Betrieb am Laufen halten. „Das sind meine Helden“, sagt sie über Lokführer, Gleisarbeiter und Zugbegleiter, die täglich improvisieren müssen. Die eigentliche Baustelle liegt woanders: in der Führungslogik. Ihr Ziel ist ein radikaler Umbau, weg von der aufgeblähten Zentrale, hin zu klarer Verantwortung vor Ort. „Pünktlichkeit beginnt mit einer klaren und transparenten Verantwortungsallokation an der richtigen Stelle“, so Palla. Eine einfache Formel für ein komplexes Desaster.
Die Dimension der Aufgabe ist gewaltig. Palla spricht von der „schwersten Krise der Unternehmensgeschichte“. Mit einem maroden Netz und einer Pünktlichkeit von unter 60 Prozent im Fernverkehr ist der Weg lang. Ihr Horizont reicht bis 2035, zum 200-jährigen Jubiläum der Bahn. Bis dahin, so hofft sie, soll das Gröbste geschafft sein. Es ist ein Generationenprojekt. Ihr harter Ton gegenüber dem Management ist der erste, notwendige Schritt. Er zeigt: Der Wandel beginnt nicht auf den Schienen, sondern in den Köpfen derer, die sie lenken sollen. Ob das reicht, um unser aller Alltag im Zug zu verändern, bleibt die nagende Frage.
- Leistungskultur der Vergangenheit
- Organisierte Verantwortungslosigkeit
- Messbare Ergebnisse zählen
- Klartext in den Strukturen
- Radikaler Umbau der Führungslogik
- Wandel in den Köpfen
| Aspekt | Details |
|---|---|
| Krisenstärke | „schwerste Krise der Unternehmensgeschichte“ |
| Pünktlichkeit | unter 60 Prozent im Fernverkehr |
| Zieljahr | 2035 – 200 Jahre Deutsche Bahn |