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Nachrichten Lokal > Nachrichten > Dortmund > Dortmunds Klohaus wird Kult-Friseursalon: Frank Griewels Geschichte
Dortmund

Dortmunds Klohaus wird Kult-Friseursalon: Frank Griewels Geschichte

Julia Becker
Zuletzt aktualisiert: Oktober 24, 2026 4:02 p.m.
Julia Becker
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Ein altes Klo steht im Westpark. Das ist kein Witz. Früher floss hier Urin von Parkbesuchern. Später trafen sich hier Männer im Verborgenen. Heute hört man hier das Summen eines Haarschneidegeräts und das Lachen von Menschen. Frank Griewel schneidet hier Haare. Er sagt, das hier sei sein bester Salon, den er je hatte. Man nennt ihn Kinky. Sein Laden heißt Kinkys.

Frank Griewel ist 59 Jahre alt. Sein Leben liest sich wie ein Drehbuch, das niemand zu schreiben gewagt hätte. Er war Friseurmeister. Er war drogenabhängig. Er hat Freunde an Aids verloren. Er hat überlebt. Seine Vergangenheit ist keine leichte Kost, aber sie gehört zu ihm. Er schämt sich nicht. Er bereut nichts, sagt er. Jede Narbe, jede Entscheidung hat ihn hierher geführt. An diesen besonderen Ort.

Das Klohaus im Westpark ist ein kleines, unscheinbares Backsteinhäuschen. Jahrzehntelang war es eine öffentliche Toilette, eine sogenannte «Pinkelrinne». In den 70er und 80er Jahren wurde es zu einem heimlichen Cruising-Treffpunkt für schwule Männer. Eine Zeit, die für viele mit Gefahr und Stigmatisierung verbunden war. Vor einigen Jahren wurde das Häuschen renoviert und umgebaut. Heute ist es ein einzigartiger Gewerberaum. Die Stadt Dortmund vermietet es. Die alte Pinkelrinne wurde nicht zugeschüttet. Sie wurde zu einem kleinen Teich umgebaut. Goldfische schwimmen dort, wo früher andere Dinge flossen. Frank fand das perfekt.

«Hier passt alles zusammen,» sagt Frank und blickt sich in seinem winzigen Reich um. Der Salon ist vielleicht zehn Quadratmeter groß. Jedes Detail erzählt eine Geschichte. Alte Friseurstühle, verspielte Deko, Fotos von vergangenen Tagen. Die Atmosphäre ist warm, intim und völlig unprätentiös. Hier kommt man nicht nur für einen Haarschnitt. Man kommt für ein Gespräch. Für eine Auszeit. Manche Kunden sitzen einfach da und schauen den Fischen zu. «Das ist Therapie,» meint Frank lächelnd.

Sein Weg hierher war alles andere als geradeaus. Mit 16 begann er die Friseurlehre. Das Handwerk lag ihm. Doch sein Leben nahm parallel andere Wege. Die Partyszene der 80er Jahre, der Umgang mit Drogen, besonders Kokain, zogen ihn in den Bann. Er erlebte den Höhepunkt der Aids-Krise hautnah mit. «Ich habe so viele Freunde verloren. Das vergisst man nie,» sagt er und seine sonst so lebendigen Augen werden für einen Moment still. Die Sucht kostete ihn irgendwann alles, auch seinen eigenen Salon. Er landete in der Obdachlosigkeit, kämpfte sich zurück, machte Entzug.

Durch all diese Zeiten blieb das Haareschneiden seine Konstante. Es war das Handwerk, das ihn immer wieder auffing. Er schnitt Freunden die Haare. Später, als es ihm besser ging, arbeitete er wieder in Salons. Aber das Gefühl, etwas Eigenes zu haben, fehlte. Bis er das Klohaus sah.

Die Idee, gerade hier einen Salon zu eröffnen, traf auf viel Kopfschütteln. Ein Friseurladen in einer alten Toilette? Aber Frank sah das Potenzial. Er sah die Geschichte des Ortes, seine Transformation. Er fühlte eine Verbindung. «Dieses Haus hat auch schon alles gesehen. Schmerz, Heimlichkeit, dann Renovierung, einen Neuanfang. So wie ich.» Für ihn war es die logische Konsequenz.

Die Anwohner und Parkbesucher waren zunächst skeptisch. Ein Friseur im Park? Schnell verwandelte sich das Kopfschütteln in Neugierde, dann in Begeisterung. Kinkys wurde zu einer kleinen lokalen Legende. Menschen kommen extra in den Westpark, um sich bei Frank die Haare schneiden zu lassen. Sie kommen aus dem Kiez, aus anderen Stadtteilen, manchmal sogar von weiter her. Sie schätzen die ungewöhnliche Lage, die entspannte Atmosphäre und vor allem Frank selbst. Er ist ein guter Zuhörer. Er urteilt nicht. In seinem kleinen Klohaus ist jeder willkommen.

Die Stadt Dortmund unterstützt das Projekt. Die Miete ist moderat, die Nutzungsidee kreativ. Das Klohaus ist ein Beispiel dafür, wie historische, etwas schwierige Bausubstanz mit neuem Leben gefüllt werden kann. Es ist kein Museum geworden. Es ist ein lebendiger Teil des Stadtteils. Kinder schauen neugierig durch die Tür. Spaziergänger winken. Stammkunden bringen Kaffee vorbei. Der Salon hat das soziale Gefüge im Park ein wenig verändert. Er hat einen Treffpunkt geschaffen, wo früher keiner war.

Frank arbeitet hier meistens allein. Termine macht er über WhatsApp. Manchmal hat er eine Aushilfe. Der Betrieb ist klein, persönlich und genau richtig so. Der Erfolg wird nicht an der Kasse gemessen, sondern an den Gesprächen, die geführt werden, und an den Menschen, die glücklich mit ihrer Frisur den Park wieder durchqueren. «Ich bin reich an Geschichten,» sagt Frank. «Das ist mehr wert als alles andere.»

Aspekt Details
Salonname Kinkys
Größe 10 Quadratmeter
Alter von Frank 59 Jahre
Hauptberuf Friseur
Besonderheit Friseursalon in altem Klo
Atmosphäre Warm, intim und unprätentiös

Seine eigene Geschichte wird nun verfilmt. Ein Dortmunder Filmemacher hat sich seiner angenommen. Das Drehbuch ist geschrieben, die Produktion soll bald starten. Frank findet das immer noch ein bisschen verrückt. Vom Klohaus ins Kino. Aber es passt. Sein Leben war nie normal, warum sollte es seine Erzählung sein?

Für die Menschen in Dortmund ist Kinkys mehr als nur ein Friseursalon. Es ist ein Symbol für Widerstandsfähigkeit. Es ist ein Beweis, dass auch die ungewöhnlichsten Orte eine schöne Bestimmung finden können. Es erinnert daran, dass jeder Mensch eine zweite, dritte oder vierte Chance verdient. Und dass Neuanfänge manchmal an den überraschendsten Orten beginnen. Sogar in einem alten Klo.

Frank schneidet weiter Haare. Die Fische schwimmen weiter ihre Runden in der ehemaligen Rinne. Und das Klohaus im Westpark, das schon so viel gesehen hat, beherbergt nun eine der positivsten Geschichten Dortmunds. Eine Geschichte von Verlust, Heilung und einem Haarschnitt, der genau zum richtigen Zeitpunkt kommt.

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VonJulia Becker
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Julia ist eine engagierte Reporterin für den Süden Deutschlands mit Schwerpunkt auf München und Stuttgart. Sie schreibt über lokale Kulturveranstaltungen, das wirtschaftliche Stadtleben und Geschichten von Menschen, die ihre Region prägen. Ihre Beiträge zeichnen sich durch Nähe, Empathie und starke persönliche Perspektiven aus.
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