Als am Samstagmorgen die ersten Ausflügler mit ihren Fahrrädern am Düsseldorfer Rheinufer eintrafen, erwartete sie eine ungewohnte Stille. Wo sonst das charakteristische Rumpeln der Fährdiesel zu hören ist, herrschte Ruhe. Die gelb-blauen Schiffe der „Rheinfähre Düsseldorf“ lagen vertäut an den Stegen, bewegungslos. Ein handgeschriebenes Schild an der Kasse brachte die Nachricht auf den Punkt: „Wegen extremen Niedrigwassers heute KEIN Betrieb. Wir bitten um Ihr Verständnis.“ Was wie eine vorübergehende Störung wirkt, ist der vorläufige Höhepunkt einer monatelangen Entwicklung. Der Rhein führt so wenig Wasser wie selten zu dieser Jahreszeit, und die Pegelstände sinken weiter. Für eine Stadt, deren Identität und Mobilität so eng mit ihrem Fluss verbunden sind, ist dies mehr als ein Verkehrshindernis – es ist ein Alarmsignal.
Der Pegelstand am Düsseldorfer Messpunkt lag am vergangenen Freitag bei nur noch 92 Zentimetern. Zum Vergleich: Der langjährige Mittelwert für Ende Mai liegt bei etwa 250 Zentimetern. Die für den Fährbetrieb kritische Marke, die sogenannte „Aufsetzgrenze“, ist bereits deutlich unterschritten. „Wenn der Pegel unter etwa 1,30 Meter fällt, können unsere Fähren die festen Anlegestellen am anderen Ufer einfach nicht mehr sicher erreichen“, erklärt Jörg Meuer, Geschäftsführer der Rheinfähre Düsseldorf GmbH. „Die Rampen liegen dann zu steil. Es besteht akute Unfallgefahr für Passagiere und erhebliche Beschädigungsgefahr für die Schiffe selbst.“ Sein Unternehmen, das die Linien zwischen Altstadt und Oberkassel sowie zwischen Lörick und dem Messeufer betreibt, hat den kompletten Betrieb eingestellt – ein Schritt, der in dieser Ausprägung selbst für erfahrene Flussleute außergewöhnlich ist.
„Ich stehe seit 27 Jahren auf dieser Brücke“, sagt Fährkapitän Markus T. auf der Steuerbrücke der Fähre „Düsseldorf“. Er blickt skeptisch auf den breiten Streifen trockengefallenen Kieses und Schlicks, der sich vor dem Anleger in Oberkassel auftut. „Einen so trockenen Frühling und Frühsommer habe ich noch nicht erlebt. Normalerweise haben wir jetzt noch die Schmelzwasser-Ausläufer aus den Alpen. Dieses Jahr? Nichts.“ Die Daten des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW (LANUV) bestätigen seinen Eindruck. Die Abflussmenge des Rheins bei Düsseldorf liegt derzeit bei nur rund 900 Kubikmetern pro Sekunde. Der mittlere Abfluss für Mai liegt bei über 1.400 Kubikmetern. Die Niedrigwasserphase, die üblicherweise im Spätsommer oder Herbst auftritt, hat sich um Monate vorgezogen.
Die Auswirkungen auf den Stadtverkehr und das Freizeitleben sind unmittelbar spürbar. Die Fähren transportieren an einem normalen Wochenende bis zu 8.000 Menschen – Radfahrer, Spaziergänger, Familien auf Ausflug. Sie sind eine lebenswichtige Verbindung für Pendler aus Oberkassel und Lörick in die Innenstadt und entlasten die ohnehin überlasteten Rheinbrücken. „Ich fahre jeden Tag mit dem Rad von Oberkassel zum Büro in der Altstadt. Mit der Fähre ist das in zehn Minuten erledigt. Jetzt muss ich den großen Umweg über die Oberkasseler Brücke nehmen, das sind 40 Minuten extra“, klagt Sarah Bergmann, eine betroffene Anwohnerin. Auch für den Freizeitverkehr ist der Ausfall ein harter Schlag. Die beliebte „Radtour rüber nach Lörick und am anderen Ufer zurück“ ist für viele Düsseldorfer unterbrochen. Cafés und Gastronomie an den Anlegestellen verzeichnen laut eigenen Aussagen bereits einen deutlichen Rückgang der Gästezahlen.
Die Stadtverwaltung zeigt sich besorgt, aber vorerst ratlos. „Die Schifffahrt unterliegt der Bundeswasserstraßengesetzgebung. Unsere direkten Einflussmöglichkeiten sind begrenzt“, sagt Stadtrat Markus Dittmer (Grüne), zuständig für Verkehr. Man stehe in engem Austausch mit dem Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt und dem Fährbetreiber. Notlösungen wie spezielle Niedrigwasserstege oder Boote mit geringerem Tiefgang sind kurzfristig nicht realisierbar und wären extrem kostspielig. „Wir beobachten die Entwicklung mit Sorge“, so Dittmer. „Dies ist kein kurzfristiges Wetterphänomen, sondern passt in das Bild der Klimakrise mit zunehmenden Extremen.“ Das Umweltamt der Stadt verweist auf eigene Prognosen, die bereits vor Jahren eine Zunahme von Niedrigwasserperioden im Rhein vorhergesagt haben. Die aktuelle Situation übertreffe jedoch die Erwartungen an Geschwindigkeit und Heftigkeit.
Wissenschaftler sehen darin eine klare Bestätigung der Klimamodelle. „Was wir am Rhein erleben, ist eine Verschiebung der hydrologischen Regime“, erklärt Dr. Lena Hartmann, Hydrologin an der Universität Bonn. „Weniger Schnee in den Alpen bedeutet weniger Schmelzwasser im Sommer. Gleichzeitig führen höhere Temperaturen zu stärkerer Verdunstung und damit zu geringeren Grundwasserständen, die den Fluss speisen.“ Sie warnt davor, die aktuelle Lage als Ausreißer zu betrachten. „Statistisch gesehen werden solche Niedrigwasserereignisse zukünftig häufiger und intensiver. Das hat massive Konsequenzen nicht nur für die Freizeitschifffahrt, sondern für die gesamte Wirtschaftslogistik, die Kühlwasserversorgung von Industrieanlagen und sogar die Trinkwassergewinnung.“
Für den Fährbetreiber Jörg Meuer ist die Lage existenziell. „Jeder Tag ohne Betrieb ist ein massiver finanzieller Verlust. Wir haben Fixkosten für Schiffe, Personal und Wartung, aber keine Einnahmen.” Zuschüsse der Stadt für derartige Betriebsunterbrechungen gibt es nicht. Die rund 30 Mitarbeiter, darunter viele Kapitäne und Matrosen mit jahrzehntelanger Erfahrung auf dem Rhein, müssen derzeit andere Aufgaben übernehmen oder stehen kurzarbeitergeregelt bereit. „Die große Frage ist: Wie lange dauert das? Wenn das der neue Normalzustand wird, müssen wir grundsätzlich über unsere Betriebskonzepte nachdenken. Vielleicht braucht es irgendwann völlig andere Schiffstypen für den Rhein.”
Die Düsseldorfer Bürger reagieren mit einer Mischung aus Verständnis und Frustration. An den Anlegern hat sich inzwischen eine kleine, improvisierte Gemeinschaft gebildet. Menschen tauschen sich über alternative Radrouten aus, andere nutzen die freien Bänke einfach für ein Picknick mit Blick auf den ungewöhnlich schmalen Strom. „Es ist traurig. Die Fähre gehört zu Düsseldorf wie der Radschläger“, sagt der Rentner Heinrich Scholl, der seit 40 Jahren in Oberkassel wohnt. „Man sieht dem Fluss seine Not an. Das sollte uns allen zu denken geben.“ Die örtliche Bürgerinitiative „Pro Rhein“ nutzt die Aufmerksamkeit und sammelt Unterschriften für ein verstärktes städtisches Engagement im Klimaschutz. „Der trockene Rhein ist das sichtbarste Symptom vor unserer Haustür. Die Politik muss jetzt handeln, lokal und überregional“, fordert Sprecherin Katrin Vogel.
Wann der Fährbetrieb wieder aufgenommen werden kann, ist völlig ungewiss. Es brachte längerfristige, ergiebige Niederschläge im gesamten Einzugsgebiet des Rheins – also bis in die Schweiz und die Alpenregionen. Kurze lokale Gewitter reichen nicht aus. Das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt gibt keine Prognose ab und verweist auf die dynamische Wetterlage. Für die kommenden Tage sagen die Meteorologen weiterhin sonniges und trockenes Wetter voraus, mit steigenden Temperaturen, die die Verdunstung weiter anheizen werden.
Der stille Rhein in Düsseldorf ist damit mehr als ein verkehrstechnisches Ärgernis. Er ist ein stummer, aber mächtiger Fingerzeig. Er zeigt, wie verwundbar selbst eine große, wohlhabende Stadt am Wasser durch die Folgen der Klimaerwärmung ist. Die Fähren, Symbole einer gelassenen, flussbezogenen Lebensart, liegen still. Ihr Ausfall macht auf sehr konkrete Weise spürbar, was abstrakte Klimadaten bedeuten: eine direkte Einschränkung der gewohnten Mobilität, des urbanen Lebens und eines Stücks Heimatgefühl. Die Stadt steht vor der Aufgabe, nicht nur kurzfristige Lösungen für die Fährverbindung zu finden, sondern langfristig ihre gesamte Anpassungsstrategie an ein sich wandelndes Klima zu überdenken. Die nächste Stadtratssitzung zum Thema „Klimafolgenanpassung und kritische Infrastruktur“ hat plötzlich eine neue, sehr greifbare Dringlichkeit erhalten. Bis dahin müssen die Düsseldorfer einen anderen Weg über den Fluss finden – oder auf das Wasser warten.
- Erwartete Stille am Rheinufer
- Kritischer Pegelstand von 92 Zentimetern
- Dauerhafte Auswirkungen auf Verkehr und Freizeit
- Erste Niedrigwasser-Phase des Jahres
- Besorgnis in der Stadtverwaltung
- Bürgerinitiativen zur Klima-Hilfe
| Aspekt | Wert |
|---|---|
| Pegelstand (Düsseldorf) | 92 cm |
| Langjähriger Mittelwert (Ende Mai) | 250 cm |
| Kritische Aufsetzgrenze | 1,30 m |
| Aktuelle Abflussmenge | 900 m³/s |
| Mittlerer Abfluss für Mai | 1.400 m³/s |
| Anzahl der Menschen, die Fähren am Wochenende nutzen | 8.000 |