Es ist ein grauer Julitag in Dresden, doch die Spannung rund um den Dresdner Sportpark 1, die Heimat von Dynamo Dresden, ist mit Händen zu greifen. Seit Wochen wartet die gesamte Stadt – die Vereinsführung, die Spieler, die ordentlichen Fans und nicht zuletzt die lokalen Behörden – auf ein entscheidendes Signal. Ein Signal, das über die Zukunft des Vereins in dieser Zweitliga-Saison mitentscheiden könnte. Am Montag war es dann so weit: Das Bundesgericht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) verhandelte den Einspruch des Vereins gegen die drastischen Strafen nach den schweren Ausschreitungen beim Heimspiel gegen Hertha BSC. Doch am Ende des Tages gab es keine endgültige Klarheit, sondern nur einen Aufschub. Die Nerven liegen blank.
Der Vorsitzende Richter Oskar Riedmeyer verkündete nach über vierstündiger, intensiver Verhandlung im Frankfurter DFB-Sitz eine Vertagung. „Dresden und der DFB-Kontrollausschuss bekommen die Möglichkeit, sich bis zum 4. August nochmal zu äußern. Am 6. August wird eine Entscheidung verkündet.“ Diese wenigen Sätze bedeuten weitere zwei Wochen des Bangens für den Traditionsverein aus der sächsischen Landeshauptstadt. Die ursprünglich verhängten Strafen des DFB-Sportgerichts sind hart: zwei Spiele ohne eigene Fans, also Geisterspiele, und eine Geldstrafe in fünfstelliger Höhe. Für einen Verein, der wirtschaftlich immer auf festem Grund stehen muss und dessen Finanzplanung stark von den Einnahmen am Spieltag abhängt, wäre dies ein schwerer Schlag. Vor allem das erste von der Strafe betroffene Heimspiel gegen den 1. FC Nürnberg am 24. August stellt einen massiven wirtschaftlichen Verlust dar.
Doch während die Entscheidung vertagt wurde, ließ Richter Riedmeyer in seinen mündlichen Äußerungen wenig Raum für allzu große Hoffnung. Er stellte unmissverständlich klar: „Das Verhalten der Fans ist nicht zu entschuldigen. Wir sehen die Strafe als verhältnismäßig an.“ Auch die von Dresdner Seite vorgebrachten Argumente, wonach Provokationen und erste aggressive Handlungen von Seiten der Berliner Gäste ausgegangen seien, ließ er nicht gelten. „Das ist kein Argument“, soll er gesagt haben. Der Kern des Streits in der Verhandlung lag vor allem in der Auslegung der Videobilder, die die chaotischen Szenen vom 11. Mai dokumentieren. Zwischen dem Gericht und Dynamos Anwalt Sven Piel gingen die Meinungen hierzu, wie es aus Verhandlungskreisen heißt, „weit auseinander“. Während die Anklage ein klar abgestimmtes, aggressives Vorgehen von Dynamo-Fans sieht, betonte die Verteidigung Einzelaktionen und eine generelle, aufgeheizte Stimmung, für die beide Seiten verantwortlich seien.
Was genau geschah an jenem schwarzen Samstag im Mai?
Um die Tragweite der anstehenden Entscheidung zu verstehen, muss man sich die Ereignisse beim Zweitliga-Spiel zwischen Dynamo Dresden und Hertha BSC am 11. Mai 2024 ins Gedächtnis rufen. Es war das vorletzte Heimspiel der Saison, die Stimmung im ausverkauften Stadion war ohnehin angespannt und geladen. In der 67. Spielminute eskalierte die Situation dann vollends. Chaoten aus beiden Fanlagern stürmten den Innenbereich des Rasens, es kam zu teils heftigen körperlichen Auseinandersetzungen. Parallel wurden massiv Pyrotechnik gezündet und teilweise in die jeweils gegnerischen Fanblöcke geworfen. Eine gefährliche Mischung aus Gewalt, Rauch und Panik.
Erst das entschlossene Eingreifen einer großen Anzahl von Polizeibeamten konnte die kritische Lage nach mehreren Minuten wieder unter Kontrolle bringen. Das Spiel wurde für volle 19 Minuten unterbrochen. Die Bilanz des Abends war düster: Mindestens 17 Personen, darunter auch Sicherheitskräfte, wurden verletzt. Die Bilder gingen bundesweit durch die Medien und waren ein weiterer Tiefpunkt in einer ohnehin von Fanproblemen geplagten Saison. Für die Stadt Dresden, die sich um ein weltoffenes und friedliches Image bemüht, war es eine Blamage. Für den Verein eine existenzielle Bedrohung, denn derartige Vorfälle ziehen nicht nur sportrechtliche, sondern auch zivilrechtliche und möglicherweise staatsanwaltschaftliche Konsequenzen nach sich.
Die Lage in Dresden: Zwischen Frust, Solidarität und großer Sorge
Die Vertagung der Entscheidung wird in der Dresdner Stadtgesellschaft mit gemischten Gefühlen aufgenommen. In den Büros der Vereinsführung am Ostragehege herrscht sicherlich Erleichterung darüber, dass das Urteil nicht sofort bestätigt wurde. Es bleibt ein winziges Zeitfenster für juristische Manöver und letzte Argumente. Vereinspräsident Andreas Ritter hatte in der Vergangenheit stets betont, man akzeptiere die Verantwortung für die Vorfälle, die Strafen seien aber in ihrer Härte unverhältnismäßig und träfen vor allem die falschen: nämlich den Verein als Ganzes und die friedliche Mehrheit der Fans.
„Wir fühlen uns ungerecht behandelt, weil der Kontext und die Mitverantwortung der Gästefans zu wenig berücksichtigt wird“, so ein Vereinssprecher gegenüber unserer Redaktion. Diese Position stößt bei vielen ordentlichen Fans in den Dresdner Stadtteilen wie Löbtau, Plauen oder in der Neustadt auf Verständnis. Sie fürchten die Kollektivstrafe, die sie, die sich stets regelkonform verhalten, von ihrem Verein und ihrem geliebten Fußball trennt. In den Fanprojekten und bei den aktiven Fangruppen wie der „Abteilung XX“ wird seit Wochen intensiv über Gewaltprävention und Deeskalation diskutiert. Man ist sich der problematischen eigenen Szene durchaus bewusst.
Ganz anders sieht die Stimmung bei den lokalen Behörden und in der Kommunalpolitik aus. Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) und Polizeipräsidentin Kerstin Vollrad haben nach den Ausschreitungen deutlich gemacht, dass sie mit der Geduld am Ende sind. Die Dresdner Polizei muss für jedes Zweitligaspiel einen enormen personellen und finanziellen Aufwand betreiben, der die städtischen Kassen belastet. Szenen wie im Mai gefährden aus ihrer Sicht nicht nur die Sicherheit, sondern auch den Standort Dresden als Gastgeber für große Veranstaltungen. „Solche Vorfälle schaden dem Ansehen unserer Stadt immens. Die rechtlichen Konsequenzen müssen spürbar sein, damit endlich ein Umdenken stattfindet“, kommentierte ein Vertreter des Ordnungsdezernats.
Auch im Stadtrat wird das Thema heiß diskutiert. Während linke und grüne Fraktionen eine noch härtere Gangart fordern und sogar dauerhafte Geisterspiele im Raum stehen, weisen andere darauf hin, wie wichtig Dynamo Dresden als identitätsstiftender Faktor und wirtschaftlicher Faktor für die Region ist. Ein wegbrechendes Millionen-Einkommen durch Geisterspiele könne den Verein in finanzielle Schwierigkeiten bringen, was wiederum Arbeitsplätze und das Vereinsleben gefährden würde.
Ein bundesweites Problem mit lokaler Brisanz
Der Fall Dynamo Dresden ist bei aller lokalen Spezifik kein Einzelfall. Gewalt und Pyrotechnik sind ein bundesweites Problem im deutschen Fußball. Die Entscheidung des DFB-Bundesgerichts wird daher über die Grenzen Sachsens hinaus genau beobachtet. Sie sendet ein Signal, wie der Verband künftig mit derart massiven Sicherheitsverstößen umgehen will. Sollte die Strafe bestätigt oder sogar verschärft werden, dürften das viele andere Vereine mit problematischen Fanszenen als Warnschuss verstehen. Sollte sie abgemildert werden, könnte dies als Zeichen der Schwäche interpretiert werden.
Für Dresden selbst geht es um mehr als nur um Fußball. Es geht um die Frage, wie eine Gesellschaft mit Gewalt im öffentlichen Raum umgeht. Es geht um den Schutz der vielen Familien, die sonst samstags ins Stadion gehen. Es geht um die Glaubwürdigkeit der Vereinsführung, die seit Jahren gegen eine gewaltbereite Minderheit in den eigenen Reihen kämpft. Und es geht schlichtweg um sehr viel Geld, das dem Verein für wichtige sportliche Investitionen fehlen würde.
Die Hoffnung bleibt also, aber sie ist fragil. Bis zum 4. August haben Anwalt Sven Piel und sein Team Zeit, ein letztes, überzeugendes Schriftsatz zu verfassen. Am 6. August um 10:30 Uhr wird dann Richter Riedmeyer im DFB-Sitz in Frankfurt das endgültige Urteil verkünden. Egal wie es ausgeht: Die Ausschreitungen vom Mai haben tiefe Wunden in der Dresdner Gemeinschaft hinterlassen. Ihre Heilung wird viel länger dauern als die paar Wochen bis zur nächsten gerichtlichen Entscheidung. Sie wird ein konsequentes Handeln aller Beteiligten erfordern – von der Vereinsführung über die Fans bis hin zu den Sicherheitsbehörden. Der Ball liegt nun, zumindest für kurze Zeit, wieder bei Dynamo Dresden.