Die frische Morgenluft über der Schwarzen Elster ist kühl, doch auf dem Marktplatz von Bad Liebenwerda herrscht schon am frühen Vormittag eine aufgeregte, freudige Stimmung. Fahrräder in allen Formen und Farben lehnen an den alten Bäumen, Helme werden geschnallt, und unter den Radfahrern wird gefachsimpelt. Heute ist kein gewöhnlicher Tag in der Kurstadt. Heute ist Etappenstart der „Tour Brandenburg“, und die Bürger sind eingeladen, ein Stück des längsten Radfernwegs Deutschlands selbst zu erfahren. Pünktlich gegen 9.45 Uhr soll sich der Tross in Bewegung setzen und Bad Liebenwerda hinter sich lassen.
„Mit rund 115 Kilometern führt ein beachtlicher Abschnitt der 1.111 Kilometer langen Tour Brandenburg durch den Landkreis Elbe-Elster“, erklärt ein Sprecher der Kreisverwaltung. Diese Zahl ist mehr als nur eine Statistik. Sie ist ein Versprechen auf eine Entdeckungsreise durch die oft übersehene, aber tiefgründige Schönheit der Lausitz. Die Strecke schlängelt sich nicht einfach nur vorbei – sie taucht ein. Sie führt durch die stillen Flusslandschaften entlang der Schwarzen Elster, durch dichte, harzige Wälder, vorbei an historischen Ortskernen, in denen die Zeit langsamer zu ticken scheint, und an Dutzenden von Sehenswürdigkeiten, die von einer reichen Vergangenheit erzählen. Für einen Tag wird der globale Fernradweg zur lokalen Gemeinschaftserfahrung.
Ein Weg, der mehr verbindet als nur Orte
Die „Tour Brandenburg“, vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) konzipiert, ist mit ihren 1.111 Kilometern ein monumentales Projekt. Sie umrundet Berlin einmal komplett und erschließt so das gesamte Brandenburg. Sie ist eine Einladung, das Bundesland nicht als Transitfläche zwischen Metropolen zu begreifen, sondern als eigenständige, vielfältige Heimat. Wer sich auf ihren Sattel begibt, kann:
- 31 Städte mit historischem Kern besuchen
- elf Naturparks durchstreifen
- drei Biosphärenreservate entdecken
- den einen Nationalpark, den Unteren Odertal, erkunden
- die reiche Geschichte der Region erleben
- und die vielfältige Natur genießen
Doch an Tagen wie heute, an sogenannten Etappenstarts, verwandelt sich dieses große Projekt in etwas sehr Persönliches und Lokales. Ausgebildete Tour-Guides begleiten die Gruppe. Sie sind nicht nur Wegweiser, sondern auch Erzähler. Sie kennen die Geschichten hinter den alten Backsteinfassaden in Elsterwerda, sie wissen, wo sich der seltene Seeadler am Himmel zeigt, und sie können erklären, warum die Moorlandschaften um Schönewalde so besonders schützenswert sind. Diese geführten Touren demokratisieren das Radfahren. Es geht nicht um sportliche Höchstleistung, sondern um das gemeinsame Erleben, um den Austausch und darum, die eigene Region mit den Augen eines Entdeckers zu sehen.
Bad Liebenwerda als pulsierender Startpunkt
Für Bad Liebenwerda ist dieser Tag eine besondere Gelegenheit. Die Stadt, bekannt für ihre Kurkliniken und das Niederlausitz-Museum, rückt in den Fokus eines landesweiten Publikums. Der Etappenstart bringt nicht nur Radbegeisterte aus der Umgebung zusammen, sondern lockt auch Gäste von weiter her an, die vielleicht das erste Mal hierherkommen. Das ist mehr als nur Tourismusförderung. Es ist eine Chance, das Image der Region zu schärfen, weg von Klischees über die „braune Lausitz“, hin zu einem lebendigen Ort der Natur, Kultur und Bewegung.
Die lokalen Wirtschaftsvertreter spüren diesen Effekt. „Solche Events beleben ganz direkt unser Geschäft“, sagt eine Café-Besitzerin, die schon seit den frühen Morgenstunden damit beschäftigt ist, belegte Brötchen und Kaffee für die Teilnehmer vorzubereiten. „Die Leute starten hier, und viele kommen nach der Tour auch wieder zurück, um sich in der Stadt umzusehen oder hier zu essen. Das ist ein schöner Kreislauf.“ Die „Tour Brandenburg“ zeigt damit auch eine wirtschaftliche Dimension nachhaltigen Tourismus auf: Sie lenkt den Fluss der Besucher in die kleineren Städte und Dörfer abseits der großen Hauptattraktionen und sorgt so für eine gerechtere Wertschöpfung in der gesamten Region.
Die soziale Kraft des gemeinsamen Radelns
Abseits der wirtschaftlichen und touristischen Aspekte hat der Tag eine starke soziale Komponente. Auf dem Marktplatz treffen sich Generationen. Neben dem rüstigen Rentner auf seinem hochwertigen E-Bike steht die junge Familie mit dem Lastenrad, in dem der Nachwuchs kuschelt. Vereine nutzen die Gelegenheit für gemeinsame Ausfahrten, und auch viele Einzelpersonen schließen sich einfach der Gruppe an, um Gesellschaft beim Radeln zu haben.
„Man ist einfach nicht allein unterwegs“, sagt ein Teilnehmer, der sonst meist solo seine Runden dreht. „Hier trifft man auf Gleichgesinnte, kommt ins Gespräch, tauscht Tipps aus. Das macht einfach Spaß und gibt einem das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein.“ In einer Zeit, in der Vereinsamung und der Rückzug in private Räume oft thematisiert werden, schafft ein solches Event niedrigschwellige Begegnungsmöglichkeiten. Das gemeinsame Ziel, die geteilte Anstrengung und die Freude über die zurückgelegten Kilometer schweißen zusammen, wenn auch nur für einen Tag.
Ein Modell für die Zukunft der Mobilität und des Tourismus
Die „Tour Brandenburg“ und ihre lokalen Etappenstarts wie in Bad Liebenwerda sind mehr als nur eine Freizeitaktivität. Sie sind ein lebendiges Beispiel dafür, wie nachhaltige Mobilität aussehen kann. Sie zeigen, dass das Fahrrad nicht nur ein Verkehrsmittel für den urbanen Raum ist, sondern auch das ideale Fortbewegungsmittel, um ländliche Regionen schonend und intensiv zu erkunden. Sie entlasten die Umwelt, fördern die Gesundheit der Menschen und stärken die lokale Wirtschaft.
Für die Kommunalpolitik im Landkreis Elbe-Elster sollte dies ein Ansporn sein, die Radinfrastruktur weiter mit Nachdruck auszubauen. Sichere, gut beschilderte und gepflegte Radwege sind nicht nur für Fernradtouristen essentiell, sondern verbessern auch die Lebensqualität der Einheimischen im Alltag. Die heute erlebte Begeisterung sollte in konkrete Investitionen und Planungen münden. Die Teilnehmer von heute sind die Botschafter von morgen. Ihre positiven Erfahrungen auf den 115 Kilometern durch den Landkreis werden weitergetragen und werben für die Region.
Als sich der Pulk am Morgen endlich in Bewegung setzt und sich langsam über die Brücke der Schwarzen Elster schiebt, ist das Bild ein Symbol der Hoffnung. Es ist das Bild einer Gemeinschaft in Bewegung, die ihre Heimat aktiv erfährt und neu schätzen lernt. Die „Tour Brandenburg“ macht heute nicht nur Station in Bad Liebenwerda – sie lässt die Stadt und ihre Menschen für einen Tag im Herzen eines landesweiten Netzwerks aus Natur, Kultur und Gemeinschaftsgeist pulsieren. Und wer weiß? Vielleicht entdeckt der eine oder andere Einheimische auf dieser Fahrt ein Stück seiner Heimat, das ihm bis heute verborgen geblieben war. Das ist vielleicht die schönste Wirkung dieses besonderen Tages.
| Bereich | Details |
|---|---|
| Streckenlänge | 1.111 Kilometer |
| Abschnitt im Landkreis | 115 Kilometer |
| Besuchte Städte | 31 |
| Naturparks | 11 |
| Biosphärenreservate | 3 |
| Nationalpark | 1 (Unteres Odertal) |