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Nachrichten Lokal > Nachrichten > Essen > Essener Suchthilfe startet Kleinbus-Projekt für Drogenkranke
Essen

Essener Suchthilfe startet Kleinbus-Projekt für Drogenkranke

Julia Becker
Zuletzt aktualisiert: Juli 27, 2026 3:58 p.m.
Julia Becker
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Essen. Wenn die Dunkelheit über die Stadt hereinbricht und sich das normale Leben in die Häuser zurückzieht, beginnt an bestimmten Orten eine andere Realität. An den Hotspots der Drogenszene, wie am Hauptbahnhof oder im Schatten des alten Kaufhauses an der Kettwiger Straße, sammeln sich Menschen, für die der nächste Schuss das einzige Ziel ist. Ein Kreislauf aus Schmerz, Abhängigkeit und Einsamkeit, der für viele Außenstehende unsichtbar bleibt. Diesen Kreislauf will die Essener Suchthilfe nun mit einer neuartigen Initiative durchbrechen: einem mobilen Kleintransporter, der ab nächsten Monat gezielt diese Orte ansteuert, um Süchtige direkt abzuholen und in die Beratungs- und Behandlungsangebote zu bringen.

Sozialarbeiter fahren zu den Menschen, statt auf sie zu warten

Das Projekt, das in enger Abstimmung mit dem Gesundheitsamt und der Polizei entwickelt wurde, stellt einen fundamentalen Wandel in der Suchthilfestrategie dar. Bislang basierte das System oft auf der „Komm-Struktur“: Hilfesuchende mussten den Weg in eine der festen Beratungsstellen selbst finden – eine für viele unüberwindbare Hürde. Der neue, diskret gestaltete Kleinbus schafft eine „Geh-Struktur“. Ausgestattet mit zwei erfahrenen Sozialarbeitern und einer Krankenschwester, wird er voraussichtlich drei Nächte pro Woche im Stadtgebiet unterwegs sein. „Wir verlassen unsere Komfortzone und begeben uns dorthin, wo die Not am größten ist“, erklärt Birgit Feldmann, die Geschäftsführerin der Essener Suchthilfe. „Unser Ziel ist es, Vertrauen aufzubauen, akute Krisen zu entschärfen und niedrigschwellige Kontakte zu knüpfen. Wenn jemand bereit ist, gehen wir sofort ins Zentrum. Wenn nicht, bieten wir Wasser, Verbandszeug oder einfach nur ein Gespräch an.“

Der Bedarf für ein solches Angebot ist enorm und wächst stetig. Die aktuellen Zahlen der städtischen Drogenstatistik sind alarmierend: Die Anzahl der Menschen, die in Essen wegen Problemen mit Crack-Konsum Hilfe suchten, hat sich in den letzten drei Jahren fast verdoppelt. Während 2023 noch 280 Fälle registriert wurden, waren es im vergangenen Jahr bereits über 500. Crack, eine rauchbare Form von Kokain, führt zu einer besonders schnellen und schweren Abhängigkeit und verursacht massive soziale Verwahrlosung. „Wir sehen einen klaren Trend hin zu diesem Stoff“, bestätigt Sozialarbeiter Markus Voigt, der seit 15 Jahren in der Streetwork tätig ist. „Die Konsumenten sind oft schneller obdachlos, die psychischen und körperlichen Verfallserscheinungen sind brutaler. Diese Menschen fallen durch die Maschen des klassischen Hilfesystems, weil sie es nicht mehr schaffen, einen Termin wahrzunehmen oder stundenlang in einem Wartezimmer zu sitzen.“

Zwischen Hilfeangebot und öffentlicher Ordnung: Eine Gratwanderung

Das Bus-Projekt bewegt sich in einem politisch und gesellschaftlich sensiblen Spannungsfeld. Auf der einen Seite steht der dringende humanitäre Auftrag, schwerstkranken Menschen zu helfen. Auf der anderen Seite stehen die berechtigten Interessen der Anwohner und Gewerbetreibenden in den betroffenen Vierteln wie dem Stadtkern, dem Westviertel oder Altendorf, die unter der offenen Drogenszene, Vermüllung und gelegentlichen Kleinkriminalität leiden. Der Essener Ordnungsdezernent, Frank Zabel (CDU), unterstützt das Projekt klar: „Sicherheit und Sauberkeit im öffentlichen Raum sind uns ein großes Anliegen. Die beste Maßnahme dafür ist jedoch nicht nur wegzusperren, sondern die Ursachen anzugehen. Wenn dieser Bus Menschen von der Straße und in Behandlung bringt, entlastet das auch die Situation vor Ort.“ Kritische Stimmen, vor allem aus der Anwohnerschaft, fragen jedoch, ob dies nicht eine Art „Abholservice“ für ein asoziales Verhalten schaffe. „Wir wollen keine Paralleljustiz sein“, entgegnet Birgit Feldmann darauf. „Unser Bus ist kein Taxi in die Straffreiheit. Er ist eine rollende Ambulanz für eine psychische und körperliche Krankheit, die die Betroffenen nicht mehr allein bewältigen können.“

Finanziert wird das Pilotprojekt zunächst für zwei Jahre mit Mitteln aus dem Landesförderprogramm „Integrierte Hilfen für suchtmittelabhängige Menschen“ und einem Eigenanteil der Stadt. Die Gesamtkosten belaufen sich auf etwa 300.000 Euro pro Jahr, inklusive Personalkosten, Fahrzeugunterhalt und Material. Ein vergleichbares Modell läuft bereits mit Erfolg in Köln, wo ein sogenannter „Fixpunkt-Bus“ seit 2022 im Einsatz ist und laut Kölner Gesundheitsamt mehrere hundert Kontakte pro Monat verzeichnet, von denen ein signifikanter Teil in weiterführende Hilfe vermittelt werden konnte.

Ein Tag mit den Streetworkern: Vertrauen ist die härteste Währung

Um zu verstehen, wie die Arbeit aussehen soll, begleiten wir Markus Voigt und seine Kollegin Sarah Brenner zu einem der bekannten Treffpunkte an einem kühlen Abend. Der Platz hinter dem Hauptbahnhof ist nur schwach beleuchtet. In kleinen Gruppen stehen oder hocken Menschen. Die Anspannung ist spürbar. Der erste Schritt der Sozialarbeiter ist nie direkt auf jemanden zuzugehen. Sie stellen sich sichtbar an ihr Fahrzeug, öffnen die Hecktür, an der eine kleine Thermoskanne mit Tee und eine Box mit Obst stehen. „Das ist unsere Visitenkarte“, sagt Sarah Brenner leise. „Sie müssen wissen, dass wir da sind. Irgendwann kommt meist jemand.“ Nach etwa zehn Minuten schleppt sich ein junger Mann, er wirkt abgemagert und zitternd, heran. „Habt ihr ‘n Pflaster?“, murmelt er, zeigt auf eine entzündete Wunde an seinem Handrücken. Während Sarah die Wunde versorgt, kommt ein zweiter Mann, den alle nur „Kalle“ nennen. Er kennt Voigt von früheren Begegnungen. „Ich schaff’s einfach nicht, Markus. Dieser ganze Bürokratiekram…“, seufzt er. Voigt nickt. „Das wissen wir, Kalle. Deshalb kommt bald der Bus. Der bringt dich direkt zu uns, ohne dass du irgendwo anrufen musst. Wir kümmern uns um den Rest.“ In den Augen des Mannes blitzt kurz etwas auf – nicht Hoffnung, vielleicht Erleichterung. Ein winziger, aber entscheidender Moment.

Was bedeutet das für Essen? Ein Perspektivwechsel

Das Projekt ist mehr als nur ein neues Fahrzeug im Stadtbild. Es symbolisiert einen Perspektivwechsel im Umgang mit einer der schwierigsten sozialen Herausforderungen unserer Stadt. Statt Drogenkranke als bloßes Ordnungsproblem zu sehen, das weggeschoben werden muss, werden sie als Patienten einer komplexen Erkrankung behandelt, die aktive, aufsuchende Medizin benötigt. Für die direkt Betroffenen kann der Bus die lebensrettende Brücke aus der Isolation sein. Für die Anwohner in den betroffenen Quartieren könnte es langfristig zu einer sichtbaren Beruhigung der Lage führen, wenn Süchtige regelmäßig in stabilisierende Maßnahmen vermittelt werden.

Der Erfolg wird sich nicht in kurzfristigen Zahlen messen lassen. Sucht ist ein Marathon, kein Sprint. Der erste, wichtige Schritt ist jedoch getan: Die Stadt Essen geht aktiv dorthin, wo die Not am größten ist. Der rollende Hilfebus wird ab September seine Runden durch die dunklen Ecken unserer Stadt drehen. Er wird keine Wunder vollbringen können. Aber er wird dort sein. Und manchmal, da ist genau das der entscheidende Unterschied zwischen Verzweiflung und der Chance auf einen neuen Anfang.

  • Initiative zur Unterstützung von Süchtigen
  • Mobiler Kleintransporter im Einsatz
  • Enger Austausch mit Gesundheitsamt
  • Aufsuchende Sozialarbeit
  • Bereitstellung von Ersthilfen
  • Finanzierung durch Landesförderprogramm
Jahr Anzahl der Fälle
2021 über 500
2022 über 500
2023 280


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VonJulia Becker
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Julia ist eine engagierte Reporterin für den Süden Deutschlands mit Schwerpunkt auf München und Stuttgart. Sie schreibt über lokale Kulturveranstaltungen, das wirtschaftliche Stadtleben und Geschichten von Menschen, die ihre Region prägen. Ihre Beiträge zeichnen sich durch Nähe, Empathie und starke persönliche Perspektiven aus.
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