Ein lauer Sommerabend im Hamburger Stadtteil Berne endet in einer Tragödie, die eine Familie in Trauer stürzt und eine Gemeinschaft mit Fragen zurücklässt. Am späten Samstagabend, gegen 22:47 Uhr, eskalierte ein Streit zwischen vier jungen Männern im Bereich des Berner Heerwegs am U-Bahnhof Berne. Was mit Worten begann, endete mit tödlicher Gewalt. Ein 24-Jähriger erlitt lebensbedrohliche Stichverletzungen und starb wenig später im Krankenhaus. Ein zweiter, 19 Jahre alter Mann wurde ebenfalls lebensgefährlich verletzt, sein Zustand hat sich nach einer Notoperation aber stabilisiert. Die Mordkommission ermittelt.
Die ersten Ermittlungsergebnisse der Polizei Hamburg zeichnen ein erschütterndes Bild. Nach jetzigem Stand soll es im Verlauf der Auseinandersetzung auch zu Schussabgaben mit einer Schreckschusswaffe gekommen sein. Am Tatort sicherten die Beamten diese Waffe sowie mehrere Messer. Durch Zeugenhinweise und Fahndungsmaßnahmen konnte noch in der Nacht ein 22-jähriger Mann vorläufig festgenommen werden. Bei ihm handelt es sich laut Polizei um einen ungarischen Staatsangehörigen, der nach der Tat mit einem Taxi vom Ort des Geschehens floh. Gegen ihn wird wegen des Verdachts eines Verstoßes gegen das Waffengesetz ermittelt. Die Identität eines vierten, an der Auseinandersetzung beteiligten Mannes, ist hingegen noch völlig unklar. Die Polizei sucht intensiv nach ihm und appelliert an die Öffentlichkeit: Wer etwas gesehen oder gehört hat, wird gebeten, sich unter der Telefonnummer 040 4286-56789 beim Hinweistelefon der Polizei Hamburg oder bei jeder Polizeidienststelle zu melden.
Der U-Bahnhof Berne, ein zentraler Knotenpunkt im Hamburger Osten, an dem sich die Linien U1 und U3 kreuzen, ist am Sonntagmorgen ein Ort der Stille und des Unbehagens. Die übliche Sonntagsruhe wird überlagert von der Nachricht des gewaltsamen Todes. Anwohner, die die Gegend kennen, sprechen von einem generell ruhigen Viertel, in dem solche Vorfälle extrem selten sind. „Man fährt hier jeden Tag ein und aus, denkt über den Einkauf oder die Arbeit nach. Dass so etwas passieren kann, direkt an der eigenen Haustür, das macht mich sprachlos“, sagt eine ältere Anwohnerin, die ihren Namen nicht nennen möchte. Sie habe zwar keine Schüsse gehört, aber später die vielen Blaulichter der Einsatzfahrzeuge gesehen. Der Berner Heerweg, eine vielbefahrene Straße, die das Zentrum von Berne mit den umliegenden Wohngebieten verbindet, war über Stunden großräumig abgesperrt. Spurensicherer in weißen Overalls suchten minutiös den Gehweg und die Bushaltestelle ab, während Passanten schweigend stehen blieben.
Die Ermittlungen der Mordkommission konzentrieren sich nun auf mehrere zentrale Fragen:
- Was war der Auslöser für den tödlichen Streit?
- Handelte es sich um eine spontane Auseinandersetzung?
- Gab es Vorgeschichten zwischen den Beteiligten?
- Wer ist der vierte Mann, der noch immer gesucht wird?
- Wer führte welche Waffe?
- Wer führte die tödlichen Stiche aus?
Die Polizei geht derzeit von mindestens vier Beteiligten aus. Die festgenommene Person ist zunächst nur im Zusammenhang mit der Schreckschusswaffe verdächtig. Die genauen Tatumstände sollen nun durch forensische Untersuchungen, Auswertung von Videoaufnahmen aus dem Umfeld und durch Zeugenaussagen geklärt werden.
Die Suche nach Zeugen ist deshalb von entscheidender Bedeutung. „Jedes noch so kleine Detail kann wichtig sein“, betont ein Polizeisprecher. Gemeint sind Menschen, die zwischen 22:30 und 23:00 Uhr am U-Bahnhof Berne unterwegs waren, vielleicht auf dem Weg von oder zur U-Bahn, die aus dem Fenster geschaut haben oder in einem der nahegelegenen Geschäfte waren. Auch Taxifahrer werden gebeten, sich zu melden, falls sie in dem genannten Zeitraum eine Fahrt im Bereich Berne durchgeführt haben. Die Ermittler hoffen, durch solche Mosaiksteinchen den Ablauf der Tat minutiös rekonstruieren und den flüchtigen vierten Beteiligten identifizieren zu können.
Für die Familie des getöteten 24-Jährigen bricht indes eine Welt zusammen. Ein junges Leben, das gerade erst wirklich begonnen hatte, ist abrupt und sinnlos beendet. Die Nachricht von solchen Gewalttaten, die aus scheinbar alltäglichen Konflikten heraus eskalieren, löst auch in der weiteren Nachbarschaft Betroffenheit und Besorgnis aus. Sie wirft Fragen auf nach dem Umgang mit Konflikten, nach der Verfügbarkeit von Waffen – sei es auch „nur“ eine Schreckschusswaffe – und nach dem Sicherheitsgefühl im öffentlichen Raum. Der U-Bahnhof ist für viele Bewohner von Berne, Farmsen und den umliegenden Stadtteilen ein alltäglicher Transitort, kein Ort, an dem man Gefahr vermutet.
Die Polizei hat ihre Präsenz in dem Gebiet vorerst verstärkt, um das Sicherheitsgefühl der Bürger zu stützen und weitere Ermittlungen vor Ort zu unterstützen. Der Tod des jungen Mannes ist der traurige Höhepunkt einer Reihe von Gewaltvorfällen, die auch Hamburg in den letzten Monaten beschäftigt haben. Er zeigt auf schreckliche Weise, wie schnell verbale Auseinandersetzungen in physische Gewalt umschlagen können, wenn Waffen im Spiel sind.
Während die Ermittler ihre Arbeit fortsetzen, bleibt die Gemeinschaft mit einem Gefühl der Fassungslosigkeit zurück. Ein sonst so vertrauter Ort des Alltags ist zum Tatort geworden. Die Hoffnung ist nun, dass sich Zeugen melden, um zur Aufklärung beizutragen und der Familie des Opfers wenigstens die Gewissheit über den genauen Hergang zu geben. Bis dahin lastet die schwere Stille des Ungewissen über dem U-Bahnhof Berne.