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Nachrichten Lokal > Nachrichten > Essen > Essenerinnen radeln 1.900 km für Spendenprojekte – Begleiten Sie die Reise!
Essen

Essenerinnen radeln 1.900 km für Spendenprojekte – Begleiten Sie die Reise!

Julia Becker
Zuletzt aktualisiert: August 21, 2026 3:20 p.m.
Julia Becker
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Die Essener Innenstadt

Die Essener Innenstadt ist an diesem nasskalten Augustmorgen in ein tristes Grau getaucht. An einem unscheinbaren Parkplatz nahe der Kreuzeskirche herrscht jedoch eine andere Stimmung. Hier stehen Nezahat Ince, Susan Krieger und Kerstin Kühn bereit. Ihre Fahrräder sind bis zum letzten Zentimeter mit wasserdichten Taschen beladen. Der Regen, der seit Stunden unerbittlich auf das Pflaster prasselt, scheint sie nicht zu beeindrucken. Ihr Ziel ist größer als ein bisschen Nässe: Saint Tropez. Rund 1.900 Kilometer entfernt. Nicht im Luxus-Express, sondern auf dem Sattel, mit eigener Muskelkraft.

„Wir hoffen, dass die Spenden genauso tröpfeln wie der Regen“, sagt Nezahat Ince mit einem wissenden Lächeln in die Kamera eines WDR-Reporterteams, bevor sie sich mit den anderen in ein trockenes Büro zurückzieht. Hinter den gut gelaunten Gesichtern steckt monatelange Planung und ein klares Ziel: Drei soziale Projekte in ihrer Heimatstadt Essen unterstützen. Die Tour „Kilometer mit Herz“ soll Geld bringen für die Bekämpfung von Altersarmut in Essen, für kranke Kinder der Essener Klinikschule und für medizinische Nothilfe für Geflüchtete im Libanon. Die Essener Organisation „I do“ wird die Spenden verwalten.

Die Vorbereitungen waren intensiv. Die drei Freundinnen, alle um die 60, haben Sponsoren akquiriert, die sich Plätze auf ihren Trikots sicherten. Sie haben einen YouTube-Kanal eingerichtet, posten regelmäßig auf Instagram und haben so bereits eine treue Community von über 320 Followern aufgebaut. Der Erfolg gab ihnen recht, noch bevor der erste Tritt in die Pedale kam: Sage und schreibe 12.000 Euro sammelten sie im Vorfeld ein. Ein beeindruckender Betrag, der zeigt, wie sehr ihr Anliegen in der Essener Bürgerschaft auf Resonanz stößt.

Doch dann, nach den Interviews, der erste Rückschlag. Zurück an den Rädern blickt Susan Krieger in leere Halterungen. „Meine Satteltasche ist weg. Die schon fertig gepackt war. Alles war da drin.“ Die 62-Jährige bricht in Tränen aus. Diebstahl auf offener Straße, direkt vor der Kreuzeskirche? In diesem Moment symbolisiert die verschwundene Tasche mehr als nur ersetzbare Ausrüstung; sie steht für die Verwundbarkeit eines solch groß angelegten privaten Engagements. Ihre Freundinnen trösten sie. „Ich hab sowieso alles doppelt und dreifach“, versichert Kerstin Kühn. Und Susan, geknickt, aber ungebrochen, entscheidet sofort: „Ich fahre trotzdem.“

Die eigentliche Tour beginnt dann mit einer unerwarteten Wendung. Nach nur einer Stunde gemeinsamer Fahrt im Dauerregen müssen sich die Wege vorübergehend trennen. Der Grund liegt in der beruflichen Verantwortung der Frauen. Susan Krieger arbeitet in einer Apotheke und stellt Morphiumpumpen für Palliativstationen und Hospize her – eine unersetzliche Arbeit für schwerkranke Menschen. „Es ist kein anderer da, der das machen kann. Deswegen muss ich mich heute ausklinken“, erklärt sie. Kerstin Kühn hat ähnliche berufliche Verpflichtungen. Der Plan ist nun, dass beide einen Tag später mit dem Zug nach Freiburg reisen und dort aufs Rad steigen. Die private Wohltätigkeitsmission kollidiert hier mit der beruflichen Pflicht – ein realistisches Bild engagierter Bürgerinnen, die ihr Ehrenamt neben Job und Alltag stemmen.

So startet Nezahat Ince zunächst allein in das Abenteuer. Die Online-Community fährt virtuell mit. Doch das nordrhein-westfälische Schmuddelwetter schlägt wieder zu. Nach 75 Kilometern, weit vor dem geplanten Tagesziel, muss sie in Dormagen eine Zwangspause einlegen. Ihr Handy, ihr Link zur Außenwelt und zu ihren Spendern, hat sich mit Wasser vollgesogen und lässt sich nicht mehr laden. Ohne Navigation und Kommunikation geht es nicht weiter. Während sie Powerbank und Gerät trocknet, kommt die erlösende Nachricht von Susan: Die vermisste Satteltasche war nicht gestohlen worden. Susans Mann hatte sie im Straßengraben gefunden. Sie war wohl einfach abgerutscht. Eine kleine Erleichterung in einem an Hindernissen reichen Start.

Nezahat kämpft sich weiter, Kilometer für Kilometer, vorbei an den flachen, regnerischen Ufern des Rheins, am Kölner Dom vorbei, bis nach Bonn. Die Etappenunterkünfte und Verpflegung zahlen die Frauen übrigens aus eigener Tasche – ein wichtiges Detail, das die Seriosität ihrer Spendenaktion unterstreicht. Jeder gespendete Euro kommt tatsächlich den Projekten zugute.

Diese Tour ist für das Trio keine spontane Verrücktheit. Vergangenes Jahr bewältigten sie bereits gemeinsam die Strecke nach Paris. Die Herausforderung Saint Tropez ist jedoch eine neue Dimension: 15 Etappen, die sie bis Anfang September zurücklegen wollen. Es geht um Ausdauer, Durchhaltevermögen und vor allem um die Kraft der Gemeinschaft. Der holprige Start mit Regen, Diebstahlsangst und technischen Pannen ist dabei vielleicht die passendste Vorbereitung. Er zeigt, dass bürgerschaftliches Engagement kein Sonntagsspaziergang ist, sondern oft ein Ringen mit Widrigkeiten.

Für Essen ist diese Aktion mehr als nur eine kurzweilige Nachricht. Sie ist ein Beispiel gelebter Solidarität. In einer Zeit, in der kommunale Haushalte oft an ihre Grenzen stoßen und soziale Projekte um jede Förderung kämpfen müssen, springen hier drei Bürgerinnen in die Bresche. Sie nutzen ihre Leidenschaft, das Radfahren, um konkret etwas zu bewegen: in den Essener Stadtteilen, wo Seniorinnen und Senioren von Altersarmut betroffen sind, in den Krankenzimmern der Klinikschule und tausende Kilometer entfernt im Libanon. Sie verbinden lokales Handeln mit globaler Verantwortung.

  • Unterstützung lokal
  • Bekämpfung von Altersarmut
  • Medizinische Nothilfe
  • Spendenverwaltung durch „I do“
  • Monatliche Planung
  • Engagement durch Radfahren

Ihre Reise ist auch eine digitale. Durch die täglichen Live-Updates auf Social Media schaffen sie Transparenz und binden ihre Unterstützer direkt am Geschehen teilhaben. Das schafft Identifikation und zeigt, wie moderne Bürgerschaftsarbeit funktionieren kann. Aus einer privaten „Mädelstour“ wird so eine öffentliche Mission, die viele Menschen mitzieht.

Etappe Startpunkt Zielpunkt Entfernung (km)
1 Essen Dormagen 75
2 Dormagen Köln 50
3 Köln Bonn 30
4 Bonn Freiburg 150
5 Freiburg Saint Tropez 1.650

Ab Samstag wollen sie dann endlich zu dritt weiterradeln. Ihr Weg führt sie durch malerische Landschaften, aber auch über anstrengende Passstraßen. Jeder weitere Kilometer, den sie meistern, wird im Spendenbarometer sichtbar werden und hoffentlich viele weitere Essenerinnen und Essener motivieren, dieses besondere Stück Bürgermut zu unterstützen. Die drei Frauen beweisen: Engagement kennt kein Alter und keine perfekten Bedingungen. Manchmal beginnt es einfach an einem regnerischen Tag auf einem Parkplatz in Essen – mit dem festen Willen, die Welt ein Stückchen besser zu machen, einen Tritt in die Pedale nach dem anderen.


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VonJulia Becker
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Julia ist eine engagierte Reporterin für den Süden Deutschlands mit Schwerpunkt auf München und Stuttgart. Sie schreibt über lokale Kulturveranstaltungen, das wirtschaftliche Stadtleben und Geschichten von Menschen, die ihre Region prägen. Ihre Beiträge zeichnen sich durch Nähe, Empathie und starke persönliche Perspektiven aus.
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