Der Regen macht die Straßen glatt und die Luft kalt. An der zweiten Verpflegungsstation drücke ich die Flasche fester in meiner Hand. Ich höre das rhythmische Klatschen der Profi-Läufer, lange bevor ich sie sehe. Meine Aufgabe ist einfach: Ich stehe hier, halte dieses Wasser bereit und hoffe, dass der Mann, für den ich zuständig bin, es auch sieht. Er läuft vorne, in der Spitzengruppe. Sein Name ist Benard Biwott, und er will den Frankfurt-Marathon gewinnen. Mein Job ist es, ihn zu versorgen.
Ich bin einer von vielen Freiwilligen an diesem Sonntag, aber mein Einsatz ist anders. Ich bin kein Helfer an einer der großen Stationen. Ich bin ein persönlicher Radbetreuer. Das bedeutet, ich begleite einen Elite-Athleten über die gesamten 42 Kilometer. Alle fünf Kilometer treffen wir uns. Ich fahre mit dem Rad vor, hole sein individuelles Getränk und reiche es ihm. Klingt simpel. Die Realität ist ein Wettkampf im Wettkampf.
Als ich die Zuteilung bekam, war ich nervös. Biwott ist Kenianer, sein Debüt in Frankfurt 2024 war ein Sieg. Er spricht von einer Zielzeit von 2:04 Stunden. Das ist ein Wahnsinnstempo. Er rennt jeden Kilometer in knapp drei Minuten. Für mich bedeutet das: Ich habe zwischen den Stationen nur etwa 14 Minuten Zeit. In diesen 14 Minuten muss ich die Flasche abgeben, zu meinem Rad sprinten, mich durch Zuschauermengen kämpfen, fünf Kilometer auf nassem Asphalt radeln, das Fahrrad abstellen, die richtige Flasche finden und mich rechtzeitig in Position bringen. Und zwar schneller als er läuft.
Bei der ersten Station bei Kilometer fünf geht es schief. Ich stehe da, halte die Flasche mit seiner Nummer hoch. Die Gruppe kommt wie ein Expresszug angebraust. Gesichter voller Konzentration. Ich sehe Biwott. Er sieht mich. Aber sein Blick gleitet weiter, er sucht seine Flasche, findet sie nicht und läuft vorbei. In meiner Hand bleibt das Wasser, das er jetzt braucht. Ein Schlag in die Magengrube. Hatte ich mich falsch positioniert? War ich nicht auffällig genug? Für solche Fragen ist keine Zeit. Ich laufe zum Rad. Jetzt zählt nur noch, die verlorenen Sekunden aufzuholen und ihn bei Kilometer zehn zu erwischen.
Die Strecke führt uns durch die Innenstadt, über die Mainbrücken, vorbei an tausenden schreienden Menschen. Der Lärm ist betäubend. Auf dem Rad spüre ich den Regen und den eigenen Adrenalinrausch. Ich muss Biwott überholen, ich fahre so schnell ich kann, die Beine brennen schon jetzt. Bei Kilometer zehn stehe ich früher da. Ich brülle seinen Namen über den Lärm der Menge. „Benard!“ Er dreht den Kopf. Unser Blick trifft sich. Er streckt die Hand aus, greift die Flasche, nimmt einen kurzen Schluck und wirft sie weg. Kein Wort. Aber in diesem Moment verstehen wir uns. Ein Team ist entstanden.
Diese nonverbale Verständigung wird zur Routine. Bei Kilometer 15, bei 20, bei 25. Ein kurzer Blickkontakt, die fließende Übergabe, dann presche ich weiter. Während sein Lauf eine Geschichte von Ausdauer ist, ist meine eine von kurzen, heftigen Sprints. Meine Waden protestieren. Bei Kilometer 25, irgendwo im Stadtteil Sachsenhausen, durchfährt mich ein heftiger Krampf. Ich halte am Straßenrand, trete von den Pedalen und versuche, den Muskel zu lockern. Die Panik steigt auf. Wenn ich jetzt ausfalle, hat er bei 30 und 35 kein Getränk. Ich sehe die Spitzengruppe in der Ferne auf mich zukommen. Da ist er. Das ist genug Motivation. Ich beiße die Zähne zusammen und trete wieder in die Pedale.
Die letzten Kilometer des Marathons sind die entscheidenden. Bei Kilometer 35, auf der Friedensbrücke, läuft Biwott noch immer in der kleinen Führungsgruppe mit. Aber man sieht die Anstrengung. Sein deutscher Konkurrent Petros und der Äthiopier Denki machen Tempo. Biwott kann nicht mehr mit. Meine letzte Aufgabe kommt bei Kilometer 40. Es ist nur noch ein kurzes Stück bis zum Ziel am Römerberg. Auch hier klappt die Übergabe perfekt. Er lächelt kurz. Ein müdes, anerkennendes Lächeln. Ich rufe ihm ein letztes „Go!“ zu und sehe ihm nach, wie er in den finalen Tunnels aus Zuschauern verschwindet.
Ich rolle langsam, völlig erschöpft und durchnässt, Richtung Festhalle. Die Anstrengung holt mich jetzt voll ein. Meine Beine fühlen sich an wie Beton. Drinnen im Zielbereich erfahre ich das Ergebnis: Benard Kipkurui Biwott wird Dritter in 2:06:23 Stunden. Eine starke Leistung, aber nicht der Sieg, auf den er gehofft hatte.
Trotzdem überkommt mich ein tiefes Gefühl der Zufriedenheit. Der Muskelkater wird Tage anhalten. Aber ich habe meinen Teil dazu beigetragen, dass ein Athlet sein Bestes geben konnte. In diesen vier Stunden war ich nicht mehr nur Zuschauer. Ich war ein kleines, aber wichtiges Rädchen im Getriebe dieses Großereignisses. Ich habe die Intensität des Wettkampfs aus nächster Nähe gespürt, den Druck, den die Läufer aushalten müssen, und die absolute Konzentration, die jede Sekunde zählt.
Diese Erfahrung verbindet. Sie zeigt, dass ein Marathon nicht nur von den Athleten getragen wird, sondern von einer ganzen Stadt und hunderten Händen im Hintergrund. An diesem verregneten Oktobertag war eine davon meine.
- Gemeinschaftsgefühl stärken
- Unterstützung für Athleten
- Beeindruckende Leistungen beobachten
- Intensives Adrenalin erleben
- Die eigene Fitness herausfordern
- Ein wertvolles Teammitglied sein
| Kilometer | Aktion | Beobachtungen |
|---|---|---|
| 5 | Erste Flaschenübergabe | Misslungen, Biwott läuft vorbei |
| 10 | Erfolgreiche Übergabe | Kurzer Blickkontakt, positives Gefühl |
| 25 | Kampf gegen Krampf | Panik, aber Motivation durch Biwott |
| 35 | Biwott in der Führungsgruppe | Erschöpfung sichtbar |
| 40 | Letzte Flaschenübergabe | Mutiges Lächeln von Biwott |
| Ziel | Ergebnis erfassen | Biwott wird Dritter |