Für viele Frankfurterinnen und Frankfurter war es ein vertrauter Anker in der belebten Innenstadt, auch wenn er in den letzten Jahren etwas in die Jahre gekommen wirkte: der Hugendubel am Steinweg, direkt an der Hauptwache. In einer Zeit, in der der traditionelle Buchhandel gegen sinkende Umsätze und schwindende Kundenzahlen kämpft, hätte eine Schließung kaum jemanden überrascht. Stattdessen sendet die Münchner Buchhandelskette jetzt ein beeindruckendes Signal der Zuversicht. Nach einer umfassenden, etappenweisen Renovierung präsentiert sich die Frankfurter Filiale auf rund 3.000 Quadratmetern nicht nur in neuem Glanz, sondern mit einem radikal überarbeiteten Konzept, das weit über den reinen Buchverkauf hinausgeht.
Geschäftsführerin Nina Hugendubel und Frankfurts Filialleiter Marlon Nicotera luden am Montag zur ersten Besichtigung. „Es ist ein tolles Zeichen, das wir aus München bekommen“, sagt Nicotera sichtlich stolz. Die Investitionssumme möchte das Unternehmen nicht nennen, nur so viel: „Günstiger wäre es aber schöner gewesen“, bemerkt Nina Hugendubel mit einem Schmunzeln. In einem Marktumfeld, das von Negativschlagzeilen geprägt ist, ist dieser Mut eine kleine Sensation. Laut Börsenverein des Deutschen Buchhandels sank der Buchabsatz im ersten Halbjahr 2026 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 4,5 Prozent. Seit 2018 mussten fast ein Viertel aller Buchhandlungen in Deutschland schließen. Hugendubel schwimmt bewusst gegen diesen Strom und setzt weiter auf den stationären Handel als Kern seines Geschäfts.
Ein Haus mit Geschichte wird zum Erlebnisort
Das Gebäude in der Biebergasse, ein ehemaliges Kino, bot schon immer hervorragende Voraussetzungen. Mit vier Etagen, einem hellen Atrium, zahlreichen Nischen und Eingängen von zwei Seiten besitzt es die Großzügigkeit eines kleinen Warenhauses. Die Architektur sei „ein Highlight für sich“, betont Nina Hugendubel. Diese besondere Raumsituation wurde nun durch die Renovierung optimal in Szene gesetzt. Neue, gedecktere Farben und hochwertige Materialien ersetzen das frühere knallige Rot. Akustikpaneele unterteilen die Flächen und schaffen eine angenehme Atmosphäre, die zum Verweilen einlädt.
Doch das Herzstück der Neuausrichtung ist die Erweiterung des Angebots. Die reine Ware Buch reicht heute nicht mehr aus. „Hier geht es auch um die Atmosphäre, die Kunden sollen bleiben“, erklärt Hugendubel die Philosophie. So verwandelt sich die Buchhandlung Schritt für Schritt in einen urbanen Treffpunkt. In der „Welt der Kinder“ im Untergeschoss lädt jetzt ein kleiner Spielplatz zum Toben ein, während Eltern in Ruhe stöbern können. Brett- und Kartenspiele werden prominent präsentiert, und einige Tische können sogar für Spielerunden angemietet werden.
Ein absoluter Hingucker ist die XXL-Nachbildung einer roten Londoner Telefonzelle, die das Zentrum der großzügigen englischsprachigen Abteilung bildet. An anderer Stelle kommen Frankfurter Eintracht-Fans auf ihre Kosten, denn der Hugendubel führt jetzt offizielle Lizenzprodukte des Bundesligisten. Sogar eine kleine Esoterik-Abteilung mit Räucherwerk und Aromen hat im Untergeschoss Platz gefunden. Besonders bemerkenswert ist der Fokus auf die junge Zielgruppe: Das erfolgreiche Genre „New Adult“, das speziell junge Erwachsene anspricht, wird prominent in Szene gesetzt – eine kluge Reaktion auf Studien, die eine nachlassende Leselust genau in dieser Altersgruppe beklagen.
„Henris Bistro“ und Events: Der Laden wird zum Wohnzimmer
Der vielleicht wichtigste neue Anlaufpunkt ist „Henris Bistro“, benannt nach Heinrich Hugendubel, dem Vater der heutigen Geschäftsführerin. Das hauseigene Café schafft einen sozialen Mittelpunkt im Haus. Es ist der physische Ausdruck der Strategie, den Buchkauf mit einem Erlebnis zu verbinden. „Die Filialen bleiben unser Kern, denn online lässt sich keine Stimmung vermitteln“, stellt Nina Hugendubel klar.
Diese Stimmung soll durch ein lebendiges Eventprogramm weiter angeheizt werden. Regionsleiterin Uta Wischendorf, die die Filiale seit ihrer Eröffnung im Jahr 1991 kennt, hat einiges geplant. Den Auftakt macht ein „Hitster-Battle“ am kommenden Freitag, ein Musikquiz, das Generationen verbindet. Weitere Veranstaltungen sollen folgen:
- Lesungen
- Spielenächte
- Signierstunden
- Vorträge
- Kinderveranstaltungen
- Themenabende
Auch bei der Bezahlung setzt man bewusst auf persönlichen Kontakt. Während Konkurrenten auf Selbstbedienungskassen setzen, bleibt Hugendubel bei sieben persönlich besetzten Kassen. „Über Selbstbedienungskassen denken wir zwar intensiv nach“, so Hugendubel, „aber wir sehen, dass sie teilweise schon wieder zurückgebaut werden.“ Regionsleiterin Wischendorf ergänzt: „Wenn man am Ende des Besuchs doch mit jemandem sprechen muss, hat das doch auch was.“ Es ist ein Bekenntnis zum Service und zum zwischenmenschlichen Austausch, der in der digitalen Welt immer seltener wird.
Eine Investition in die Zukunft der Innenstadt
Die Neueroffnung des Hugendubel ist mehr als nur eine gelungene Ladenrenovierung. Sie ist ein wichtiges Signal für die Frankfurter Innenstadt in einer Zeit des Umbruchs. Der Einzelhandel kämpft mit Leerständen und verändertem Konsumverhalten. Dass ein traditionsreiches Familienunternehmen hier mutig investiert und auf Qualität, Erlebnis und Gemeinschaft setzt, hat eine große symbolische Kraft. Es zeigt, dass physische Orte mit einem durchdachten Konzept weiterhin relevant sein können – vielleicht sogar notwendiger denn je.
Für die Frankfurter Bürgerinnen und Bürger bedeutet dies die Rückgewinnung eines Stücks urbaner Lebensqualität. Statt eines anonymen Online-Klicks bietet der neue Hugendubel einen Ort der Begegnung, der Inspiration und der Muße mitten in der Hektik der Stadt. Man kann hier jetzt nicht nur ein Buch kaufen, sondern einen ganzen Nachmittag verbringen: im Bistro plaudern, mit den Kindern spielen, in der englischen Abteilung schmökern oder am Eventabend mit anderen Frankfurtern lachen.
In dem Moment, in dem viele über den Niedergang der Buchkultur und der Innenstädte sprechen, schreibt Hugendubel in Frankfurt eine Gegengeschichte. Es ist die Geschichte davon, dass Investitionen in Gemeinschaft und Atmosphäre sich lohnen können. Ob das Konzept langfristig aufgeht, wird der Markt zeigen. Der erste Eindruck jedoch, an diesem Eröffnungstag, ist der einer Buchhandlung, die sich mit viel Liebe zum Detail und Weitsicht für die Zukunft gerüstet hat – und die damit ein Stück weit auch die Zukunft unserer Innenstadt mitgestaltet.