Frankfurt: Renaturierung gestoppt wegen Altlasten
Das Projekt am Heddernheimer Urselbach liegt seit April still. Ein ökologischer Ausgleich für den S-Bahn-Ausbau hat tausende Tonnen giftigen Schutt freigelegt. Jetzt geht es um hohe Kosten, lange Verzögerungen und die Frage, wer zahlt.
In Frankfurt-Heddernheim, zwischen den Wohngebieten und dem grünen Ufer des Urselbachs, herrscht seit Monaten eine ungewöhnliche Ruhe. Ein Bauzaun umschließt eine Brache, wo eigentlich bald Wasser plätschern und neues Leben entstehen sollte. Ein ambitioniertes Renaturierungsprojekt, das den Bach ökologisch aufwerten und die Gegend besser vor Hochwasser schützen soll, ist jäh ins Stocken geraten. Der Grund liegt nicht in bürokratischen Hürden, sondern buchstäblich in der Erde: Rund 3000 Tonnen stark belasteter Boden wurden freigelegt, verseucht mit potenziell krebserregenden Schwermetallen und polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK). Was als Gewinn für die Natur geplant war, entpuppte sich als kostspieliger Altlastenfall, der nun die Anwohner, die Stadt und die verantwortliche Deutsche Bahn vor massive Probleme stellt.
Die Dimensionen sind gewaltig. Die Deutsche Bahn, die das Projekt als ökologischen Ausgleich für den viergleisigen Ausbau der S-Bahn-Strecke S 6 nach Bad Vilbel umsetzt, spricht von mehr als hundert benötigten Schwerlastern, um den giftigen Aushub abzutransportieren. Ortsvorsteherin Katja Klenner (CDU) berichtet von laufenden Diskussionen über Entsorgungskosten in sechsstelliger Höhe. „Das kostet jede Menge Geld“, sagt sie nüchtern. Dabei war allen Beteiligten klar, dass in diesem früheren Industriegebiet im Frankfurter Norden mit belasteten Böden zu rechnen sein könnte. „Was jedoch überrascht habe, sei das Ausmaß der Befunde“, bestätigt auch die Stadt Frankfurt. „Es wurden alle möglichen Mischproben gefunden“, beschreibt Klenner die Situation.
Eine Altlast mit Geschichte und ein verdächtiger „Müllberg“
Die Fundstelle am Eschersheimer Wehr liegt in einer historisch belasteten Zone. Direkt angrenzend erhebt sich ein begrünter Hügel, den viele Heddernheimer nur als den „Müllberg“ kennen. Ortsvorsteherin Klenner klärt auf: Dabei handelt es sich um eine Aufschüttung aus Deponie- und Aushubmaterial, Altlasten der früheren Vereinigten Deutschen Metallwerke (VDM). „Dort liegen Müll und Schlacke vom Industriestandort.” Das VDM-Stammwerk, einst ein bedeutender Metallverarbeiter, schloss 1982 seine Pforten, hinterließ aber sein toxisches Erbe.
Ein direkter, amtlich nachgewiesener Zusammenhang zwischen diesem Berg und der jetzt am Urselbach gefundenen kontaminierten Erde steht zwar noch aus, gilt aber als sehr wahrscheinlich. Stephanie Mohr-Hauke, Anwohnerin und SPD-Mitglied im Ortsbeirat 8 für Heddernheim, Niederursel und Nordweststadt, vermutet Verbindungen über alte Abwasserkanäle und Grundwasserströmungen. „Dass am Bach mit Schadstoffen belastetes Erdreich gefunden worden sei, habe mich deshalb nicht überrascht”, sagt sie. Die gefundenen Substanzen seien eindeutig gefährlich. Die Enttäuschung in der Nachbarschaft ist dennoch groß, denn das Renaturierungsprojekt versprach mehr Lebensqualität – nun dominieren erst einmal Baustopp und Ungewissheit.
Langer Stillstand und unklare Perspektiven
Seit April ruhen die Arbeiten. Die Bahn hatte zuvor das Bachbett auf etwa 400 Metern Länge tiefergelegt, um eine neue Verbindung zwischen Nidda und Urselbach zu schaffen. Dabei kam der verseuchte Boden ans Tageslicht. Laut Bahn begann im Mai ein erster Abtransport zu einer speziellen Deponie. Für die Hauptmenge der 3000 Tonnen fehlt jedoch bis heute ein fertiges Konzept. Ein Bahnsprecher teilte mit, man erarbeite derzeit einen Entsorgungsplan, der in einigen Wochen vorliegen solle. Allein: Eine geeignete und in akzeptabler Nähe liegende Deponie sei noch nicht gefunden. Die Arbeiten könnten sich so bis in den Oktober hineinziehen.
Die Stadt Frankfurt, die das Projekt lediglich fachtechnisch begleitet, sieht sich in einer beobachtenden Rolle. Die Verantwortung für die Sanierung und die Kosten liege klar bei der Deutschen Bahn als Projektträgerin. Gleichzeitig prüfen sowohl Stadt als auch Bahn juristisch, inwieweit man die mutmaßlichen Verursacher der Verschmutzung – also im Fall der Beweisbarkeit die Nachfolger der VDM – noch an den Kosten beteiligen kann. Für Ortsvorsteherin Klenner ist das eine Prinzipienfrage: „Wenn sich zweifelsfrei herausstellen würde, dass die VDM für die Umweltverschmutzung verantwortlich sei, müsse das Unternehmen auch haften und zahlen. Das kann man nicht auf den Steuerzahler abwälzen.”
Für die Anwohner bedeutet der Stillstand mehr als nur eine verpasste ökologische Aufwertung. Es ist ein Vertrauensverlust in die Planungssicherheit solcher Großprojekte. Das Areal bleibt eine eingezäunte Baustelle, die fertige Renaturierung mit ihren promised Vorteilen für Hochwasserschutz und Naherholung rückt in weite Ferne. Der Fall am Urselbach zeigt exemplarisch die Herausforderungen der Stadtentwicklung in alten Industrieregionen: Unter der idyllischen Oberfläche lauern oft die Hypotheken der Vergangenheit, deren Beseitigung teuer, kompliziert und langwierig ist. Jetzt geht es darum, diese Altlast nicht nur physisch, sondern auch durch transparente Kommunikation und zügiges Handeln aller Beteiligten zu beseitigen, um das Vertrauen der Heddernheimer Bürger zurückzugewinnen.
- Bodenfreilegung: Rund 3000 Tonnen belasteter Boden gefunden
- Entsorgungskosten: Sechsstellige Beträge diskutiert
- Gesuchtes Konzept: Entsorgungsplan noch in Arbeit
- Historische Belastung: Verbindung zum ehemaligen VDM-Verlagerungsort
- Vertrauensverlust: Anwohner zeigen Unmut über Stillstand
- Hochwasserschutz: Projektziel in weiter Ferne
| Aspekt | Details |
|---|---|
| Projektverantwortung | Deutsche Bahn |
| Belastungen | Schwermetalle, PAK |
| Vermuteter Verursacher | Vereinigte Deutsche Metallwerke (VDM) |
| Stillstandsdauer | Seit April |
| Anzahl benötigter Laster | Mehr als 100 |
| Hauptproblem | Fehlendes Entsorgungskonzept |